Schecke Silvery Moon: Vom Rennpferd zum Deckhengst

Ein Schecke als Deckhengst

Foto: Rädlein Schecke Silvery Moon: Von der Rennbahn zum Deckhengst

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Schecke Silvery Moon eroberte auf der Rennbahn alle Herzen. Jetzt ist der Exot als Deckhengst in Marbach. Wie macht er sich dort als Eroberer – und wie ist er zu reiten?

Was für ein lustiger Kerl! So unverwechselbar wie seine bunte Fellfarbe ist auch die Mimik von Ex-Galopper Silvery Moon. Dem Schecken blitzt der Schalk förmlich aus den Augen! „Langweilig wird es mit ihm nie“, meint seine Reiterin Eva Lühr. Und als hätte er es gehört: Zack, schnappt er sich den Lappen, mit dem die Pferdewirtschaftsmeisterin ihn gerade für den CAVALLO-Besuch herausputzt. Einen Moment später zieht er ein Genussgesicht beim Kraulen seiner Lieblingsstelle; und als ein Mann über die Stallgasse geht, brummelt er mit tiefer Stimme und flehmt. „Männer verbindet er immer mit der Deckstation“, erklärt seine Reiterin. Aha, der Hengst hofft also auf Damenbesuch.

Der Ex-Rennstar hat rund 11.600 Fans auf Facebook

Bis Herbst 2017 startete Silvery Moon bei Galopprennen – und kann eine beachtliche Erfolgsbilanz vorweisen. Der Vollbluthengst siegte fünf Mal, erzielte 18 Platzierungen und galt bald als „schnellster Schecke der Welt“. Der Publikumsliebling lockte zahlreiche Zuschauer auf die Rennbahn. Rund 11.600 Fans verfolgen auf Facebook, was das Pferd so erlebt. Der sympathische Hengst hat dort eine eigene Seite. Wie sieht sein Leben nach der Rennkarriere aus?

Der Exot ist ins schwäbische Ländle gezogen. Ein neuer Job und die Liebe haben das Vollblut dorthin geführt. Silvery Moon deckt auf dem baden-württembergischen Haupt- und Landgestüt in Marbach Stuten im Natursprung. Eine reizvolle Aufgabe! Dafür muss der Schecke auch viele neue Dinge lernen. Plötzlich stehen Dressur, Show-Auftritte und Springen auf dem Stundenplan des Siebenjährigen. Wie meistert der Ex-Galopper die Umschulung zum Reitpferd? Welche Herausforderungen gibt es? Und wie gefragt ist der Vollblüter bei den Stuten?

Viele für Reitpferde selbstverständliche Dinge wie Anbinden am Putzplatz, ruhiges Aufsteigen und Reiten in der Halle kannte Silvery Moon als Galopper nicht. Rennpferde werden meist im Schritt geführt, wenn der Jockey aufsteigt. „Moon musste erstmal lernen, dass hier alles ganz ruhig abläuft. Anfangs stand er ziemlich unter Strom“, erzählt seine Trainerin. Das Vollblut ist nicht der erste Ex-Galopper, den die Pferdewirtschaftsmeisterin trainiert: „An diesen sensiblen Pferden reizt mich, dass man in der Arbeit mit ihnen eine gute Selbstkontrolle braucht.“

Eva Lühr begann mit dem Siebenjährigen wie mit einem Dreijährigen. Der Vorbesitzer ist mit dem Hengst auch Sonntags ins Gelände geritten. Umweltreize waren also von Beginn an weniger ein Problem. Reiten in der Halle hingegen kannte Silvery Moon nicht. „Das war anfangs, als würde er denken: Oh Gott, hier sind überall Wände, wie soll ich mich da bewegen?“, erzählt Eva Lühr. Irritiert war das Rennpferd natürlich auch, als ihm das erste Mal ein Pferd in der Halle entgegen kam. „Da blieb er einfach stehen und drehte um.“

Kopflos habe sich der Schecke bei allem Neuen bisher aber nie gezeigt, sagt seine Reiterin. Im Gegenteil: Er präsentiert sich stets gelehrig, menschenbezogen und gelassen. Völlig cool war er auch beim ersten Messebesuch. „Die Aussteller um ihn herum sagten am Abschlusstag, sie hätten noch nie ein Pferd mit so ausgeglichenem Charakter erlebt“, erzählt die Pferdewirtschaftsmeisterin.

Liebesdienste erweist der Hengst sehr gerne

Der Hengst präsentiert sich einfach gerne. Das zeigt sich auch bei unserem Foto-Shooting mit ihm. Eva Lühr positioniert das Vollblut für ein Ganzkörperbild in Aufstellungspose. Noch ein Bein etwas vor, ja – so steht er gut. Silvery Moon lässt sich mit feinen Signalen bewegen, keine Spur von einem hibbeligen Galopper. Er steht bald wie eine Statue in Pose und spitzt die Ohren fürs Foto. „Ach, das macht Spaß mit Profis zu arbeiten“, schwärmt CAVALLO-Fotografin Lisa Rädlein.

Sein Temperament kommt erst zum Vorschein, als wir den Weg zum Haupteingang des Haupt- und Landgestüts einschlagen. Das ist die gleiche Strecke, die zur Deckstation führt. Dieser Weg ist bei Silvery Moon mit Damenbesuch verknüpft! Der Hengst hat es plötzlich eilig, baut sich auf und wiehert. Der Schecke genießt es aber, seine Liebesdienste zu erweisen, oder? „Ja, bisher hat er noch keine Stute verschmäht“, sagt Helmut Waidmann, Leiter der Servicestation in Marbach.

Seit er Anfang des Jahres gekört wurde, hat der Schecke 12 Stuten beglückt. „Das ist eine gute Bilanz für einen neuen Hengst, der im Natursprung deckt“, sagt Landoberstallmeisterin Dr. Astrid von Velsen-Zerweck. Warum hat sie den Exot von der Rennbahn nach Marbach geholt? „Es gab in den letzten Jahren immer wieder den Wunsch von Züchtern nach einem Hengst für ihre Farbzucht“, erzählt sie. Für die Gestütsleiterin hatte das zunächst keine Priorität. Als Silvery Moon dann aus dem aktiven Rennsport ausschied, erinnerte sie sich jedoch daran. Sie schaute sich den Schecken an – und kaufte ihn. „Ein Vollblut lässt sich für viele Rassen einsetzen“, sagt sie.

Silvery Moon ist in der Zuchtkategorie „Deutsches Sportperd“ eingetragen. Der Hengst deckte bisher etwa zum gleichen Anteil Warmblut-, Vollblut- und Trakehnerstuten. Zur Trakehner-Körung war er verletzt. „Auf Einzelantrag darf er aber auch Stuten dieser Rasse decken“, sagt von Velsen-Zerweck. Für Paint und Quarter Horses ist der Schecke noch nicht anerkannt.

Seine Scheckung vererbt Silvery Moon zu 50 Prozent an seine Nachkommen. Spannend: Mit einem Gentest konnte sogar ermittelt werden, wie groß seine Nachkommen werden – und zwar zwischen 1,59 und 1,69 Meter Stockmaß.

Ein Galopper mit Talent für Dressur und Springen

Dass der Hengst mehr als eine schöne Farbe zu bieten hat, beweist er beim Reiten. „Er ist ein echtes Rundum-Paket“ schwärmt Pferdewirtschaftsmeisterin Eva Lühr.

Wie am Schnürchen trabt und galoppiert er im Dressur-Viereck Runde um Runde. Dabei ist er voll bei seiner Reiterin. „Er will immer mitarbeiten und alles gut machen“, sagt die Pferdewirtschaftsmeisterin. Als Zuschauer sieht man kaum die Hilfen der Reiterin, was für gute Rittigkeit spricht. Schenkelhilfen etwa musste Silvery Moon ganz neu lernen. „Er hat aber nie argwöhnisch aufs Bein reagiert, auch wenn er anfangs manchmal nichts damit anfangen konnte“, erzählt Eva Lühr.

Als passionierte Springreiterin hat sie den Schecken auch schon an Hindernisse geführt – und auch da zeigt er sich talentiert. Eva Lühr reitet mit ihrem Moon zur Geländestrecke, um es vorzuführen. Dort sind zwischen den Bäumen Natursprünge aufgebaut. Der Hengst galoppiert ruhig und rhythmisch auf den Baumstamm zu, hebt ab und springt mit guter Manier. Nach dem Sprung galoppiert er ruhig weiter, lässt sich parieren – und dann marschiert er am langen Zügel weiter. Das CAVALLO-Team ist beeindruckt. Das hatten wir von einem Rennpferd jetzt nicht erwartet.

Als Streber möchte der Hengst aber scheinbar auch nicht abgestempelt werden. Am Wassergraben kommt sein Quatschkopf wieder durch. Erst prustet er und zögert, ins Wasser zu gehen. Eva Lühr bleibt gelassen und reitet ihn Stück für Stück vor. Nach zwei Minuten steht der Hengst dann im Wasser, als hätte es nie ein Problem gegeben. Er plantscht mit dem Vorderbein, das Wasser spritzt zu allen Seiten. Die Abkülung gefällt dem Schecken. Und schwupps, ohne Vorwarnung, geht er in die Knie runter und will sich hinlegen. Eva Lühr schafft es im letzten Moment ihn abzuhalten. Das war knapp, so ein Schlitzohr! Da wollte er wohl seine Seepferdchen-Qualitäten beweisen.

Zum Abschluss sorgt er noch für Gänsehaut-Feeling. Eva Lühr galoppiert mit ihm über die Wiese, dicht am CAVALLO-Team vorbei. Der Sound des Galopps ist unvergleichlich! Moon scheint mit riesen Sprüngen zu fliegen. Die kräftigen Muskeln seiner Hinterhand zeichnen sich ab und seine braun-weißes Fell bildet einen hübschen Kontrast zu den grünen Hügeln der Schwäbischen Alb.

Vollbluthengst Silvery Moon in Kürze

Vom Rennbahn-Star …
• lief insgesamt 48 Rennen
• 5 Siege, 18 Platzierungen
• Gewinnsumme: 41 950 Euro
• Publikums-Liebling der Rennbahn-Besucher
• hat eine eigene Facebook-Seite und dort rund 11 600 Fans

… zum Deckhengst
• gekört 2018 für Hengstbuch I des Deutschen Sportpferds
• deckt im Natursprung, Kosten: 400 Euro
• hatte Damenbesuch von Vollblut-, Trakehner- und Warmblutstuten
• Vererbt zu 50 % Scheckenmuster

28.08.2018
Autor: Alena Brandt
© CAVALLO
Ausgabe 08/2018