Die Kuhflüsterin

Bodenarbeit mit Mini-Rindern

Foto: Karin Boldt CAVALLO Die Kuhflüsterin Lisa Marie Schüßler

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Bodenarbeit geht nur mit Pferden? Von wegen! Schauen Sie mal, was die süßen Mini-Rinder von Lisa Marie Schüßler alles können.

Wenn Sie glauben, es gibt keine glücklichen Kühe mehr, dann kennen Sie die Schüßler-Kühe nicht. Die süßen Wiederkäuer leben in Südhessen wie im Ferienparadies: Ihre ruhige Unterkunft in reizvoller Landschaft bietet Vollpension, familiäre Betreuung und ein tägliches Wellness- und Unterhaltungsprogramm.

Ihr schönes Leben haben die Rinder Familie Schüßler zu verdanken – vor allem der Tochter der Familie, Lisa Marie. Als die 17-Jährige begann, sich mit den Tieren zu beschäftigen, kam sie auf die ungewöhnliche Idee, ihnen auch etwas beizubringen.

Die kleinsten Rinder Europas

Nun können die Kühe Kunststücke, die eigentlich aus dem Pferdetraining kommen. Lisa Marie bewarb sich deshalb für den CAVALLO CUP („Wir suchen das beste Kumpelpferd“), der dieses Jahr bei der CAVALLO ACADEMY in Mönchengladbach ausgetragen wurde. Weil Luna als Kumpelkuh nicht gegen Kumpelpferde antreten konnte, durfte sie mit einer Sondervorführung auftreten – und ließ die Zuschauerherzen regelrecht dahinschmelzen.

Denn Luna ist nicht nur eine besonders clevere Kuh, sondern auch eine besonders süße. Mit einer Größe von nur etwa einem Meter hat die kleine Schwarze den Niedlichkeitsfaktor für sich gepachtet. Viel größer wird Luna auch nicht mehr. Sie gehört zur Rasse der Dexter-Rinder, bei der selbst die viel kräftigeren Bullen auf nicht mehr als 117 Zentimeter Körpergröße kommen. „Luna ist zweieinhalb Jahre und schon fast ausgewachsen“, erklärt Lisa Marie. „Ab drei Jahren wachsen die Rinder nur noch in die Breite“, grinst sie.

Die kleinste europäische Rinderrasse stammt aus Irland. Dort dienten die Tiere Kleinbauern als Milch- und Fleischlieferanten. Zwischenzeitlich waren die Dexter fast ausgestorben, doch dank der EU-Förderung für bedrohte Rassen und engagierter Züchter haben sie die Krise überlebt. Heute werden die Mini-Rinder überwiegend in kleinen Beständen von Liebhabern gehalten. Zu ihnen gehört auch Lisa Maries Vater.

Ein Harem für jeden Bullen

Peter Schüßler hatte die Dexter eigentlich angeschafft, um ab und zu mal ein Tier für den eigenen Bedarf zu schlachten. Er kaufte ein großes Stück Land und eine Handvoll Rinder. Inzwischen grasen dort 13 Stück. Ein kleines Paradies, in dem Lisa Marie einen Großteil ihrer Freizeit verbringt.

Dass die Rinderherde so groß geworden ist, war natürlich nicht geplant. Schüßler, der die Tiere seiner Tochter zuliebe behält, stellt das vor einige Herausforderungen. Weil die Bullen nun bei ihm bleiben, statt verkauft zu werden, muss er die Herde aufteilen, damit jeder von ihnen seinen eigenen Harem hat.

Doch wer Lisa Maries Vater kennenlernt, spürt schnell, dass ihm das eigentlich ganz recht so ist. Den kugelrunden Bullen Paul, der manchmal richtig unverschämt zu Menschen ist, hat er genauso ins Herz geschlossen wie den Lockenkopf Tommy, der sich gerne seinen krausen Pelz an den Apfelbäumen kratzt. Weil die jungen Bäume diese Marotte nicht gut vertragen haben, fällte Schüßler einen der älteren Exemplare und ließ ihn auf der Weide liegen. Tommy nimmt den Kratzbaum dankbar an – und ganz ehrlich gesagt: Herrchen freut’s.

Das Wohlwollen von Peter Schüßler ernten nicht nur die Tiere. Auch seine Tochter hat die volle Unterstützung. Egal ob sie auf die verrückte Idee kommt, mit Rindern zu trainieren, oder zu einem Auftritt bei der CAVALLO ACADEMY gefahren werden möchte. Gut so, denn Lisa Marie hat als Kuhtrainerin richtig was drauf!

Alles aus dem Bauch heraus

Luna, die Kuh, die Lisa Marie mit zur CAVALLO ACADEMY nahm, war von Anfang an sehr an Menschen interessiert. So fiel es der 17-Jährigen leicht, mit ihr zu arbeiten. „Luna lief mir immer hinterher.“ Die Kälber werden bei Schüßlers früh ans Halfter gewöhnt. Das ist einfacher als bei Pferden. Weil Rinder nicht so leicht in Panik verfallen, werden sie einfach angebunden. Sie merken, dass Zug unangenehm ist, und vermeiden dann den Druck. So werden sie schnell halfterführig. Die Knotenhalfter für die Mini-Rinder stellt Lisa Marie übrigens selbst her. „Dann passen sie auch genau“, sagt sie.

Ihre Kühe trainiert Lisa Marie nach ihrem Bauchgefühl. „Zum Pferdetraining gibt es viele Videos, wo man sich etwas abschauen kann und lernt, wie ein Pferd reagiert. Bei den Rindern muss ich experimentieren“, erklärt sie. „Wenn ich vor einem Pferd stehe, hochspringe und die Arme hochreiße, wird es ziemlich sicher Ansätze zum Steigen zeigen. Eine Kuh interessiert das nicht.“

Dabei hat Lisa Marie wenig Pferde-Erfahrung. Nach etwa einem Jahr Reitunterricht, bei dem sie, wie sie sagt, „alles lernte, was man nicht mit Pferden machen soll“, bekam sie Haflingerstute Mandy. Sie schaffte es dann, ihr junges Pferd ohne fremde Hilfe anzureiten, obwohl ihr viele davon abgeraten hatten. Übrigens nur auf Bosal und ganz auf Lisa Maries eigene Art. Im Gelände wechselt Mandy die Gangart etwa auf bestimmte Stimmkommandos, die ihre Besitzerin ihr beigebracht hat.

Training mit Tricks

Die Gelassenheit der Paarhufer erleichtert das Training ungemein: So lässt Luna sich kaum aus der Ruhe bringen, als der Stuhl, auf den sie steigen soll, umkippt. „Aber ich brauche Leckerlis, sonst geht nichts“, gesteht Lisa Marie. Luna und ihre Kameraden machen alles für gepresste Zuckerrübenschnitzel.

Aufs Podest zu klettern und einen Teppich aufzurollen lernen die Kühe deshalb dank des leckeren Lockmittels schnell. Für das Podest-Training nimmt Lisa Marie eine flache Steinplatte. Dann legt sie nach und nach je eine weitere obendrauf, sodass das Podest immer höher wird.

Auch das Steigen funktioniert nur, wenn die Anstrengung sich lohnt, weil in der Luft etwas Essbares abgeholt werden kann. Und der Sprung über den Baumstamm auf dem Waldweg klappt mit Luna besser in Richtung Heimat, wenn ihr der Rückweg zur Weide in glaubhafte Aussicht gestellt wird.

Doch nicht jede Kuh möchte mit dem Menschen arbeiten. „Bei manchen Kälbern merke ich gleich, dass sie darauf nicht so viel Lust haben. Die müssen dann auch nicht mehr lernen, als halfterführig zu werden, damit wir sie gegebenenfalls an einen guten Platz verkaufen können“, sagt Lisa Marie. Im Training sind momentan vor allem Kuh Luna, ihr Bullenkalb Thunder und das Kuhkalb Ruby. „Ich konzentriere mich inzwischen lieber über einen längeren Zeitraum auf ein Tier, als mit mehreren gleichzeitig zu üben“, erklärt Lisa Marie.

Thunder, der im August mit seiner Mutter auf der CAVALLO ACADEMY war, ist inzwischen sechs Monate alt und darf immer noch Milch trinken. Bei Schüßlers werden Kälber abgesetzt wie Fohlen. Auch seine Hörner darf er behalten, wie alle Schüßler-Rinder. „Ohne Hörner sehen sie auch ziemlich doof aus“, meint Lisa Marie. Was für ein Kuh-Leben!

Ruby hat übrigens großes Potenzial. Peter Schüßler bezeichnet sie als Gangwunder. „Sie hat einen ganz tollen Galopp“, findet er. Wird Ruby mal eine Dressur-Kuh?

05.12.2018
Autor: Nadine Szymanski
© CAVALLO
Ausgabe 11/2018