Die richtige Fütterung bei Cushing und Hufrehe

Zwischen Mangel und Übermaß - das Equine Metabolische Syndrom

Foto: Pixabay Pferd frisst Apfel vom Baum
Das Equine Metabolische Syndrom hat üble Begleiter: Cushing und Hufrehe. Futter lässt den Stoffwechsel entgleisen – oder bringt ihn wieder auf die Spur.

Die Abkürzung EMS für das Equine Metabolische Syndrom kennen inzwischen viele Pferdebesitzer. Und auch die Begleiterkrankungen, das Equine Cushing Syndrom (ECS) und die Hufrehe, sind gefürchtet. Doch was ist das EMS tatsächlich?

Diese Frage wird in etlichen Foren, Artikeln und generell in der Literatur ausgiebigst behandelt. Wir möchten heute unseren eigenen Blick auf diese Stoffwechselerkrankungen und ihre Folgen richten. Wobei zu berücksichtigen ist, dass viele Zusammenhänge noch nicht endgültig erforscht sind und sich daher die Ursachen und Auswirkungen vielfältig diskutieren lassen.

Was sind EMS & ECS?

Das Equine Metabolische Syndrom ist – ähnlich dem Metabolischen Syndrom beim Menschen – gekennzeichnet durch eine Störung des Fett- und Glucosestoffwechsels. Es ist eine Wohlstandserkrankung, die nach unseren Erfahrungen alle Pferdegruppen betrifft. Wir beobachten zudem, dass die Pferde in immer jüngeren Jahren erkranken.

Erste Symptome wie Konzentrationsstörungen, Leistungsabfall und wiederkehrende Infekte werden allerdings oft gar nicht mit dem EMS in Verbindung gebracht. Erst mit der Zeit werden die typischen Fettpolster an Mähnenkamm, Schulter, Hüfte und Schweifansatz sowie ein aufgeblähter Bauch sichtbar.

Häufig erkranken EMS-Patienten zusätzlich am ECS, was einen Zusammenhang als Folgeerkrankung nahelegt – basierend auf vermehrtem Stress und Nährstoffmangel, die auch typisch fürs EMS sind. Cushing tritt ebenfalls immer häufiger bei jüngeren Pferden auf. Anzeichen sind Störungen des Fellwechsels, wiederholt schwerwiegende Infekte – und später hartnäckige Hufrehe.

Foto: Rädlein 7 Futter-Tipps für dicke Pferde

Heunetze verlangsamen das Fressen.

Was im Pferd passiert

Das EMS ist eine komplexe Erkrankung die aller Wahrscheinlichkeit nach auf eine Kombination aus mangelnder Bewegung, einer zu hohen Zufuhr an einfachen Kohlenhydraten, aber auch Rohfetten und einem Mangel an Nährstoffen zurückzuführen ist.

Tatsächlich haben übergewichtige EMS-Patienten zum Teil erhebliche Mangelerscheinungen, insbesondere bei sekundären Pflanzenstoffen sowie Spurenelementen. Weiterhin fehlt es an hochwertigen strukturierten Kohlenhydraten für die Darmflora.

Die Darmflora spielt bei jeder Stoffwechselerkrankung eine entscheidende Rolle. So führt die hohe Last an einfachen Kohlenhydraten durch Weidegras sowie Getreide (insbesondere Gerste und Weizen) zu einer veränderten Darmflora – und dies zu einer erhöhten Belastung durch Säuren. Der Abfall des ph-Werts im Darm führt wiederum zu einem Teufelskreis: Die Resorption von Nährstoffen wird gestört, der bestehende Mangel noch verstärkt, die Toxinbelastung steigt.

Die zu hohe Belastung des Pferds durch einfache Kohlenhydrate lässt zudem den Insulinspiegel ansteigen. Insulin wird in der Schweinezucht nicht ohne Grund als Masthormon verwendet: Es sorgt neben der Resorption von Zucker aus dem Blut auch dafür, dass der Fettabbau verringert wird. Bei einem generellem Überangebot von Insulin lagern sich so langfristig immer mehr Fette und Zucker in den Zellen ein; auf Dauer endet dies in einer Insulinresistenz. Das heißt, die Körperzellen reagieren nicht mehr aufs Insulin, der Zuckerspiegel steigt.

Ein weiterer Störfaktor für die reguläre Funktion der Zellen ist die schon mehrfach beschriebene Erhöhung an freien Sauerstoffradikalen; diese entstehen in besonderem Maße bei der Kombination aus hoher Insulinausschüttung und hoher Zufuhr von Kohlenhydraten.

So entwickelt sich insgesamt das Bild einer sogenannten Mitchondriopathie, bei der die kleinen Zellkraftwerke zunehmend in ihrer Funktion gestört werden. Die Folge: Selbst bei geringen Mengen an Futter nehmen die Pferde weiterhin zu bzw. nur schwer ab.

Die Folgen fürs Pferd

Wenn wir solche Pferde sehen, finden wir fast immer einen überblähten Bauch mit einer gestörten Darmflora. Desweiteren zeigen sich die Pferde im Wechsel apathisch oder unruhig. Gehäuft treten auch Magenprobleme bis hin zu Magengeschwüren auf.

Tückisch ist, dass die symptomatische Therapie von Magengeschwüren mit dem Protonenpumpenhemmer Omeprazol die Situation für EMS-Patienten verschlimmert. Denn Omeprazol hemmt zwar die Belegzellen des Magens, reduziert also die Säureproduktion. Die Belegzellen sind aber auch für die Herstellung von Basen (Bicarbonate) verantwortlich; die Hemmung der Belegzellen reduziert also die Basenproduktion, wodurch der gesamte Körper und die Damflora weiter übersäuern. Zudem wird durch die Einstellung der Magensäureproduktion die Nährstoffresorption und die Abwehr von krankmachenden Keimen gestört.

Der körperliche Stress, der durch das EMS bereits besteht, wird häufig noch durch seelischen Stress begleitet. Dies hat neben einer Störung der Darmflora auch eine erhöhte Ausschüttung von ACTH aus der Hypophyse zur Folge. ACTH führt zur Ausschüttung der Kortikosteroide wie Cortisol aus der Nebenniere – womit wir beim Zusammenhang zwischen EMS und Cushing wären. Das Stresshormon Cortisol, Gegenspieler des Insulins, wirft nun den Zuckerstoffwechsel und das Immunsystem komplett aus dem Ruder. Verstärkt noch durch den häufigen Nährstoffmangel.

Die Kombination aus erhöhter Stressbelastung, Toxinen, einfachen Kohlenhydraten, freien Sauerstoffradikalen, toxischen Lipopolysacchariden, der pathologischen Darmflora und Infektionen wird als Ursache der Hufrehe in unterschiedlichster Form diskutiert. Folgende Faktoren scheinen die Sauerstoff- und Nährstoffversorgung der hornbildenden Zellen (Keratinozyten) massiv zu stören: die zunehmende Insulinresistenz und die Störung der Durchblutung durch die oxidative Stressbelastung sowie eine gefäßverengende Komponente der Insulin- und Zuckerbelastung – wobei die Zusammenhänge noch keineswegs klar sind.

In jedem Falle sollte bei diesen Patienten immer ein Tierarzt hinzugezogen werden, da der Umfang der Symptome und Beschwerden erheblich sein kann.

Foto: Colourbox Hafer & Co: Fast in jedem Futter steckt Schimmel

Beim Kraftfutter sollte auf Weizen und Gerste verzichtet werden.

Fütterung umstellen

Der wesentliche Behandlungsansatz bei diesen Stoffwechselstörungen ist die Umstellung der Ernährung. Über einen Zeitraum von mindestens 3 bis 6 Monaten sollte weitestgehend auf die Zufuhr von einfachen Kohlenhydraten verzichtet werden. Dies gelingt über das Meiden von Gerste, Mais und Weizen, aber auch Obst und Melasse in Müslis.

Als Ersatz dienen insbesondere Raufutter, Getreidekleie, Leinsamen, Reiskleie, Sonnenblumenkerne, fermentiertes Soja-Protein und Öle. Mit der Zeit kann auch eine Kur in Form von Topinambur-Behandlungen zum Aufbau der Darmflora durchgeführt werden. Die Wirkung von Mönchspfeffer wird immer wieder als hormonregulierend beschrieben; wir persönlich haben hiermit noch keine Erfahrungen gemacht.

Wir empfehlen zudem, die Heuration ebenfalls zeitweise zu reduzieren auf zirka 1-1,5 kg/100 kg Körpergewicht; zumindest sollte man aber auf eine ad libitum-Heufütterung verzichten. Denn Heu enthält in der Regel für EMS-Pferde noch zu viele Kohlenhydrate und Rohfette und ist zudem oft mit Mykotoxinen belastet. Slow-Feeder oder engmaschige Heunetze verlängern die Fressdauer. Hungern darf das Pferd nämlich nicht.

Dafür sorgt auch Ergänzungsfutter, welches das Pferd mit wichtigen Nährstoffen versorgt, die Heu so nicht liefert. Als Ergänzung benötigt Ihr Pferd idealerweise ein Produkt, das Kräuter, Beeren, Blätter, Rinden, Blumen, Gräser und Heilpflanzen beinhaltet. So erhält es eine Vielzahl an sekundären Pflanzenstoffen und Spurenelementen. Besonders wichtig für die Stoffwechselregulation des EMS sind hier Mangan und Chrom.

Die Bereitstellung des Nährstoffkonzerts, auf das man achten sollte, erreichen wir am besten durch die Verwendung von fermentierten Nahrungsprodukten, die zum Müsli hinzugegeben werden können. Die Produktion von fermentierten Ergänzungsprodukten findet zunehmend bei den Futterherstellern Beachtung und wird hoffentlich in der Zukunft vermehrt auf dem Markt angeboten.

Stressbelastungen können mit Tryptophan und phosphatidylserinhaltigen Nährstoffprodukten reduziert werden. Insbesondere für das Phospholipid Phosphatidylserin konnte die Reduktion des Cortisolspiegels im Hormonkreislauf nachgewiesen werden.

Bei Pferden mit Hufrehe und bei Cushing- Patienten sollte die Versorgung mit beiden Substanzen aus unserer Erfahrung unbedingt erfolgen. Wir raten hier zu fermentiertem Soja. Bei unfermentierten Soja-Produkten sind noch Anti-Nährstoffe wie die Phytinsäuren vorhanden, welche die Nährstoffresorption im Darm stören.

Ein weiterer Punkt ist die Regeneration der Darmflora, welche mit topinamburhaltigen Produkten, Leinsamen, komplexen Kohlenhydraten, Bierhefe und Hefezellen erfolgen sollte. Zudem können Nukleotide zu einer verbesserten Regeneration der Darmzellen führen; diese wiederum können durch Hefeextrake bereitgestellt werden. Auch hier verweisen wir immer wieder auf die Verwendung von Fermentationsprodukten, in denen Hefeextrakte für den Fermentationsprozess verwendet werden.

Die besten Erfahrungen haben wir mit besonders hochwertigen Aloe Vera-Säften sowie Beta-Glucanen aus Hefe und Pilzen gemacht. Die immun- und stoffwechselstimulierende Wirkung beider Produkte ist enorm und hilft dem Körper auf mehrfache Weise. Es werden sowohl Entgiftungsprozesse, normale Stoffwechselfunktionen als auch die Funktion von Fresszellen des Immunsystems angeregt. Das Aloe Vera erzielt seine Wirkung ebenfalls über ein Polysaccharid, sodass wir die Kombination der beiden Produkte derzeit schon als bioaktive Polysaccharidkomplexe bezeichnen.

Füttern allein reicht allerdings nicht! Die Pferde sollten sich möglichst viel bewegen. Wir empfehlen eine Kombination aus der Bewegung in Führanlagen (auch wenn wir uns nicht vorstellen können, dass dieses Laufen im Kreis wirklich Freude bereitet), Bewegung durch Ausritte, Longieren und Spazierengehen. Weidegang sorgt ebenfalls für Bewegung, sollte aber, wenn überhaupt, nur mit Fressbremse erfolgen. Denn Pferde können in wenigen Stunden übers Gras beträchtliche Mengen an einfachen Zuckern konsumieren.

Fazit

Im frühen Stadium des EMS ist Ihrem Pferd oft schon alleine mit mehr Bewegung, viel Zuwendung und einer Reduktion an einfachen Kohlenhydraten geholfen. In späteren EMS-Stadien und bei ECS mit wiederkehrender Hufrehe gilt es, gemeinsam mit dem Tierarzt eine medizinische Behandlung und eine umfassende Ernährungsumstellung zu beginnen.

Übrigens ist es häufig gar nicht verkehrt, wenn auch der Reiter das Pferd bei dieser Umstellung begleitet.

Fütterung bei EMS & ECS

Einfache Kohlenhydrate vermeiden (mind. 3 bis 6 Monate) durch Verzicht insbesondere auf:

  • Getreide, insbesondere Gerste, Weizen, Mais
  • Melasse in Müslis
  • Reduktion von Gras und Heu

Gute Nährstoffversorgung sichern u?ber Ergänzungsfutter mit einer Vielfalt an

  • Kräutern, Beeren, Blättern, Gräsern, Blumen, Rinden

Senken Stress und helfen gestörter Darmflora, z.B.:

  • Fermentiertes Soja
  • Topinambur
  • Hefeextrakte

Stimulieren des Stoffwechsels und Immunsystem:

  • Aloe-Vera-Saft
  • Beta Glucan

Wichtig: Stimmen Sie Fütterung und Behandlung mit dem Tierarzt ab!

20.07.2018
Autor: Dr. Kay Bredehorst und Prof. Reinhard Bredehorst
© CAVALLO
Ausgabe 04/2018