Darauf kommt es bei der Passform an

So beeinflussen Halfter das Wohlbefinden

Foto: Rädlein Pferd mit Halfter

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Stallhalfter können Blockaden und Rittigkeitsprobleme auslösen. Wir zeigen, worauf es bei Passform und Verarbeitung ankommt.

Sie sind oft bunt, glitzernd und günstig: Halfter. Auf Reitsportmessen landen sie als modisches Accessoire wie im Vorbeigehen im Einkaufskorb. Denn anders als bei Sattel oder Zaumzeug muss man beim Halfter ja nicht viel beachten – oder etwa doch?

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Billige Verarbeitung als Ursache von Blockaden

Pferde-Osteopathin Julie von Bismarck weiß, dass das nicht stimmt: „Ich hatte bereits mehrere Patienten, bei denen sich am Schluss das Halfter als Ursache wiederkehrender Blockaden herausstellte“, berichtet sie (mehr dazu auch in ihrem Buch „Reitsport – Auf dem Rücken des Pferdes“). Welche Kleinigkeiten solche Blockaden auslösen und damit auch das Wohlbefinden des Pferds beeinträchtigen können, ist kaum zu glauben. Umso mehr lohnt es sich, das Halfter des eigenen Pferds gründlich auf Passform und Verarbeitung zu prüfen und beim Kauf auf Qualität zu achten.

Billige Verarbeitung kann die Ursache von Verspannungen und Blockaden sein: So haben gängige, günstige Halftermodelle meist nur auf der linken Seite eine Schnalle zum Verstellen des Backenstücks. „Durch den unsymmetrischen Aufbau zieht das Halfter nach links“, beobachtet Julie von Bismarck. Hinzu kommt, dass bei solchen Halftern die Unterfütterung oft sehr hart ist und auf der rechten Seite weit oben am Genick endet. „Ich hatte einen Wallach als Patienten, bei dem das Gewicht der Schnalle das Ende des Polsterungsvlieses auf den rechten Atlasflügel zog“, berichtet Julie von Bismarck. „Wie viele Füchse hatte der Wallach eine besonders sensible Haut und wollte diesem Scheuern entgehen, indem er seinen Kopf verdrehte, wodurch er sich den ersten Halswirbel blockierte.“ Die Folge: Das bis Klasse S in der Dressur ausgebildete Pferd verwarf sich beim Reiten im Genick, die Anlehnung war nicht konstant und er wirkte unter dem Sattel unzufrieden.

Unangenehmer Halfterdruck im Genick

Bereits Kleinigkeiten können die Rittigkeit stören: Das Beispiel des sensiblen Fuchses zeigt, wie wichtig es ist, auf gut gepolsterte Halfter mit zwei Schnallen zu setzen und diese immer ins gleiche Loch zu verschnallen.

Außerdem sollten Reiter Augenmerk auf individuelle Empfindlichkeiten des Pferds legen und das Halfter entsprechend wählen. „Manche Pferde sind zum Beispiel sehr empfindlich am obersten Halswirbel“, sagt Daniela Müller, Pferde-Physiotherapeutin von Barefoot. „Das ist besonders dann der Fall, wenn der Schleimbeutel schon einmal entzündet war. Diese Pferde reagieren auf Druck im Genick unwillig, weil ihr Schmerzgedächtnis aktiviert wird“, erklärt Daniela Müller. Anatomisch geformte Genickstücke können den Halswirbel entlasten (z. B. beim Halfter „2-in-1“ mit wechselbarem Genickstück von Barefoot.

Foto: Lisa Rädlein CAVALLO Pferdehalfter können Wohlbefinden beeinträchtigen

Richtig verschnalltes Halfter mit Not-Öffnung.

Fehler beim Verschnallen des Halfters

Auch Fehler beim Verschnallen beeinträchtigen das Pferd: Nicht nur die Machart des Halfters ist entscheidend. Auch beim Anziehen kann der Teufel im Detail stecken, wenn der Reiter unaufmerksam ist. „Ich sehe ab und zu immer noch, dass der Karabinerhaken am Halfter verkehrt herum geschlossen ist“, erzählt Julie von Bismarck. Der Verschluss des Hakens drückt dann in die Pferdebacke. „Dort liegt der Musculus masseter, der größte Kaumuskel des Pferds“, erklärt von Bismarck. „Außerdem verläuft einer der zwölf Hirnnerven, der Nervus facialis, mit seinen Ästen in diesem Bereich.“

Schmerzt dieser Druck ein sensibles Pferd, will es mit der Nase nach rechts – weg vom piksenden Haken. Dabei blockiert es im Genick nach links. Auf Dauer kann eine solche Schonhaltung den Unterkiefer verschieben, Kiefergelenke und die gesamte Kopfmuskulatur strapazieren.

Richtig angepasstes Halfter

Halfter müssen richtig angepasst werden: Halfter können nicht nur falsche Schonhaltungen auslösen, sondern auch die Bewegungsfreiheit einschränken. Tragen Pferde im Stall, auf der Weide oder beim Füttern am Anbindeplatz ein Halfter mit zu engem Nasenriemen, kann das die Mahlbewegungen des Kiefers beeinträchtigen. „Das kann dazu führen, dass das Futter nicht ausreichend zerkleinert wird“, erklärt Julie von Bismarck.

Auch Liane Klahn von LK-Kombihalfter stellt den Nasenriemen so ein, dass das Pferd gut kauen kann. „Unterm Kinn und am Kehlriemen sollte das Halfter aber auch nicht zu weit sein, sonst besteht Verletzungsgefahr, weil das Pferd leichter mit dem Huf hängen bleiben kann – etwa beim Kratzen“, gibt sie zu bedenken.

Nur im Notfall soll sich das Halfter lösen

In Notsituationen ist gewünscht, dass das Pferd das Halfter loswerden kann. Bleibt es irgendwo hängen, helfen zum Beispiel Sicherheitsverschlüssse aus Klettband oder elastische Einsätze beim Loskommen. Am sichersten und empfehlenswert ist trotzdem, dem Pferd auf Koppel und Auslauf das Halfter abzunehmen.

Auch am Anbindeplatz kann es zu kritischen Situationen kommen: Geraten Pferde in Panik, können sie sich nach hinten ins Halfter lehnen und mit den Hinterbeinen wegrutschen, oder das Halfter kann bei hohem Zug plötzlich reißen. Eine eingearbeitete Sollbruchstelle im Halfter oder Strick sollte bereits bei weniger Zug nachgeben und so die Gefahr eines Sturzes oder gar Überschlags nach hinten verringern.

Wie ein CAVALLO-Zugtest zeigte, lässt sich schwer einschätzen, wann ein normales Halfter nachgibt. Von sieben getesteten Halftern rissen manche schon bei einer Zugkraft von 72 Kilo, andere erst bei fast 900 Kilogramm. Ein Sicherheitshalfter oder -anbinder kann also sinnvoll sein.

Materialien haben unterschiedliche Qualität

Mit Sicherheitsanbindern verhindern Sie auch, dass minderwertige Haken platzen und herumgeschleudert werden. „Es gibt im Pferdebereich nur noch gegossene Haken, Lufteinschlüsse und Hohlräume sind an der Tagesordnung“, sagt Klaus Dittus von Seilwerk. „Qualitativ hochwertige Beschläge kann man aber nicht erkennen.“

Käufer können also nur auf eine flache Form und das Gewicht achten. „Ich finde sehr schwere Beschläge schwierig, da ich nicht mehr Gewicht als unbedingt nötig an den Pferdekopf packen möchte“, sagt Julie von Bismarck. Achten Sie auch bei Lederhalftern auf gute Qualität und Pflege – nur dann ist das Leder geschmeidig und angenehm fürs Pferd. „Wichtig ist auch eine gute Verarbeitung der Nähte, egal ob Leder-, Gurtband- oder Nylonhalfter“, sagt Liane Klahn.

Genau hinschauen lohnt sich: Wer auf gute Qualität achtet, hat nicht nur länger etwas von seinem Halfter, sondern auch ein zufriedeneres Pferd.

07.08.2018
Autor: Natalie Steinmann
© CAVALLO
Ausgabe 07/2018