Diese Gesten zeigen Pferde bei Zuneigung

So lieben Pferde ihre Menschen

Foto: Lisa Rädlein CAVALLO Wie Pferde uns ihre Zuneigung zeigen
Laut neuen Studien sind Mensch und Pferd tief verbunden. Wer aufmerksam ist, kann die feinen Gesten wahrnehmen, mit denen Pferde uns Zuneigung zeigen.

Zwei Herzen schlagen in einem Takt – auf Verliebte trifft das buchstäblich zu. Schauen sich Paare für drei Minuten in die Augen, stimmt sich der Herzschlag aufeinander ab. Faszinierend! Ein ähnliches Phänomen entdeckten Forscher aus Italien zwischen Reitern und Pferden. Die Ergebnisse einer Pilotstudie legen nahe: Es gibt auch zwischen Mensch und Pferd Situationen, in denen sich der Herzschlag synchronisiert – ein Zeichen für Zuneigung.

Starke Verbindung

Forscher erobern sich mehr und mehr Wissen über die geheimnisvolle Gefühlswelt von Pferden. Studien belegen, was wir Reiter intuitiv fühlen – dass ein starkes Band Mensch und Pferd verbindet: Die Vierbeiner erinnern sich nach Monaten ohne jeglichen Kontakt an ihre Trainer und deren Stimme. Sie sind in der Nähe von Reitern ruhiger und entspannter als bei Anwesenheit von Nicht-Reitern. Und sie schenken vertrauten Menschen ein besonders hohes Maß an Aufmerksamkeit.

Was ist Zuneigung?

„Ob Pferde so etwas empfinden, was wir als Zuneigung definieren, wissen wir allerdings nicht sicher“, sagt Kate Farmer (www.thinkinghorse.org). Laut der Psychologin und Verhaltensforscherin ist Zuneigung ein Begriff aus der menschlichen Gefühlswelt – und nicht eins zu eins auf Tiere übertragbar.

Sprechen Experten im Zusammenhang mit Pferden von Zuneigung, verstehen sie darunter folgendes: Das Tier bewertet sein Gegenüber als positiv und verbindet mit ihm angenehme Gefühle. Bindungen bei Pferden basieren vor allem auf Vertrauen.

Foto: Lisa Rädlein CAVALLO Wie Pferde uns ihre Zuneigung zeigen

Im Gleichschritt mit dem Reiter laufen – das kann ein Zeichen für Zuneigung sein.

Mag das Pferd mich?

So ziemlich jedem Reiter brennt wohl die Frage auf der Seele, ob der eigene Vierbeiner einen eigentlich mag. Wie lässt sich das herausfinden? „Pferde zeigen Zuneigung mit subtilen Gesten“, sagt Biologin und Ausbilderin Sandra Löckener (www.sandra-loeckener.de) aus München.

Die Emotion der Tiere lässt sich über ihre Körpersprache und ihr Verhalten ablesen. Pferde nutzen dem Menschen gegenüber von Natur aus die gleichen Signale wie bei Artgenossen.

Gerne ganz nah

Ein zentrales Zeichen für Zuneigung ist Nähe. „Hält das Pferd sich gerne beim Besitzer auf, schließt sich an und folgt ihm, lässt das auf eine gute Freundschaft schließen“, sagt Sandra Löckener. Generell fördert regelmäßiges Zusammensein mindestens zwei bis drei Mal pro Woche ein enges Verhältnis zum Tier.

Wie wohl sich Pferde in der Nähe des Menschen fühlen, hängt zudem von der Wahlfreiheit ab. Das zumindest legen die Ergebnisse einer Studie aus Italien nahe. Forscher beobachteten das Verhalten und maßen die Herzfrequenz einer Stute während des Kontakts zu einer Testperson. Die Stute zeigte vor allem dann Zeichen für Wohlbefinden, wenn sie selbst entscheiden durfte, sich der Testperson zu nähern – oder eben nicht. Die freie Wahl vermittelt eine Art Kontrollgefühl und damit Sicherheit. Fürs Fluchttier Pferd ist das ein enormes Wohlgefühl.

Foto: Elke Vogelsang In Bildern: Mustangs zähmen in 90 Tagen

Sich gemeinsam entspannen.

Sich entspannen

„Können Pferde in der Nähe des Besitzers relaxen, ist das ein Vertrauensbeweis“, meint Kate Farmer. Und damit Zeichen für Zuneigung. Beim Entspannen hängt bei einigen Pferden die Unterlippe locker nach unten, die Augen sind halb geschlossen, der Hals senkt sich und die Ohren kippen zur Seite. Manche Pferde entlasten auch ein Hinterbein.

Wenn ein Pferd sich wohlfühlt mit dem Reiter, akzeptiert es diesen im Umgang normalerweise auf beiden Seiten seines Körpers. „Bei Stress kann es sein, dass ein Pferd versucht, den Reiter mehr auf seine linke Seite zu bekommen“, weiß Kate Farmer. Was steckt dahinter? Was das linke Auge sieht, wird zur rechten Gehirnseite weitergeleitet – dem Gefühlszentrum des Pferds. Dort verarbeitet das Gehirn aufregende Erlebnisse.

Freudige Begrüßung

Der Willkommensgruß verrät einiges darüber, wie das Pferd zu einem Menschen steht. Schnuppert Ihr Vierbeiner an Ihrem Handrücken, wenn Sie ihm diesen zur Begrüßung hinhalten? Die Kontaktaufnahme mit der Nase ist vergleichbar mit dem Handschlag unter Menschen. Es heißt: Ich akzeptiere dich.

Ihr Pferd begrüßt Sie mit einem freundlichen Blubbern oder Wiehern? Auch das kann ein Zeichen von Zuneigung sein – aber nicht in jedem Fall. „Betritt der Besitzer stets mit einem Leckerli die Weide, gilt die Freude wahrscheinlich eher dem Futter“, betont Sandra Löckener. Wer testen will, ob das Pferd aus echter Zuneigung wiehert oder eher aus Futtergier, sollte ein paar Wochen keine Snacks zur Begrüßung mitbringen.

Extreme Kletten

Manche Pferde sind extrem anhänglich: Sie lassen den Reiter nicht aus dem Blick, wiehern ihm hinterher oder hören sofort auf zu fressen, wenn der Besitzer kommt. Für den Reiter ist das schmeichelhaft.

Aber Vorsicht: „Meistens sind Pferde extrem anhänglich, weil sie ein Sozialverhalten mit anderen Pferden nicht ausleben können“, sagt Sandra Löckener. Ihr erstes Springpferd etwa war anfangs wie eine Klette. Das Pferd hatte einfach wenig Kontakt zu anderen Pferden gehabt, bevor es zu ihr kam. Übertriebene Anhänglichkeit kann also auch ein Hinweis sein, dass dem Pferd ein Kumpel in der Gruppe fehlt. Und bei aller Liebe kann der Mensch dem Pferd niemals den Artgenossen ersetzen.

Tatsächlich bringt eine artgerechte Haltung Pferde dem Menschen sogar näher: Pferde aus guten Haltungsbedingungen gehen nämlich freundlicher auf Menschen zu als Tiere aus schlechter Haltung.

Anpassungsfähigkeit

Pferde passen ihr Verhalten blitzschnell an. Eine Fähigkeit, die vor allem bei sozialen Tieren ausgeprägt ist. Sie lernen schnell von anderen. Das ist toll fürs Training, teils aber auch tückisch. Bemerkt der Reiter Zuneigungssignale im Alltag nicht, lernt das Pferd: Der Mensch versteht mich nicht. „Es kann sein, dass Pferde bestimmte Zuneigungsbekundungen dann nicht mehr zeigen“, sagt Sandra Löckener.

Ein Beispiel dafür sind laut der Trainerin Pferde, die neben dem Reiter keine Entspannungsgesten zeigen. „Bei manchen Reitern ist ein dösendes Pferd verpönt. Sie wünschen sich stets Aufmerksamkeit“, so Sandra Löckener. Sie ist als Trainerin häufig unterwegs und sieht Leute, für die das Pferd eher Sportgerät als Freund ist.

Die Erfahrung der Ausbilderin zeigt: Solche Pferde stehen selten mit gesenktem Kopf und halbgeschlossenen Augen neben dem Reiter. Die Tiere haben gelernt, dass Entspannung vom Menschen nicht als Zuneigung wahrgenommen wird und unerwünscht ist. Also legen sie das Verhalten ab. „So eine Anpassung passiert meist schon nach zwei bis drei Monaten“, sagt die Trainerin.

Schubbern aus Liebe?

Manche Reiter finden es auch süß, wenn das Pferd sich an ihnen schubbert. Sie sehen das missverständlicherweise als Zeichen der Freundschaft und stemmen sich teils noch dagegen, damit das Pferd sich richtig ausleben kann. „Das Pferd denkt dann, der Mensch mag das Verhalten und praktiziert es vermehrt“, erklärt Sandra Löckener. In dem Fall ist das Verhalten eher konditioniert und kein Ausdruck freundlicher Gefühle.

Sanft zurückweisen

So schön es ist, wenn Pferde Zuneigung zeigen – manchmal geht es nicht anders, und wir müssen den Liebling zurückweisen. „Meine Stute will mich beim Putzen oft zurück kraulen, das würde allerdings ziemlich weh tun“, erzählt Sandra Löckener.

Die Ausbilderin schiebt den Kopf der Stute dann sanft weg, ohne zu schimpfen. Wer Grenzen auf faire Art setzt, schadet damit nicht der Beziehung. Klare Regeln herrschen auch innerhalb der Herde und zwischen den besten Pferdefreunden.

Höflichkeitsgesten

Noch ein Tipp: Wer nicht möchte, dass Zuneigungsgesten beim Pferd verlorengehen, sollte das Tier gut im Alltag beobachten. Achten Sie bereits beim Putzen gezielt auf Körpersignale Ihres Pferds. Kopfsenken, ein Schritt zurück, ein Blick zur Seite und neutral seitwärts gestellte Ohren – das alles sind Höflichkeitsgesten, die wir Reiter im Stress oft übersehen. Ein Lob dafür freut das Pferd – und stärkt die Beziehung.

01.05.2018
Autor: Alenda Brandt
© CAVALLO
Ausgabe 02/2018