Reiten mit Musik

Tipps für den richtigen Groove im Sattel

Foto: Lisa Rädlein CAVALLO Musik bringt Schwung
Musik motiviert Reiter unglaublich – das zeigt eine neue Studie. Und davon profitiert auch das Pferd! Wir haben die Tipps für den richtigen Groove im Sattel.

Kaum erklingen die ersten Töne unseres Lieblingslieds, stellt sich automatisch gute Laune ein. Kennen Sie das auch? Alles scheint jetzt leichter von der Hand zu gehen. Musik motiviert Menschen einfach unglaublich.

Wie können Reiter Musik ins Spiel bringen?

Ganz ehrlich: Hier fällt uns doch als Erstes die alljährliche Weihnachtsquadrille ein. Oder auf Turnieren die klassische Dressur-Kür mit Musik. Dabei kann jeder Reiter im täglichen Training von der fast schon berauschenden Wirkung der Musik profitieren – und damit auch sein Pferd.

Das bestätigt nun eine Studie von der Hochschule Fresenius in Düsseldorf. Dr. Kathrin Schütz wollte wissen, inwiefern Musik den Reiter motiviert. Sie ist selbst Reiterin, Wirtschaftspsychologin und coacht ängstliche und gestresste Reiter. Mehr als 100 Reiterinnen und Reiter haben an der Studie teilgenommen. Bei der Hälfte der Reiter war Ruhe beim Training; sie durften keine Musik hören. Die andere Hälfte ritt eine Woche lang während der Dressurarbeit mit Musik. Auf die Ohren gab’s einen Remix aus klassischer und elektronischer Musik: „Mozart reloaded“ von Stefan Obermaier.

Aufgabe war, die CD während des Reitens über eine Anlage laufen zu lassen – das Pferd hörte also auch den Mozart-Mix. So bekamen die Reiter die direkte Reaktion der Pferde auf die Musik mit. In die Studie floss das allerdings nicht ein, da die Eindrücke der Reiter zu subjektiv gewesen wären.

Dass es in der Studie um die Motivation der Reiter ging, verriet Dr. Kathrin Schütz den Teilnehmern nicht. So gingen sie unbefangen an das Experiment. Über die Ergebnisse ist sie erstaunt: „Mit einem so deutlichen Unterschied zwischen den Gruppen habe ich nicht gerechnet.“

Was bewirkte die Musik bei den Reitern?

„Reiter, die Musik hörten, fühlten sich nach einer Woche nicht nur motivierter, sie haben das Reiten auch mehr genossen als die Gruppe ohne Musik“, berichtet die Psychologin. Mit Mozart in den Ohren fühlten sich die Reiter weniger unter Druck, sie vergaßen Raum und Zeit und hatten das Gefühl, dass der Ritt richtig gut gelang.

Die Reiter waren also völlig im Flow, was sich positiv auf ihr Training auswirkte. „Reiter kommen mit Musik aus ihrer Verkopftheit heraus und können sich viel besser aufs Reiten konzentrieren. Aber auch übermotivierte Reiter, die unter Druck stehen und zu viel fordern, könnte man mit Musik wieder herunterholen“, erklärt Dr. Kathrin Schütz.

Die Psychologin rät Trainern daher, Musik beim Reiten viel bewusster einzusetzen: etwa bei Reitern, die den richtigen Takt nicht finden, oder zur Entspannung bei Reitern, die gestresst oder ängstlich in den Sattel steigen. „Denn ist der Reiter entspannt, ist es meist auch das Pferd“, sagt Dr. Schütz.

Mozart-Mix für Pferde

Das sagten jedenfalls die Teilnehmer der Studie. „Wer mit der Musik eine Dressuraufgabe geritten ist, hatte das Gefühl, das Pferd habe regelrecht auf die Musik gewartet und wusste, was als Nächstes kommt“, erzählt Dr. Kathrin Schütz. Diesen Effekt kennt die Psychologin von ihrer eigenen Stute nur zu gut. „Sie wurde mit Musik aber eher heiß“, erinnert sie sich.

Viele Pferde reagieren auf schnelle oder laute Beats recht heftig. Fürs alltägliche Training mit Musik daher bitte nicht einfach das Radio lauter drehen oder die Lieblingsband spielen. Suchen Sie gezielt nach der passenden Musik, um das Training effektiver zu gestalten.

Foto: Lisa Rädlein CAVALLO Musik bringt Schwung

Die Reiter fühlten sich mit Musik motivierter. Sie hatten Zeit und Raum völlig vergessen.

Worauf sollten Reiter bei der Musikwahl achten?

Tipps gibt Nicole Pendzich. Sie ist Musikerin, Musikproduzentin, hat Pferde bis Grand Prix ausgebildet und bietet mit „kuermusik.de“ individuell aufs Pferd abgestimmte Musikarrangements und Choreografien für Dressurküren an.

Nicole Pendzich hört sofort, welche Musik zu welchem Pferd und dessen Bewegungsart passt. „Jedes Pferd ist vom Ablauf her anders“, sagt sie. „Ein Vollblüter ist schnell und eher zappelig in seinen Gangarten, ein Warmblüter eher schwungvoll. Für beide brauchen Sie unterschiedliche Musikstücke, um zum Beispiel die richtige Trabart optimal zu unterstützen.“

Die Musik darf auch nicht zu laut oder zu heftig sein. „Das stört Pferde sogar“, sagt die Musikerin. Das sieht man immer wieder auf Turnieren bei Siegerehrungen, wenn die Pferde durch die laute Musik regelrecht aufgescheucht werden. Das läuft zwar auch irgendwie unter Motivation, jedoch eher in die entgegengesetzte Richtung.

Foto: Lisa Rädlein CAVALLO Musik bringt Schwung

Die Musik, die während des Trainings läuft, sollte zum Takt des Pferds passen.

Suchen Sie etwas harmonisches, ein entspanndes Musikstück

Gerade moderne Klassik, Balladen oder Lieder der irischen Sängerin Enya wirken positiv aufs Pferd. „Dabei entspannt sich auch das Tier“, so die Dressur-Ausbilderin. „Und das brauchen Sie wiederum fürs Training. Denn ein guter Galopp etwa kommt neben der Aktivität auch aus der Entspannung.“

Die richtige Musik zu finden ist etwas knifflig, da nicht jeder Reiter musikalisch ist. „Viele Reiter hören den Unterschied zwischen einem Trab- und einem Galoppstück nicht und suchen die falsche Musik aus“, sagt Nicole Pendzich, die am DOKR in Warendorf Trainerseminare in Sachen Kürmusik gibt.

Ihr Tipp: „Um ein Gefühl für das entsprechende Musikstück zu bekommen, fordere ich meine Teilnehmer gerne mal auf, das Stück selbst zu traben. So merken sie schnell, ob der Takt der Musik auch zur Gangart passt.“

Foto: Lisa Rädlein CAVALLO Musik bringt Schwung

Gerade bei Piaffe oder Passage hilft Musik dem Reiter, den Takt besser zu fühlen.

Takt, Tempo oder der optimale Grundrhythmus

Wer das trainieren möchte, sollte es ruhig mal mit Musik probieren. Egal ob er als Reitanfänger das optimale Grundtempo sucht oder schon lange im Sattel sitzt und musikalische Unterstützung bei der Piaffe braucht. „Es ist jedoch nicht die Musik, die dem Pferd hilft, sondern der Reiter, der durch den Takt der Musik besser in den idealen, seinem Pferd entsprechenden Takt findet“, sagt Nicole Pendzich.

Sie wissen nicht, welche Musik zu Ihrem Pferd passen könnte? Nicole Pendzich rät allen Reitern, sich möglichst viele Videos mit Küren anzusehen. „Schauen Sie genau hin. Ist Ihr Pferd vom Takt her auch so ein Typ wie das Pferd auf dem Video? Würde das Musikstück das unterstützen, was Sie erreichen wollen?“ Denn grundsätzlich sollte die Musik, die Sie fürs Training aussuchen, zu dem passen, was Sie mit Ihrem Pferd erarbeiten möchten.

Sind Sie fündig geworden, können Sie sich für Ihr Training eine ganz individuelle Playlist erstellen. „Da reicht schon eine Mischung aus je zehn Minuten Schritt-, Trab- und Galopp-Musik.“

Foto: Lisa Rädlein CAVALLO Musik bringt Schwung

Musik im Ohr? Lassen Sie Ihr Pferd die Lieder doch einfach mithören.

Das sind die richtigen Grooves zum Reiten

Dabei muss es bei der Musikwahl nicht immer klassisch zugehen. Den typischen Trab-Groove hat zum Beispiel „Titanium“ von David Guetta. „Das ist ein Viertel-Beat, der immer dann anschlägt, wenn das Vorderbein des Pferds auftritt“, sagt Nicole Pendzich. Profis wie Ingrid Klimke zeigen, dass Pferd und Reiter auch zu Schlagerliedern wie „Hulapalu“ von Andreas Gabalier im Takt traben können.

Fürs Galopp-Training können Sie zum Beispiel „Stay“ von Kygo auf die Playlist setzen. „Der Rhythmus von Stay schlägt immer dann an, wenn das Hinterbein auftritt und das diagonale Bein vorne hochkommt“, so die Musikerin. „Lieder mit Galopp-Groove haben diese springende Rhythmik. Die finden Sie oft bei lateinamerikanischen Stücken oder Latin Pop. Despacito von Luis Fonsi zum Beispiel.“ Diese Musik berücksichtigt vom Beat her mit seinen Zwischenschlägen den Sprung des Hinterbeins. „Und gerade dieses Hochspringen macht den Galopp gut“, sagt Nicole Pendzich. Deutlich zu hören ist dieser Zwischenbeat bei dem Song „Shape of you“ von Ed Sheeran.

Michael Jackson für Schritt-Lektionen

Selbst den Schritt können Sie mit Musik verbessern oder Lektionen im Schritt leichter trainieren. „Viele vertun sich hier und reiten zu schnell“, sagt die Ausbilderin und rät, auf keinen Fall hibbelige Stücke auszusuchen. „Schritt ist ein Rhythmus mit Viertel-Schlägen, ähnlich dem Trabtakt, nur viel langsamer. Er ist eher schreitend, mit fließendem Charakter“, erklärt Nicole Pendzich.

Auf der sicheren Seite sind Sie mit Songs wie „Heal the world“ von Michael Jackson oder „We are the world“ von USA for Africa. „Bei diesen Liedern ist der Takt so gleichmäßig schreitend, wie der Ablauf und das Auffußen idealerweise sein sollen“, sagt die Musikerin.

Sie sind nun richtig motiviert fürs erste Training mit Musik? Dann schnell eine Playlist erstellen, ab aufs Pferd und Musik an. Sie werden sehen: Mit dem richtigen Groove im Sattel geht’s leichter und sorgt bei Pferd und Reiter ganz nebenbei für gute Laune.

03.12.2018
Autor: Kristina Hofer
© CAVALLO