So werden Pferd und Reiter ein Team

Auf dem Weg zum Dream-Team

Foto: Rädlein Frau reitet Schimmel auf Wiese
Konflikte sind wichtig auf dem Weg zur Harmonie! Darüber nähern sich Pferd und Reiter an. Die Tiere haben eine direkte Art sich mitzuteilen. Menschen ticken etwas anders. Was bringt beide in Einklang?

Was haben ein guter Komponist und ein guter Reiter gemeinsam? Beide wollen etwas in Einklang bringen. Und sie wissen: Wer den Weg zur Harmonie sucht, der darf das Unangenehme nicht fürchten. Der Komponist testet, welche Töne zusammenpassen – und riskiert dabei, schiefe Klänge zu hören. Ein guter Reiter möchte mit seinem Pferd eine Einheit bilden. Aber Einvernehmen entsteht nur, wenn er sich auch Reibereien mit dem Tier stellt. Warum ist das so? Und warum haben Menschen oft größere Schwierigkeiten damit, Konflikte auszutragen, als Pferde?

Als soziale Lebewesen teilen Mensch und Pferd das Bedürfnis nach Harmonie. Aber: „Wenn zwei Wesen in Einklang kommen sollen, dann gibt es immer einen Aushandlungsprozess“, sagt Klassik-Ausbilderin, Biologin und Führungskräfte-Trainerin Sonja Weber (www.sonja-weber-reitkunst.de).

Harmonie ist kein statischer Zustand, sie muss immer wieder neu erarbeitet werden. Die Basis dafür sind Auseinandersetzungen. „Darüber tastet man sich aneinander heran“ erklärt die Expertin. Eigentlich logisch: Man muss sich erst mit dem Gegen- über auseinandersetzen, bevor man sich annähern kann.

Eine klare Rangfolge bedeutet Harmonie

Damit ein gutes Team wächst, sind Phasen von Streit genauso wichtig wie Harmonie. Für Pferde ist das ganz natürlich, in jeder Herde kracht es mal. So klären die Tiere die Rangfolge. Pferde kämpfen vor allem um Platz. Ranghöhere dürfen zuerst ans Futter, Wasser oder nah beim Herdenkollegen stehen. „Für Pferde herrscht Harmonie, wenn die Rangverhältnisse geklärt sind“, sagt Sonja Weber. Im Sozialgefüge fühlen sich die Tiere sicher und wohl.

Spannend: Bei manchen Pferden ist das Harmoniebedürfnis so ausgeprägt, dass sie sich freiwillig in Konflikte einmischen. Wissenschaftler aus Nürtingen fanden heraus: Der Eingriff von Dritten bei Konflikten gehört zum natürlichen Verhalten von Pferden. Es gibt sogenannte Schlichterpferde. Diese haben eine starke soziale Persönlichkeit und treiben kämpfende Tiere auseinander. Als Schlichter agieren oft alte, ranghohe Pferde. Das Geschlecht spielt keine Rolle. Meist übernimmt ein bestimmtes Tier die Schlichterrolle. Ist es nicht da, springen teils auch andere Herdenkollegen ein. Bei wild lebenden Przewalski-Junghengsten waren sogar 8 von 13 Pferden als Streitschlichter aktiv.

Was bewegt die Pferde dazu, sich in Konflikte einzumischen? Die Forscher vermuten zwei Gründe: Erstens möchte der Schlichter seine sozialen Bindungen stärken. Neu in die Gruppe eingegliederte Pferde waren zu Pferden, die sie zuvor beschützt hatten, tatsächlich besonders freundlich.

Der zweite Grund könnte ein angeborener Beschützerinstinkt sein. Beim Angriff eines Hengstes stellen sich teils Fohlen vor ihre Mutter und machen ein Unterlegenheitszeichen – das besänftigt den Angreifer. Gefährlich wird so ein Verhalten für Pferde übrigens laut Forschern nicht. Sie haben noch nie beobachtet, dass ein Pferd einen Schlichter verletzt hat.

Pferde reagieren direkt je nach Stimmung

Menschen ticken bei Konflikten anders als Pferde. Bei Pferden schaukeln sich negative Emotionen nicht so schnell hoch. Der Grund: Pferde reagieren direkt und zeigen, ob sie gerade freundlich, nähebedürftig oder wütend sind. „Menschen hingegen haben eine Idee davon, wie sie sein sollten. Ihr Wertekonzept beeinflusst ihr Handeln“, sagt Psychologin Dr. Kathrin Schütz (www.kathrin-schuetz.com).

Wir überlegen oft erst hin und her, bevor wir einen Konflikt austragen. Schließlich wollen wir keinen Ärger oder wollen den anderen nicht verletzen. „Verträglichkeit gehört nach einem sehr bekannten Modell zu den grundsätzlichen Merkmalen der Persönlichkeit“, sagt Dr. Kathrin Schütz. Das Problem: Personen mit einem starken Bedürfnis nach Harmonie stellen ihre eigenen Bedürfnisse häufig in den Hintergrund. Sie warten so lange damit, Dinge zu klären, bis sie kurz vorm Explodieren sind.

Handeln wir nicht nach unseren Bedürfnissen, entsteht ein unangenehmes Gefühl (kognitive Dissonanz). „Pferde spüren Unstimmigkeiten des Reiters. Sie verstehen keine vorgetäuschte Harmonie“, sagt Sonja Weber.

Über direkten Austausch zum Dream-Team

Solche Widersprüche führen auch zu Problemen beim Reiten. Die Ausbilderin nennt ein Beispiel: Beim Unterricht fordert der Trainer den Reitschüler auf vorwärtszureiten. Der Reiter hat Angst (eventuell unbewusst) vorm höheren Tempo, möchte aber andererseits der Aufforderung nachkommen. Er gibt also die Hilfe zum Vorwärts, aber nur unglaubwürdig. Das Pferd bekommt beide Stimmen im Reiter mit: die Zurückhaltung und die Aufforderung. „Das Pferd ist irritiert, lernt, dass Hilfen scheinbar keine klare Bedeutung haben und reagiert auch auf die unbewussten Anteile – in dem Fall mit anhaltender Langsamkeit“, erklärt Sonja Weber.

Was hilft in dieser Situation? Laut Psychologin Dr. Kathrin Schütz ist der erste Schritt, ehrlich zu sich selbst zu sein und sich die Angst einzugestehen. „Sprechen Sie Dinge dann auch aus und sagen Sie dem Trainer, was Sie bewegt. Oft trägt das bereits zur Lösung bei.“

Nur über Austausch wächst ein gutes Team – das gilt auch für Mensch und Pferd. Teamwork ist zudem die Basis für harmonisches Reiten. Vertraut das Pferd dem Reiter, kann es entspannen. Und das ist die Voraussetzung für harmonische Bewegungsabläufe.

Der Mensch ist dem Pferd Herr und Diener

Wie kann der Reiter das Vertrauen fördern? „Der Mensch sollte dem Tier Herr und Diener zugleich sein“, meint Sonja Weber. Wer das Tier bricht und aggressiv handelt, ist nur Herrscher. Es fehlt die Basis für Vertrauen. Das Tier spurt, ist aber angespannt. Wer sich hingegen nur anpasst, vermittelt keine Sicherheit. „Außerdem müssen wir für das Tier Entscheidungen treffen. Denn für das Pferd ist Reiten kein natürliches Programm“, so die Ausbilderin. Das Pferd verlässt nicht freiwillig seine Komfortzone, sondern benötigt für seine Gesunderhaltung Gymnastizierung – was auch anstrengend ist.

Dazu motiviert der Reiter das Pferd mit Lob, Pausen und klaren Signalen. Es ist wichtig, erwartbar zu handeln und etwa Hilfen immer auf die gleiche Art zu steigern. „Das gibt dem Pferd Sicherheit“, sagt Dr. Kathrin Schütz.

Und irgendwann kommt es: das Gefühl, völlig eins zu sein mit seinem Pferd. „Das sind Momente, die einen durchs Reiterleben tragen“, sagt Ausbilderin Sonja Weber.

Was führt unter Pferden zu Harmonie oder Streit?

Harmonie:

Gute soziale Bindungen: Freunde oder auch Fohlen und Mama halten zusammen und helfen sich oft, wenn einer angegriffen wird. So klärt sich der Konflikt schneller.

Große Gruppen: Je mehr Pferde in einer Herde sind, desto größer ist die Chance auf ein Schlichterpferd. Es gibt tatsächlich Pferde, die zwei Raufbolde auseinandertreiben und den Streit damit beenden.

Steit:

Kampf der Geschlechter: Das Geschlecht beeinflusst Streit nur am Rande. Klar ist aber, dass Hengste und Stuten sich stärker durchsetzen wollen als Wallache. Dadurch kann sich der Konflikt eher zuspitzen.

Persönliche Erfahrung: Hat ein Pferd bereits schlechte Erfahrungen in Auseinandersetzungen mit anderen gesammelt, reagiert es unter Umständen heftiger.

Platzangebot: Fehlender Platz zum Ausweichen und Engpässe sind Hauptfaktoren, die bei Pferden Streit zum Eskalieren bringen.

15.10.2018
Autor: Alena Brandt
© CAVALLO
Ausgabe 09/2018