Portrait: Hufschmiedin Maja Weigand

Diese Schmiedin ist der Hammer

Foto: Juliane Fellner CAVALLO Die Hufschmiedin Maja Weigand

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Seit 24 Jahren bringt Hufschmiedin Maja Weigand Lahme zum Gehen. Mit technischer Brillanz und ganz viel Herz meistert sie schwierigste Fälle.

Ruuuuhig, alles gut“, sagt Maja Weigand, bevor sie den Nagel ins Herz schlägt. Ihre blauen Augen sind leicht zusammengekniffen, sie ist konzentriert. Dann geht’s los: tock, tock, tock. Der geflochtene Zopf der Frau wippt im Takt der Hammerschläge mit. Es dauert kaum eine Minute, dann sind alle sechs Nägel versenkt – und das Herz sitzt fest am rechten Fleck.

Herzförmiges Eisen für Candis

Maja Weigand ist Hufschmiedin – aus Leidenschaft, wie sie betont. Die 44-Jährige brennt für ihren Beruf, und das seit 24 Jahren. Trakehner Candis hat sie heute mit einem „Heart Bar“ beschlagen, einem herzförmigen Eisen. „Der Beschlag soll ihm das Abrollen erleichtern und eine stabile Stützphase bieten, er war verletzt“, erklärt die Fachfrau.

Die Hufschmiedin schickt die Pferdebesitzerin mit Candis auf die Straße zum Vortraben. Wie ein Tierarzt bei der Lahmheitsuntersuchung schaut Maja Weigand genau, wie das Pferd sich bewegt. Sie ist zufrieden, die Kundin ebenso. „Candis beißt und ist nicht einfach. Aber dank Majas Feingefühl stand er heute ganz brav“, erzählt die Kundin. Sie ist mit ihrem Pferd 40 Minuten angereist ins hessische Dörfchen Wolfhagen-Niederelsungen. Dort ist die Schmiede. Die Hufexpertin arbeitet entweder dort oder fährt zum Kunden (www.hufschmiedin-maja.de).

Hufschmiedin, die auch reitet

Für ihre technische Brillanz und ihr feines Gespür fürs Tier ist Maja Weigand weithin bekannt. Die Pferdeliebhaberin reitet von Kindesbeinen an – und sie wusste schon immer, was sie will. Ihr erstes eigenes Pony mit dem Spitznamen Kartoffel hat sie vom Taschengeld gekauft.

„Meinen Vater habe ich nicht gefragt, sondern eher darüber in Kenntnis gesetzt, dass ich das Pony haben möchte“, erzählt sie grinsend. Der Shetty-Isi-Mix ist mittlerweile 31 und immer noch fit. Zusammen mit Weigands zweitem Pferd, einem Araber-Appaloosa-Mix, und anderen Pferden aus einer Haltergemeinschaft lebt er im Offenstall neben der Schmiede.

Vor dem Traumberuf stand eine Schlosserlehre

Mit 14 Jahren sah Maja Weigand erstmals, wie ein Schmied ein Pferd mit Eisen beschlug. „Ich kannte vorher nur Barhuf-Pferde“, sagt sie. Der Tag prägte ihr Leben: Ab da stand fest, dass sie Hufschmiedin werden möchte. „Ich hatte natürlich keine Vorstellung davon, was das bedeutet, aber der Wunsch blieb immer.“ Mit dem Schmied, der jetzt 73 Jahre alt ist, ist sie bis heute befreundet und die beiden arbeiten gerne zusammen.

Nach der Schule absolvierte Maja Weigand eine Schlosserlehre als Vorbereitung auf ihren Traumberuf. Sie baute Treppen, Fenster, Gitter und Geländer. „Es war gut, am toten Material zu lernen und ein genaues Auge zu entwickeln“. Im Anschluss ging sie bei ihrem Hufbeschlag-Meister zwei Jahre in die Lehre. Ihren Ausbilder sieht sie noch heute als Vorbild: „Er ist auch Schmied aus Leidenschaft. Von ihm habe ich gelernt, keine Massenabfertigung zu betreiben.“

Reiten und Yoga als Ausgleich

Die Hufexpertin nimmt sich Zeit für Beratung und beschlägt nicht mehr als fünf Pferde am Tag. „Ich will nicht unter Schmerzmitteln arbeiten wie mancher Kollege“, sagt sie. Laut der Fachfrau ist die durchschnittliche Arbeitsdauer von Schmieden auf neun Jahre gesunken, die körperliche Belastung ist extrem. Wie schafft sie es, gesund zu bleiben? „Reiten und Yoga sind mein Ausgleich“, sagt sie. Manchmal tauscht sich die Hufschmiedin auf Fortbildungen auch mit Kollegen über hilfreiche Übungen aus.

Apropos Kollegen: Wie ist das denn, sich in einer Männerdomäne zu behaupten? „Früher war ich auf den Lehrgängen eine Exotin. Das war schon manchmal anstrengend“, sagt sie mit einem Augenzwinkern. „Aber die meisten sprechen mit mir auf Augenhöhe, ich liebe den Austausch über Technik.“ Die Hufexpertin bildet sich regelmäßig fort. So verfügt sie über ein breites Repertoire: Maja Weigand bietet orthopädische Beschläge, behandelt Hufrehe-Patienten und ist spezialisiert auf Sonderbeschläge mit beispielsweise Kunststoff und Alu.

Letzte Hoffnung fürs Rehepony

Für manche Ponys ist die Frau mit dem handwerklichen Geschick die letzte Hoffnung. So auch für Rehepatient Reli. Das 30-jährige Pony leidet unter chronischer Hufrehe. Die Besitzerin ist 150 Kilometer angereist. „Es traut sich kein anderer Schmied mehr an Reli heran, da der Huf brüchig ist“, erzählt die Besitzerin. Da das Pony aber noch lebensfroh über die Weide galoppiert, möchte sie ihm noch eine Chance geben. Maja Weigand hat im Vorfeld bereits Videos von Reli in Bewegung sowie die Röntgenbilder angeschaut, um den Fall einschätzen zu können.

Als die Stute aus dem Hänger steigt, hält Maja Weigand ihr zur Begrüßung die Hand hin. „Ist ja ganz aufgeregt heute unsere alte Dame“, sagt sie und streichelt dem Pony sanft den Hals. Relis Huf ist gebogen wie eine Banane und brüchig. „ Es wird schwierig, da Nägel reinzubekommen. Schauen wir mal.“ Die Hufexpertin macht sich an die Arbeit. In ihrem Schmiedebus werkelt sie präzise wie ein Chirurg im OP: Sie flext, hämmert und schleift das Eisen in die gewünschte Form. Wer zuschaut, wie der Hammer nur wenige Zentimeter vom Daumen entfernt auf das Eisen niedersaust, dem stockt der Atem. Doch jeder Handgriff sitzt.

"So ist das bei uns auf dem Dorf"

„Jetzt kommt der spannende Part, das Nageln“, sagt die Schmiedin. Die Besitzerin des Ponys soll an der Hinterhand stützen. Maja Weigand markiert zunächst die Punkte, wo sie die Nägel platzieren will. Am Ende hat sie es geschafft: Das Eisen ist drauf. „Braaav mitgearbeitet“, lobt sie Reli. Sie gönnt dem Seniorenpony eine kurze Pause, bevor sie sich den anderen Hufen widmet.

Reli darf den Huf zwischendurch abstellen und sich ausruhen. „Beim Beschlagen ist es wie beim Reiten: Die Kunst besteht darin, im richtigen Moment nachzugeben.“ Nach Reli ist noch ein Pferd aus dem Ort zum Ausschneiden dran. Die Stammkunden haben es einfach zur Schmiedin auf die Weide gestellt. „So ist das hier bei uns auf dem Dorf“, lacht Maja Weigand.

Im Ort kennt sie fast jeder – und sie kennt fast jedes Pferd. „Neulich habe ich ein ausgebüxtes Pferd eingefangen und wusste nicht, wem es gehört. Also rief ich Maja an, beschrieb ihr das Tier – und sie konnte mir den Besitzer nennen“, erzählt eine Frau, die auf den Hof kommt, da Maja Weigand einen Sammeltermin beim Pferdezahnarzt organisiert hat. Am Abend trudeln noch Kinder ein. „Montags kümmern sich die Kleinen um die Ponys und reiten bei mir“, sagt die Hufschmiedin. Die Augen der Kinder funkeln beim Striegeln und verraten: Leidenschaft für Pferde ist ansteckend!

22.11.2018
Autor: Alena Brandt
© CAVALLO
Ausgabe 11/2018