So helfen Sie dem Pferd, gute Entscheidungen zu treffen

Mitspracherecht für Pferde

Foto: Rädlein So helfen Sie dem Pferd, gute Entscheidungen zu treffen
Geben Sie Ihrem Pferd im Zuge seiner Ausbildung immer mehr Mitspracherecht. So ermutigen Sie es zu Entscheidungen, mit denen sich beide wohl fühlen.

Nahezu jeder Aspekt des Wohlbefindens von Pferden hängt davon ab, wie geschickt sie darin werden, kluge Entscheidungen zu treffen – und wie gut wir sie dabei an die Hufe nehmen. Doch wie genau können wir Pferden dabei helfen, kompetente Entscheidungen zu treffen – und ihnen in Umgang und Training pferdegerechte Freiräume schaffen?

Pferde loslassen

Für Verhaltensbiologin und Légèreté-Trainerin Sonja Weber (www.sonja-weberreitkunst.de) bedeutet Freiraum, „das Pferd loszulassen, sobald es etwas richtig gemacht, sprich verstanden, hat.“ Heißt: Je besser wir Pferden unsere Wünsche und Bedürfnisse verständlich machen, „desto mehr Entscheidungsfreiräume können wir ihnen mit zunehmender Ausbildung wiederum geben“, erklärt Pferdepsychologin Herdis Hiller (www.herdishiller.de). „Das motiviert und schafft Wohlbefinden.“

Der Knackpunkt: Nur weil wir ein Pferd trainieren wollen, heißt das noch lange nicht, dass es das genauso toll findet. Hauspferd hin oder her. „Seine Bedürfnisse
sind exakt die gleichen wie in der Natur“, sagt Horsemanship-Trainerin Silvia Mathoi (www.silvia-mathoi.de). Und das bedeutet: Nahrung suchen, Sicherheit und Harmonie.

Foto: Rädlein Geben Sie Ihrem Pferd im Zuge seiner Ausbildung immer mehr Mitspracherecht. So ermutigen Sie es zu Entscheidungen, mit denen sich beide wohl fühlen.

Den Sinn erkennen

Entscheidungen, die Pferde in Umgang und Training zu treffen haben, sind indes unweigerlich komplexer. „Für Pferde bedeutet die Zusammenarbeit mit uns, dass sie sich mit ihrem Verhalten an neue Regeln anpassen müssen“, erklärt Peter Kreinberg (www.peter-kreinberg.de). „Diese Regeln schränken ihre Bewegungs- und Entscheidungsfreiheiten ein, ohne dass die Vierbeiner zunächst einen Sinn darin erkennen“, sagt der Ausbilder.

Das ist der große Unterschied zur Natur: „Dort weicht ein Pferd allem aus, was unbequem ist“, sagt Sonja Weber. Nur: „Wenn man einen Trainings-Fortschritt erzielen möchte, dann muss das Pferd diese Grenzen eben auch mal überschreiten, sprich seine Komfortzone verlassen.“

Andernfalls suchen sich Pferde im Training immer neue Lücken, um einer vermeintlich unangenehmen Anforderung auszuweichen. Beispiel Vorhandwendung: Hierbei hauen Pferde instinktiv gerne nach vorne ab, statt die Hinterbeine brav an Ort und Stelle zu kreuzen. Viel zu anstrengend!

Solide Basis schaffen

„Solche Lücken müssen Reiter durch eine solide Grundausbildung und -erziehung schließen“, sagt Sonja Weber. Auf die Vorhandwendung bezogen: das Pferd mit Hilfe des äußeren Zügels parieren.

Im Idealfall sind solche Hilfen bald gar nicht mehr nötig, denn: „Je besser und feiner ein Pferd ausgebildet ist, desto weniger müssen wir auf es einwirken.“ Auch das bedeutet Pferde loslassen: Hilfen auf ein Minimum reduzieren.

Pferde ermutigen

Zu klugen Entscheidungen verhelfen Sie Ihrem Pferd auch, indem Sie es einfach mal selbst nach seinen Wünschen und Bedürfnissen fragen.

Für Ausbilder Wolfgang Marlie (www.reiterpension-marlie.de) ist es die Basis seiner Arbeit, Pferde Wünsche äußern zu lassen – und sie auf diese Weise zu einer klugen Entscheidung zu ermutigen. „Dann überlege ich mir, wie ich damit umgehen will“, sagt der Reitlehrer. „Ich frage ein Pferd etwa: Wie findest du es, wenn ich an einer bestimmten Stelle ins Fell drücke? Das Pferd hat dann die Wahl, die Berührung zu akzeptieren, abzuwehren oder wegzugehen.“

In der Natur spicken

Wolfgang Marlies Ratgeber ist die Natur: „Ich verhalte mich genauso wie ein Herdenmitglied, das kommt und treibt.“ Denn: „Pferde tauschen nur zwei Botschaften miteinander aus – sie fordern Abstand oder laden in die Nähe ein.“

Auch Horsemanship-Trainerin Silvia Mathoi hilft Pferden auf die Sprünge, indem sie natürliche Verhaltensweisen nutzt, etwa mit Hilfe der „Vier Phasen der freundlichen Bestimmtheit“. Damit bewirkt die Ausbilderin, dass eine Situation für Pferde im richtigen Moment angenehm und im richtigen Moment unangenehm wird. „Das Prinzip ist ähnlich, als wenn Sie eine Reiterhilfe bei richtiger Reaktion weglassen“, erklärt die Ausbilderin. Der Hintergedanke: „Indem Sie Ihr Pfed darauf konditionieren, dass erwünschte Dinge leicht und unerwünschte schwierig sind, lernt es rasch, sich für das Richtige zu entscheiden – als wäre dies seine eigene Idee.“

Beziehung stärken

Je attraktiver Sie die Freiräume im Pferdetraining gestalten, desto stärker wird auch Ihre gemeinsame Beziehung. Und das gelingt jedem Paar! Wie Sie Ihren Vierbeiner zum Entscheiden ermutigen, seine Wünsche abfragen und mit welchen Übungen Sie Pferde so frei wie möglich kontrollieren, verraten die Experten auf den folgenden Seiten.

27.11.2017
Autor: Regina Kühr
© CAVALLO
Ausgabe 11/2017