Was sind Kinsky-Pferde?

Portrait der seltenen Pferderasse

Foto: Rädlein Rasseportrait Kinsky-Pferde
In Tschechien sind echte Goldstücke zuhause: Die seltenen Kinsky-Pferde trugen früher bei Jagden den Adel, heute sind sie tolle Freizeitpferde.

Einen Goldschatz finden: Dafür muss man eine lange Reise auf sich nehmen, heißt es. Das hat das CAVALLO-Team getan. Bis nach Tschechien sind wir gereist, und nun werden wir belohnt: Zwischen den Bäumen tauchen wunderschöne goldene Pferde auf, ihr Fell schimmert in der Sonne.

Mit Goldschätzen haben diese Pferde nicht nur ihre Farbe gemeinsam, sondern auch ihre Seltenheit: Nur rund 1.000 Kinsky-Pferde gibt es weltweit. Im Stammgestüt in der tschechischen Gemeinde Hradistko, das wir heute besuchen, stehen 12 Stuten mit vier Fohlen und zwei Hengste. Bis 2005 war das Gestüt noch in Chlumec beheimatet, wo Graf Oktavian Kinsky die Zucht im Jahr 1838 gründete.

Foto: Rädlein CAV Kinsky-Pferd an der Doppellonge

Petr Pulpán präsentiert den Spanischen Schritt in Handarbeit.

Ein isabellfarbenes Fohlen begründete die Kinsky-Zucht

Der Graf war Pferdezüchter und brachte Ende des 19. Jahrhunderts englische Vollblüter aus Britannien für die Zucht in Tschechien mit. Schon zuvor hatte die aus Nordböhmen stammende Grafenfamilie Pferde für militärische und wirtschaftliche Zwecke gezüchtet – überwiegend Falben. Wie es das Schicksal wollte, entstand auch aus Graf Oktavian Kinskys Vollblüterzucht ein isabellfarbenes Stutfohlen. Als er das Fohlen in das Zuchtbuch eintragen lassen wollte, stieß er auf Ablehnung: Eine solche Farbe habe es noch nie gegeben. Graf Oktavian gründetet daraufhin sein eigenes Stutbuch, die Rasse des „Equus Kinsky“ war geboren.

Zuchtziel war ein Jagdpferd, das bei den damals beliebten Hindernisrennen und Parforcejagden, also Jagden mit Hundemeute, eingesetzt werden sollte. Von der Schnelligkeit und Sprungkraft, die diese Pferde auch heute noch ausmacht, dürfen wir uns beim Gestütsbesuch selbst überzeugen: Züchter Petr Pulpán und sein Kollege Thomas Novak zeigen uns zwei junge Hengste im Parcours: Dynamisch und mit viel Energie, dabei aber gelassen nehmen die Hengste die Sprünge. Bei einem abenteuerlichen Ritt durch Wald und Feld wären sie sicher gute Begleiter.

Petr Dvorák, Präsident einer kleinen, neu gegründeten Schleppjagdgesellschaft (www.cjhs.cz) und Mitglied im Zuchtverband „Equus Kinsky“, erklärt uns das Zuchtziel: „Wir möchten das weiterführen, was Graf Kinsky begonnen hat.“ Seit Beginn der Zucht wurden neben den englischen Vollblütern auch Trakehner, tschechische, österreichische und ungarische Warmblüter in die Rasse der Kinsky-Pferde eingebracht.

Foto: Rädlein Für einen Testritt auf einem Kinsky-Pferd schwingt sich Chefredakteurin Melanie Tschöpe in den Sattel.

Für einen Testritt schwingt sich Chefredakteurin Melanie Tschöpe in den Sattel.

Braune, Füchse und Rappen sind selten unter den Kinsky-Pferden

Der Anteil des englischen Vollbluts ist heute etwas geringer als zu Zeiten des Grafen – vielleicht ist das ganz gut so, denn immerhin fanden schon die gräflichen Herrschaften die hochblütigen Pferde nicht immer leicht zu reiten. Die heutigen Kinskys sollen ein angenehmes Temperament haben und gute Familienmitglieder sein, sagt Dvorák.

Ob das wirklich so ist? Bei einem Testritt dürfen wir uns selbst überzeugen und in den Sattel des vierjährigen Hengsts Noet Kinsky steigen. Der große Junghengst sieht mit seinem goldglänzenden Fell und der rabenschwarzen Mähne beeindruckend aus. Er hat große Linien und einen langen Hals, seine Gänge sind angenehm: nicht besonders schwungvoll, aber auch nicht kurz oder spannig. Er reagiert fein auf die Hilfen und ist sehr gehfreudig.

Immer mal wieder linst er zu den Stuten auf dem Nachbarpaddock. Dass in ihm ein temperamentvolles Jagdpferd steckt, ist vor allem im Galopp zu spüren. In Richtung der Stuten wird er auch mal etwas flotter. Schnell konzentriert er sich aber auch wieder auf den Reiter und dreht zum Abschluss ein paar entspannte Runden. Für einen Jungspund ist Noet Kinsky schon ein richtiger Goldschatz. Bei der Zucht zählen eben vor allem die inneren Werte, nicht nur die Farbe.

Trotzdem ist der goldene Glanz im Fell typisch für die Kinskys. Meist sind sie Falben mit schwarzer Mähne oder Isabellen mit hellem Langhaar. Seltener sind Braune und Füchse und sehr selten Rappen. Die gewünschte Farbe zu erlangen, ist für die Züchter nicht ganz einfach, wie uns Petr Dvorák erklärt: „Kreuzt man zwei Isabellen, ist das Fohlen mit fünfzigprozentiger Wahrscheinlichkeit auch isabellfarben. Zu 25 Prozent wird es aber ein Fuchs und zu 25 Prozent ganz hell isabellfarben.“ Diese sogenannten „Pseudo-Albinos“ mit blauen Augen sind eigentlich nicht das Zuchtziel, für das Weiterzüchten aber durchaus beliebt; denn ihre Fohlen tragen garantiert das Verhellungsgen in sich und haben helles Fell.

Foto: Rädlein Kinsky-Pferd beim Füttern

Wallach "Nugat" ist ein echtes Leckermäulchen.

Die Kinsky-Pferde wären fast ausgestorben

Wer einen guten Kumpel sucht, wird auf die Farbe aber ohnehin weniger Wert legen. Einen Freund fürs Leben unter seinen Kinsky-Pferden hat auch Gestütsbesitzer Petr Pulpán gefunden: Sein 14-jähriger Wallach „Nougat Kinsky“ ist in Chlumec geboren. Familie Pulpán kaufte das Gestüt Anfang der 90er-Jahre und baute die Kinsky-Zucht wieder auf. Nach dem zweiten Weltkrieg wäre die Rasse durch die Enteignung der Grafen Kinsky mit dem Einzug des Kommunismus fast ausgestorben. Es gab nur noch wenige Tiere, einige beispielsweise im heutigen tschechischen Nationalgestüt Kladruby.

Umso schöner, dass Petr Pulpán uns heute seinen Liebling Nougat vorführen kann. Der Wallach zeigt, dass Kinsky-Pferde ganz schön vielseitig sind und nicht nur auf der Jagd, sondern auch in der Dressur buchstäblich glänzen können. Petr Pulpán arbeitet mit Nougat am Langzügel, ganz gelassen präsentiert der Wallach spanischen Schritt und zeigt sogar erste Ansätze zur Piaffe. Zwischendurch gibt es hartes Brot zur Belohnung, mit dem sich der Züchter die Taschen vollgestopft hat. „Nougat ist sehr klar im Kopf“, erzählt er stolz. „Er ist ein ganz großer Freund.“

Uns interessiert nun: Was kostet eigentlich ein Kinsky-Pferd? Muss man diese Schätze in Goldbarren aufwiegen? Nein: Ein angerittenes Pferd kostet etwa 6.000, ein ausgebildetes 15.000 Euro. Wer weiß, was wir aus Tschechien mitbringen?!

13.04.2018
Autor: Natalie Steinmann
© CAVALLO
Ausgabe 03/2018