Sättel für Spezialfälle

Der richtige Sattel für besondere Pferderücken

Foto: Tom Hartig Sättel für Spezialfälle: Der richtige Sattel für besondere Pferderücken

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Ob hoher Widerrist, breit oder kurz – wenn der Pferderücken nicht der Norm entspricht, wird die Sattelsuche kompliziert. Unsere Experten zeigen, worauf Reiter achten müssen.

Jeder Pferderücken ist anders und jedes Pferd hat ein Recht auf einen passenden Sattel. Das hört sich einfach an, ist in der Umsetzung jedoch oft schwierig. Besonders wenn das Pferd keinen Standardrücken hat.

Die Sattel-Experten Heike und Frank Schweikert erläutern auf den kommenden Seiten, was die Herausforderungen bei Problemrücken sind. Sie geben Tipps für die drei häufigsten Rücken-Herausforderungen: hoher Widerrist, breiter und kurzer Rücken. Und sie erklären, was Reiter tun können, wenn Pferde durch unpassende Sättel bereits dauerhaft Schaden genommen haben.

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Alarmzeichen für einen falschen Sattel

Denn schlecht oder gar nicht passende Sättel stören die Verbindung von Reiter und Pferd. Sie verursachen im schlimmsten Fall Schmerzen und gesundheitliche Schäden wie Kissing Spines, Arthrosen oder Muskelatrophien. Ein zu enger Wirbelkanal kann zum Beispiel Schäden in der Kruppenmuskulatur nach sich ziehen. Ein falsch angepasster Schulterwinkel verursacht mit großer Wahrscheinlichkeit Probleme im Bereich des Trapezmuskels.

Alarmzeichen für Probleme mit der Sattelpassform sind Sattelzwang, Aufwölbungen im Bereich der Lendenpartie oder verspannte Rückenmuskeln.

So lassen sich Rückenschäden vermeiden

Langzeitschäden durch falsche Sättel lassen sich jedoch vermeiden. „Wir sehen immer wieder falsch liegende und auch schon von Anfang an falsch verkaufte Sättel“, erzählt Frank Schweikert. „Unser Ziel ist es deshalb, Reiter und Pferd so zu unterstützen, dass beide Seiten Spaß am Reiten haben. Die Herausforderung für den Sattler ist es ja, zwei im Grunde völlig unterschiedliche Körperformen so zu verbinden, dass sich beide sicher, locker und harmonisch zusammen bewegen können.“

Die wichtigsten Parameter für einen gut angepassten Sattel sind die passende Baumgröße, die richtige Baumweite, die Form des Kopfeisens (siehe Grafik unten) und ein individuell bemessener Schulterwinkel. Darüber hinaus wird kontrolliert, dass sensible Reflexpunkte etwa am Widerrist nicht berührt werden und die Sattellänge stimmt.

Die Sattel-Experten begutachten außerdem die Figur des Pferds: „Wenn ein Pferd sehr dünn ist, werden schlecht Muskeln aufgebaut, weil die Energie für den Grundumsatz, also für Herz, Lunge, Verdauung und Wärme benötigt wird. Hier müssen Polster ausgleichen, was die fehlende Muskulatur nicht leisten kann. Bei dicken Pferden beeinflusst der Bauch die Gurtlage und somit auch die Lage des Sattels“, erklärt Heike Schweikert.

Die Wahl des richtigen Kopfeisens

Zu den ersten Schritten bei der Sattelprobe gehört die genaue Vermessung des Pferderückens und die Auswahl der richtigen Kopfeisenform. Die Skizze zeigt, welches Kopfeisen zu welchem Rücken passt:

Foto: CAVALLO CAVALLO Die Wahl des richtigen Kopfeisens

Problem: Hoher Widerrist

Zu den häufigsten Herausforderungen für Sattler gehören Pferde mit einem hohen Widerrist: „Bei vielen Sätteln kommt die Sattelkammer dem Widerrist zu nahe. Um das zu verhindern, stellen einige Sattler die Ortweite zu eng ein“, sagt Frank Schweikert. Die Ortweite ergibt sich aus dem Abstand zwischen den unteren Schenkelenden des Kopfeisens. Sie wird oft auch als Kammerweite bezeichnet. Mit einer engeren Ortweite und einem somit spitzeren Winkel des Kopfeisens soll verhindert werden, dass der Vorderzwiesel des Sattels am hohen Widerrist aufliegt.

„So entsteht allerdings zu viel Druck auf die Muskeln am Widerrist. Das Pferd kann den Rücken nicht aufwölben, häufig entstehen Muskelatrophien im Bereich des Trapezmuskels“, erklärt Heike Schweikert. Der Sattel klemmt so regelrecht hinter der Schulter fest, der Schulterblatt-Knorpel kann unter dem Sattel nicht durchrotieren und das Pferd läuft gebunden auf der Vorhand. Weiterer Negativeffekt: Der Sattel kippt nach hinten, der Sattelschwerpunkt verlagert sich und der Druck auf die Lendenmuskeln erhöht sich.

Lösung: Die Sattel-Experten raten, zuerst am Pferderücken den idealen Auflagebereich und den Schwerpunkt zu ermitteln, über dem der Reiter sitzen sollte. Anschließend sollte der Sattel ohne Unterlage aufgelegt und Widerristfreiheit, Kissenkontakt sowie der Schwerpunkt überprüft werden.

Bei vielen Pferden mit hohem Widerrist zeigen sich deutliche Muskelschäden hinter der Schulter (siehe Fotostrecke). Damit der Sattel nicht in die Mulden hinter der Schulter rutscht und dort klemmt, muss eine Lösung gefunden werden. Die liefert häufig eine polsternde Unterlage, die die Mulde auffüllt und den Sattel auf die Höhe des Schulterblatts anhebt. So wird der Höhenunterschied zum Schulterblatt ausgeglichen und die Schulter kann wieder frei rotieren. Parallel dazu empfehlen die Sattel-Experten, mit gezielter, gymnastizierender Bodenarbeit hier wieder Muskulatur aufzubauen.

Das Kopfeisen sollte außerdem möglichst parallel zum Schulterblatt verlaufen. Bei einem stehenden Pferd lässt es sich mit der Hand recht gut erfühlen, ob der Sattel an die Schulter stößt und sie behindert.

Wichtig: Sättel für Pferde mit hohem Widerrist müssen hinten oft etwas angehoben werden, um das Reitergewicht nach vorne in den richtigen Schwerpunkt zu verlagern. „Hier ist es sinnvoll, durch eine Kissenerhöhung hinten bzw. ein größeres Kissenvolumen den Sattel wieder in die richtige Balance zu bringen“, erläutert Heike Schweikert.

Problem: Breiter Rücken

Bei breiten Pferden ist der Sattelbaum oft zu eng. Dadurch liegt der Sattel nicht stabil und verrutscht sowohl seitlich nach links und rechts, aber auch nach vorne. Der Faktor „Baumbreite“ ist vielen Reitern gar nicht bewusst: „Oft verwechseln sie die Breite vom Kopfeisen, das ja bei den meisten Sätteln verstellbar ist, mit der Breite des Sattelbaums zwischen den Steigbügel-Aufhängungen. Die Baumbreite eines Sattels kann jedoch nicht verändert werden“, sagt Heike Schweikert. Ein weiteres Problem bei breiten Pferden: Der Sattelgurt rutscht oft vor und behindert so die Aktion des Ellenbogens.

Lösung: Am Wichtigsten für breite Pferde ist es, von vornherein einen Sattel mit einem ausreichend breiten Baum zu wählen. Das Angebot der Hersteller in diesem Segment ist allerdings überschaubar.

Bei breiten, kräftigen Pferden reicht oft auch die Schulter des Pferds recht weit nach hinten. Um eine ausreichende Schulterrotation zu ermöglichen, muss das Kopfeisen einen breiten Bogen haben und dem Schulterwinkel entsprechen.

„Wir achten neben der Breite des Sattelbaums auch darauf, dass der Kissenkanal v-förmig zuläuft. So hat die Wirbelsäule ausreichend Platz, der Sattel liegt dadurch stabiler auf dem Pferd. Außerdem sollte der Sattel gleichmäßig und weich gepolstert sein und eine möglichst breite Auflagefläche haben“, ergänzt Frank Schweikert.

Ob der Baum breit genug ist, kann man als Reiter recht gut selbst einschätzen. Fahren Sie dazu mit der Hand von vorne nach hinten zwischen Sattelkissen und Pferderücken entlang. Die Hand soll sanft und ohne Widerstand durchgleiten können.

Wichtig bei breiten Pferderücken und somit auch runderen Pferdebäuchen ist die richtige Lage des Sattelgurts. Entscheidend ist die vordere Gurtstrupfe. Damit der Ellenbogen genug Freiheit hat, muss sie senkrecht nach unten führen, nachdem angegurtet wurde. Das wird am besten mit aufgelegter Satteldecke überprüft.

„Wir empfehlen für solch ein Exterieur einen sogenannten Mondgurt“, sagt Frank Schweikert. „Der schützt das Brustbein durch eine breitere Auflage und verhindert, dass der Gurt in der Bewegung vom Bauch noch weiter nach vorne geschoben wird.“ Ein Gedankenbild verdeutlicht das Problem: Versucht man eine Schnur rund um eine Sanduhr zu ziehen, wird diese immer in die dünnste Stelle, also die Taille rutschen. Deshalb hat der Gurt bei runden Pferdebäuchen die Tendenz zu weit nach vorne zu rutschen und die Ellenbogen-Freiheit zu behindern. Der Mondgurt kann durch seine Form der Anatomie eines runden Pferdebauchs besser folgen als ein gerader Gurt.

Problem: Kurze Sattellage

Bei einigen Pferden ist die Sattellage anatomiebedingt ziemlich kurz. Betroffen von dieser Problematik sind vor allem kleinere Pferderassen wie Araber oder Isländer. Viele dieser Pferde haben einen für sie deutlich zu langen Sattel.

Wie lang die Sattellage Ihres Pferds ist, können Sie sehr gut selbst ermitteln, indem Sie vorne den Schulterknorpel erfühlen und für die hintere Begrenzung die letzte Pferderippe ertasten. Von hier aus dann die Hand senkrecht nach oben zum Pferderücken wandern lassen. Über diese Punkte sollte der Sattel nicht hinausragen.

Problematisch an einem zu langen Sattel ist die falsche Druckverteilung. Der Sitzschwerpunkt und somit das Reitergewicht liegen zu weit hinten, es entsteht Druck hinter der 18. Pferderippe. Dort ist der Pferderücken jedoch nicht mehr belastbar. Die Konsequenz: Das Pferd kann sich schlechter biegen und den Rücken nicht mehr aufwölben. Liegt dauerhaft zu viel Gewicht hinter der 18. Rippe, drohen Verspannungen im Rücken und in der Lendenmuskulatur.

Lösung: Bei kurzen Auflageflächen hilft ein kleiner Sattel nicht unbedingt. Der Reiter braucht ja auch noch genügend Platz. „Hier muss oft ein Kompromiss gefunden werden“, erklärt Heike Schweikert. „Konkret: Der Sattel ragt dann zwar über die 18. Rippe hinaus, es darf hier aber keinesfalls Druck entstehen.“

Deshalb muss der Sitz des Sattels mit der 18. Pferderippe enden. Die Sattelkissen hingegen dürfen darüber hinausragen. „Der Sattelschwerpunkt muss in diesem Fall wirklich vorne liegen“, betont Heike Schweikert. Eine entsprechende Polsterung der Sattelkissen muss dafür sorgen, dass der Sattel im hinteren Bereich entlastet wird. Zusammen mit einem flachen Sitz kann so ein durchaus guter Weg gefunden werden.

Von einem kürzeren Sattel raten die Experten dagegen ab. Oft wird dadurch die Sitzfläche für den Reiter zu klein. Die Folge: Der Reiter bringt zu viel Gewicht nach hinten, sitzt oft sogar auf dem Sattelkranz und drückt damit hinten in die Sattellage.

Problem: Sattel-Schäden

Pferde können leider nicht sprechen und sich über Schmerzen beschweren, die durch falsche Sättel verursacht wurden. Umso wichtiger ist es, dass Reiter ihr Pferd genau beobachten. Satteldruck und Muskelveränderungen sind ernstzunehmende Anzeichen für Sattelprobleme. Diese stellen sich nicht von heute auf morgen ein, sondern sind das langfristige Ergebnis von schlecht liegenden Sätteln. Achten Sie auf ihr Pferd: Weicht es dem Sattel aus, beißt es oder schlägt mit dem Schweif, ist es höchste Zeit für einen Sattel-Check.

Pferde, die unter einem unpassenden Sattel gelitten haben, reagieren später oft auch auf gut passende Sättel empfindlich. Ihr Schmerzgedächtnis wird bereits aktiviert, wenn ein Sattel nur einen Reflexpunkt berührt. „Wir raten in solchen Fällen zu einer weichen Unterlage, die den Druck besser verteilt und es dem Pferd angenehmer macht. Manchmal hilft es auch, vorsichtiger anzugurten oder dem Pferd öfter ein paar reitfreie Tage zu geben“, rät Heike Schweikert. Wenn das nicht reicht, kommen eventuell flexible Sättel infrage. Allerdings haben die auch ihre Tücken, wie Heike Schweikert erklärt: „Ein stabiler Sattelbaum verteilt das Reitergewicht relativ gleichmäßig auf dem Pferderücken. In flexiblen Sätteln können Reiter im Pferderücken viel leichter punktuellen, schmerzhaften Druck ausüben – vor allem, wenn sie nicht ganz balanciert sitzen.“ Bei baumlosen Modellen ist außerdem zu beachten: Der Sattel sollte keine Steigbügel haben und der Gurt oder die Gurtbefestigung sollte nicht über dem Widerrist liegen.

06.12.2018
Autor: Ute Stabingies
© CAVALLO
Ausgabe 11/2018