Reiten trotz Rollstuhl

Wie das Reiten mit Querschnittslähmung klappt

Foto: Rädlein Reiten trotz Rollstuhl
Seit einem Unfall ist Gianna Regenbrecht auf einen Rollstuhl angewiesen. Sie kaufte sich trotzdem ein eigenes Pferd – und bildete es sogar selbst mit aus.

Gianna Regenbrecht trabt auf ihrer Stute Selma über den Reitplatz. In ihren Händen hält sie zwei Gerten. „Das sind meine Beine beim Reiten“, sagt die 24-Jährige. Sie dirigiert ihre Westfalen-Stute in korrekter Biegung auf dem Zirkel. Die Hilfen setzt sie so fein ein, dass auf den ersten Blick kaum auffällt, dass dieses Pferd-Reiter-Paar eine ganz eigene Sprache entwickelt hat.

Reitunfall mit 20 Jahren

Die Studentin aus Lippstadt brach sich bei einem schweren Sturz von einem Berittpferd im Jahr 2014 den zweiten Lendenwirbel. Im Alter von 20 Jahren war sie plötzlich inkomplett querschnittsgelähmt und auf den Rollstuhl angewiesen. Aufgeben? Diese Option gab es für Gianna Regenbrecht nicht. Sie ordnete ihr Leben neu. Ihr betreuender Arzt saß selbst im Rollstuhl. Er inspirierte sie, Medizin zu studieren. Und von Anfang an stand für die ehemals begeisterte Springreiterin fest: Ich will wieder reiten. Wie gelang ihr der Weg zurück in den Sattel? Und wie meistert sie den Alltag im Stall?

Noch als sie verletzt auf dem Reitplatzboden lag, bat die junge Frau die Sanitäter: „Bitte nicht meine Lederstiefel kaputt machen.“ Diese hatte sie lange ersehnt und endlich zum 18. Geburtstag bekommen. Tatsächlich blieben die Lieblingsstücke unversehrt. Als einziges Kleidungsstück. Alles andere mussten die Rettungssanitäter zerschneiden, um der Reiterin das Leben zu retten. Für Gianna Regenbrecht waren die Reitstiefel das Symbol dafür, dass sie eines Tages wieder auf dem Pferd sitzen würde. Für diesen Traum trainierte sie hart. Monatelang.

Foto: Rädlein Reiten trotz Rollstuhl

Die Füße der Reiterin stabilisieren spezielle Steigbügel mit Gummiband.

Mit Robotern und Pferden lernte Gianna laufen

Da bei Gianna Regenbrecht nicht alle Nerven im Rückenmark vollständig durchtrennt sind, kam sie für eine neuartige Robotertherapie infrage. Die Maschinen halfen ihr, Stehen und Laufen neu zu lernen. Und sie ritt wieder – zunächst im Rahmen einer Hippotherapie. „Die Bewegungsmuster des Pferds im Schritt ähneln denen beim Laufen“, erklärt sie. Zudem lockert Reiten die verspannten Muskeln. Nach dem Reiten ging es Gianna Regenbrecht auch erstmals so gut, dass sie die ersten Schritte probierte. „Meine Therapeutin sagte einfach: So, Gianna, jetzt lauf.“ Sie ging an der Pferdeweide entlang. Vier Leute stützten die junge Frau anfangs. Gianna Regenbrecht schaffte bald mehr und mehr Schritte. „Ich zählte immer, an wie vielen Zaunpfählen ich es vorbeischaffte“, erzählt sie.

Heute kann die 24-Jährige ein paar Momente allein stehen – und sogar einige Schritte gehen, wenn sie sich abstützen kann. Wie viel Kraft sie der Weg dorthin gekostet haben muss, lässt sich nur erahnen. Die junge Frau hat stets ein Strahlen im Gesicht und blickt auf das Positive. „Ich kann eigentlich alles machen. Joggen wird natürlich nie möglich sein, aber das mag ich eh nicht“, meint sie.

Foto: Rädlein Reiten und Rollstuhl

Hufe auskratzen funktionier auch prima. Gianna Regenbrecht macht im Umgang mit dem Pferd fast alles selbständig.

Versorgung klappt fast ohne Hilfe

Seit zwei Jahren besitzt die Reiterin ihr erstes eigenes Pferd. Mit ihrem Auto mit Handgas kann sie allein zum Stall fahren. Dort ist sie fast täglich bei ihrer Stute Selma und kümmert sich um sie: Führen, putzen, Hufe auskratzen – wer die Studentin in ihrem Rollstuhl beim Umgang mit dem Pferd beobachtet, könnte denken, das sei das Normalste der Welt. Beim Aufsteigen und Satteln helfen Eltern und Freund, ansonsten wuppt sie alles allein.

Ihr Warmblut Selma ist ein 7-jähriger Dunkelfuchs. Der Rollstuhl war für die Stute von Anfang an kein Problem. „Ich musste ihr auch nicht beibringen, den Kopf zum Trensen und Halftern zu senken – das hat sie immer von selbst gemacht“, sagt Gianna Regenbrecht. Die Stute hat ihre Besitzerin stets genau im Blick. Man hat das Gefühl, sie passt auf Gianna Regenbrecht auf. „Ihr ist irgendwie bewusst, dass sie vorsichtig mit mir sein muss“, meint die Reiterin. Wenn sie Selma führt, läuft die Stute artig neben dem Rollstuhl her. Führt jemand anderes das Warmblut, kommt es auch mal vor, dass Selma denjenigen über den Hof zieht.

Selma ist kein ausgebildetes Parapferd. Sie stammt aus einem Springstall – und Gianna Regenbrecht hat sie selbst mithilfe ihrer Trainerin dressurmäßig ausgebildet. „Sie ist sensibel, was für mich wichtig beim Reiten ist“, sagt sie. Gianna Regenbrecht reitet ohne Schenkeldruck. Die Kraft in ihren Beinen reicht gerade dazu aus, gegen die Bewegung beim Reiten anzusteuern und die Beine ruhig zu halten. Sie nutzt ihren Kopf und das Becken vermehrt zum Lenken. Schenkelhilfen gibt sie mit zwei Gerten. „Das hat Selma schnell gelernt“, erzählt sie. Wichtig für die Reiterin mit Handicap ist ein breiter Pferderücken, der ihr Stabilität gibt. Spezielle Steigbügel halten ihren Fuß ruhig und Gurte stabilisieren die Hüfte.

Erfolgreich im Para-Dressursport

Gianna Regenbrecht startet mittlerweile mit Selma erfolgreich im Para-Dressursport. Bei den Deutschen Meisterschaften war sie sogar platziert. Sie ist stolz, dass sie an der Uni als Leistungssportlerin geführt ist: „Das hört sich doch cool an, oder?“ Den Sprung in den Sport schaffte sie aus eigenem Willen, nicht mithilfe großer Sponsoren. „Es ist immer ein Spagat zwischen Pferd, Uni und regelmäßiger Reha, um noch besser laufen zu lernen“, meint sie. „Aber ich habe ein Ziel, für das es sich zu schwitzen lohnt.“

Die Studentin möchte irgendwann eine L-Dressur auf Kandare unter normaler Konkurrenz starten. Reiten ist einfach ihr Leben. Ohne geht’s nicht.

19.09.2018
Autor: Alena Brandt
© CAVALLO
Ausgabe 09/2018