Grenzen setzen für mehr Freiheit

Unsichtbare Grenzen

Foto: Rädlein Grenzen setzen für mehr Freiheit
Nachwuchs-Trainerin Tanja Riedinger weiß, welche Grenzen man Pferden setzen muss und welche es zu überwinden gilt.

Grünes, üppiges Gras überall. Aber Andalusier-Stute Estella hat dafür gerade gar keinen Blick. Konzentriert klappt sie die Ohren nach hinten zu ihrer Besitzerin Tanja Riedinger, trabt langsam weiter und stößt sich dann energisch ab. Erste Ansätze zur Passage – und das völlig frei auf der Wiese, die Trainerin am Boden dahinter. Wow!

Tanja Riedinger ist gerade mal 18 Jahre alt und hat mit ihrer Stute Estella (11) erreicht, wovon viele Reiter ihr Leben lang nur träumen. Ein Pferd, das selbst bei saftigem Grün unter den Füßen konzentriert mitarbeitet. Weder Seil noch Zügel sind nötig, um die Stute zu reiten oder am Boden schwierige Übungen abzufragen. Ihre besondere Beziehung stellen die beiden inzwischen auch auf Shows immer wieder unter Beweis. 2016 wurde das Paar zweite beim CAVALLO-Cup. Und in diesem Jahr bewies Tanja Riedinger, dass sie auch mit anderen Pferden eine enge, freundliche und von viel Freiheit geprägte Beziehung führen kann. Mit Stute Naira belegte sie beim Mustang Makeover 2017 den dritten Platz.

Wie ist das bloß möglich? Wie können Reiter so viel Freiheit und Freude in ihre Beziehung zum Pferd bringen, dass Zäune und Zaumzeug überflüssig werden? Die Abiturientin, die im nächsten Jahr ihr Studium beginnt, hört solche Fragen schon seit etlichen Jahren immer wieder.

Foto: Rädlein Grenzen setzen für mehr Freiheit

Kontrolle hängt nicht am Führseil

Freiheit spielt dabei eine wichtige Rolle. Sie ist unabhängig von Halfter oder Seil. „Auch mit Halfter kann ein Pferd frei sein. Nämlich wenn es sich dem Menschen freiwillig und gerne zuwendet und freudig die Dinge tut, nach denen der Mensch fragt.“

Außerdem warnt die junge Trainerin vor einem Trugschluss: „Ein Pferd ohne Seil ist nicht immer frei. Kontrolle, die ohne Seil und Zügel auskommt, ist viel effektiver und stabiler, als sie es mit diesen Dingen je sein könnte. Fürs Pferd gibt es weiterhin klare Grenzen, sie sind nur unsichtbar.“

Bleibt ein Pferd gerne beim Menschen und reagiert es willig und kooperativ auf dessen Signale, kontrolliert der Mensch den Willen des Pferds, nicht nur seinen Körper. Das ist viel effektiver, als mit Druck erzwungener Gehorsam.

Folglich entsteht durch ein Training, das bewusst immer wieder auf Kontroll-Hilfsmittel wie Halfter, Seil oder Zügel verzichtet, eine besonders enge, verlässliche Zusammenarbeit zwischen Mensch und Pferd.

Klar ist – einfach das Seil lösen und schauen, was passiert, wird nicht funktionieren. „Fehlt es an Vorbereitung, kann die plötzliche Freiheit für Pferd und Reiter richtig gefährlich werden“, warnt Tanja Riedinger. Wer ohne Seil sicher mit seinem Pferd unterwegs sein will, muss ein paar ganz klare und nicht verhandelbare Grenzen setzen.

Für Tanja Riedinger gehört dazu Stoppen und Herkommen. „Bevor man Seil und Zügel abmachen kann, muss das Pferd gelernt haben, auf bestimmte Signale absolut zuverlässig anzuhalten und sich auch aus der Distanz sicher zum Menschen rufen lassen.“

Woher sie das weiß? Weil dies bei Stute Estella die Knackpunkte für eine gute Beziehung und vertrauensvolle Freiarbeit waren. Der Start für die beiden war alles andere als einfach. Tanja war elf, als Estella zur Familie kam – als Reitpferd für Mutter und Tochter Riedinger. „Doch einfach draufsetzen und losreiten funktionierte mit Estella von Anfang an nicht“, erinnert sich Tanja Riedinger. Stattdessen gab es Probleme: Estella war steif, zäh, unmotiviert, hatte schlechte Muskeln und keinen Spaß an der Zusammenarbeit mit dem Menschen. Zudem lahmte sie immer wieder. Im Jahr 2012 stand die Diagnose „spinale Ataxie“ im Raum, ein Tierarzt riet zum Einschläfern oder zur Rentnerkoppel.

Doch Familie Riedinger wollte die erst sechsjährige Estella nicht aufgeben und suchte nach neuen Wegen.

Freiarbeit weckt den Arbeitseifer

„Eine Trainerin, die nach den Prinzipien der Légèreté von Philipe Karl arbeitet, zeigte uns einen effektiven Weg, um Estella körperlich wieder fit zu bekommen“, erzählt Tanja Riedinger. „Und mit der Freiarbeit konnte ich ihre Motivation und den Spaß an der Arbeit wecken.“

Und wie kam es dann, dass das unmotivierte, kranke Pferd und das unerfahrene junge Mädchen nicht in die Katastrophe schlitterten, sondern sich zum Traumpaar entwickelten? Tanja Riedinger ist überzeugt, dass ihr ein paar Charakterzüge dabei extrem geholfen haben: „Ich hatte wenig Angst, ein klares Ziel vor Augen, war bereit, dafür zu kämpfen, und frei genug, um Dinge auszuprobieren und mich kritisch selbst zu hinterfragen und eigene Wege zu suchen.“

Wie wichtig diese Eigenschaften sind, lernte die junge Trainerin vor allem im vergangenen Jahr, als sie erstmals selbst Kurse für Reiter gab. „Da fiel mir auf, wie oft die Menschen nicht so recht wissen, was sie vom Pferd jetzt eigentlich wollen. Das Problem: Wenn die Menschen nicht klar sehen, was sie erreichen wollen – wie sollen die Pferde es dann erkennen?“

Nur wer sein Ziel genau vor Augen hat, weiß, wie die Lektion aussehen soll, was das Pferd tun und wie es sich dabei anfühlen soll. „Ist mein inneres Bild klar, erkenne ich schnell, ob mein Pferd mich versteht oder nicht. Ich kann richtige Ansätze sofort belohnen und erkenne Fehler früh“, erklärt Tanja Riedinger. All das ist sehr hilfreich, um einem Pferd klar zu vermitteln, was man sich von ihm wünscht.

Wer Angst besiegt, sprengt Grenzen

Und warum fehlen den Menschen die inneren Bilder? Da spielen Angst und Unsicherheit eine große Rolle, ist Riedinger überzeugt. „Wer Angst hat, traut sich weniger zu und glaubt oft nicht daran, dass er seine Wünsche tatsächlich wahr machen kann.“

Für die junge Horsewoman ist Angst wie ein Gefängnis, aus dem ein Reiter sich nur selbst befreien kann. „Die unsichtbaren Mauern, die die Angst vor meine Ziele und Wünsche setzt, können sehr hoch sein“, ist sich Tanja Riedinger bewusst. Aber sie weiß auch, dass es sich lohnt, diese Mauern Stück für Stück einzureißen. „Ängste zeigen uns, wo wir unsere größten Potenziale haben. Nur wenn wir uns ihnen stellen, können wir die Potenziale auch voll ausschöpfen.“

Der Weg aus der Angst ist allerdings in der Regel anstrengend. „Man muss die eigene Komfortzone verlassen, sich Herausforderungen stellen und sich auch mal durchbeißen. Aber es lohnt sich, weil die Komfortzone mit jedem Schritt größer wird und man Stärke und Selbstvertrauen gewinnt“, sagt Tanja Riedinger.

Sie hatte in der Arbeit mit der Mustangstute Naira selbst erstmals richtig Angst vor einem Pferd. „Ich hatte im Training einen Fehler gemacht und Naira hatte mich so getreten, dass ich ins Krankenhaus musste. Ich merkte, dass ich mich vor dem nächsten Training fürchtete, und fragte mich ernsthaft, ob ich die Arbeit mit dem Mustang aufgebe. Aber dann habe ich mir genau angesehen, was passiert war, warum ich Angst hatte und wie ich dafür sorgen könnte, dass Naira mich nicht wieder attackiert.“

Diese Gedanken und die daraus abgeleiteten Konsequenzen waren offenbar ziemlich richtig. Mit ihrem Mustang beeindruckte die Newcomerin im Finale des Wettbewerbs Publikum und Jury. Sie ließ etliche ältere und weit erfahrenere Trainer hinter sich. Und zeigte damit sehr eindrucksvoll, dass Grenzen vor allem für eins da sind: sie zu überwinden.

20.11.2017
Autor: Melanie Tschöpe
© CAVALLO
Ausgabe 11/2017