So lernen Reiter, Distanzen richtig einzuschätzen

Auf den Punkt

Foto: Rädlein Optische Hilfen
Exakt dort ankommen, wo man hin will, und Distanzen punktgenau einschätzen – diese Tipps und Übungen geben Reitern Orientierung.

Egal ob im Springparcours oder in der Dressurstunde: Um Distanzen einschätzen zu können, müssen Reiter verschiedene sensorische Fähigkeiten trainieren. Etwa das Auge – sowohl in der Umgebung, in der sie mit dem Pferd unterwegs sind, als auch anhand der Bewegungsmuster des Pferds. So gelingt das Spiel mit den Abständen.

Vorausschauen

Haben Sie schon mal gewiefte Springreiter im Parcours beobachtet? Sie sind wahre Meister darin, den besten Weg von einem Hindernis zum nächsten zu erspähen und Pferde exakt dorthin zu steuern. Überm Sprung wiederum haben sie schon wieder das nächste Hindernis im Blick.

Auch Reiter anderer Disziplinen schauen im Sattel stets ein gutes Stück voraus: In der Westerndisziplin Reining zirkelt das Pferd mit atemberaubender Geschwindigkeit wie auf einer unsichtbaren Schiene. Damit das gelingt, hat der Reiter die ideale Linie stets im Blick.

Sogar bei klassischen Bahnfiguren in der Reitstunde gilt: Um das Pferd punktgenau zu steuern, muss der Reiter vorausschauen. Wie? „Stellen Sie sich vor, dass auf Ihren Schultern Augen sitzen, die immer ein paar Meter vorausschauen“, rät Ausbilderin Nina Schmitz.

Weicher Blick

Wichtig ist jedoch nicht nur, dass wir im Sattel vorausschauen, sondern auch wie. Denn einfach nur auf das Hindernis oder einen Buchstaben an der Bande zu starren, wirkt kontraproduktiv auf Sitz und Wahrnehmung. „Reiter brauchen einen weichen, sprich entspannten Blick, denn nur so bleiben sie locker und haben ein größeres Sichtfeld“, erklärt Trainerin Carola Paustian.

Wie das klappt, zeigt dieses Experiment: Lassen Sie jemanden vorne um das Pferd herumgehen, während Sie starr die Ohrenspitzen des Pferds fokussieren. Sagen Sie Ihrem Helfer, bis zu welchem Punkt Sie ihn noch sehen können, bevor er aus Ihrem Sichtfeld verschwindet und bitten Sie ihn, diesen zu markieren. Anschließend wiederholen Sie das Experiment, schauen dabei aber weich über die Pferdeohren hinweg. Dieses Mal werden Sie den Helfer am Boden länger im Blickfeld haben als beim ersten Versuch. „Ein entspannter Blick hilft dem Reiter, Wege besser einzuteilen und Ziele anzusteuern.“

Foto: Rädlein So lernen Reiter, Distanzen richtig einzuschätzen

Rhythmus ist nötig, um beim Sprung den richtigen Absprung zu erwischen.

Wie bewegt sich mein Pferd?

Wer wissen möchte, wie er wo ankommt, sollte zudem ein Gefühl für die Trittlängen des Pferds entwickeln. Ausbilderin Sibylle Wiemer (www.sibyllewiemer.de) rät: „Beobachten Sie das Pferd zunächst an der Longe.“ Lassen Sie es über mehrere Trabstangen gehen (Zwischenabstände ca. 1,20 Meter) und achten Sie darauf, wie es sich bewegt. Dann variieren Sie die Abstände zwischen den Stangen um etwa zehn Zentimeter.

Wie verändert sich die Bewegung, wenn die Stangen weiter oder enger auseinander liegen? Anschließend wiederholen Sie dieselbe Übung im Sattel. So merken Sie auch bald, welche Trittlänge für Ihr Pferd am besten ist – eine wichtige Voraussetzung dafür, dass Sie später intuitiv die Laufwege fürs Pferd einschätzen und punktgenau reiten können.

Noch ein Trick: „Zwei Pylone helfen, Blick und Gefühl dafür zu entwickeln, wie viele Trabtritte oder Galoppsprünge ein Pferd zwischen zwei Punkten macht“, rät Westerntrainerin Uschka Wolf. Geben Sie zunächst einen Tipp ab, bevor Sie die Distanz zwischen zwei Hütchen mit dem Pferd zurücklegen. Zählen Sie die Tritte oder Sprünge: Lagen Sie richtig? Kam Ihr Pferd punktgenau an? Üben Sie dann, die Distanz in weniger oder mehr Tritten zurückzulegen und dabei möglichst passgenau an der zweiten Pylone zu landen.

Takt und Rhythmus

Stellen Sie sich vor, Sie tanzen mit Ihrem Pferd durch die Bahn. Das Wichtigste wäre dabei, auf Takt und Rhythmus der Musik zu achten. Um flüssig und genau einen bestimmten Bahnpunkt oder Sprung anzusteuern, brauchen Sie genau das: Rhythmusgefühl.

Stangenmikado

Gute Tanzpartner klammern sich jedoch nicht aneinander fest, sondern vertrauen einander. „Vielen Reitern fällt das anfangs schwer, sie wirken zu viel auf ihr Pferd ein“, sagt Ausbilder Johannes Beck-Broichsitter. „Das wird beim Springen später problematisch, denn das Pferd hat so kaum die Chance, den Sprung selbst zu taxieren.“

Das Heilmittel: unregelmäßig liegende Stangen. Damit sollen Reiter lernen loszulassen und sich mehr aufs Vorwärtsreiten konzentrieren. Legen Sie mehrere Stangen jeweils leicht schräg im 20 bis 40 Grad Winkel zueinander auf die Mittellinie der Reitbahn. Starten Sie mit zwei Stangen, über die Sie in einer geraden Linie hinwegreiten. Versuchen Sie, so wenig wie möglich einzuwirken und locker den Bewegungen des Pferds zu folgen. Dann nehmen Sie schrittweise weitere Stangen dazu.

Reihenweise

Nun brauchen Sie ein Gefühl für den Rhythmus der einzelnen Gangarten. Legen Sie dafür Bodenstangen hintereinander, dieses Mal im passenden Abstand (etwa 1,20 Meter für den Trab und 3,20 für den Galopp). Lassen Sie Ihr Pferd locker über die Stangenreihe laufen. Mit der Zeit wird es die Reihe im gleichbleibenden Rhythmus überqueren. Fortgeschrittene können Cavaletti oder Sprünge einfügen. Versprochen: Auch Sie werden bald ein besseres Rhythmusgefühl bekommen und so schnell spüren, wenn Ihr Pferd davon abweicht.

Bleiben Sie locker und zählen Sie die Tritte oder Sprünge mit. Das hilft dem Vierbeiner, den Takt zu halten. Genau wie:

Foto: Schuschkleb Optische Hilfen

Die Treppe: Auf kreativen Wegen durch die Stangen.

Die Treppe

Dieses Hindernis wird ähnlich wie ein Siegertreppchen aufgebaut. „Damit können Sie weiter an Takt- und Rhythmusgefühl von Reiter und Pferd feilen“, erklärt Nina Schmitz. Reiten Sie zunächst im Schritt und dann im Trab auf kreativen Wegen über die Stangen.

Timing und Raumgefühl

Reiter, die in der Lage sind, Distanzen vom Sattel aus einzuschätzen, wissen stets genau, wo sie sich im Raum befinden und auf welcher Linie sie am besten an einem bestimmten Punkt landen.

Orientierung

„Reiter müssen wissen, an welcher Stelle sie vom Hufschlag aus abbiegen sollten, damit sie etwa eine Stangenreihe gerade anreiten können“, erklärt Sibylle Wiemer. Je öfter Sie das üben, desto besser wird Ihr Gefühl dafür, wie und wo Sie sich mit dem Pferd durch einen bestimmten Raum, zum Beispiel die Reithalle, bewegen.

Foto: Schuschkleb Koordinatensystem in der Reithalle.

Koordinatensystem in der Reithalle.

Besser zielen

Falls Sie sich anfangs noch schwertun mit dem Raumgefühl, können diese Tricks helfen: Nina Schmitz rät ihren Schülern, sich den Innenraum der Reitbahn wie ein Koordinatensystem vorzustellen. „Dann lasse ich die Reiter beispielsweise Schlangenlinien mit drei Bögen reiten und sage ihnen, dass sie sich diese wie Parabeln vorstellen können.“

Platzieren Sie zusätzlich jeweils drei Stangen entlang der langen Seiten, die genau auf den Scheitelpunkten der Schlangenlinie liegen. „So üben Sie außerdem, die ideale Linie auf dem Weg zu den Stangen zu finden.“

Optische Hilfen

Westerntrainerin Uschka Wolf zeichnet ihren Reitschülern gerne den idealen Laufweg für Zirkel oder beim passgenauen Anreiten auf eine Stangenkombination im Trail mithilfe von Pylonen vor.

Gleiches gilt etwa auch für die Wechselzone von einfachen oder fliegenden Galoppwechseln. „Diese markiere ich gerne mit einer Pylonengasse, damit die Reiter wissen, wann genau sie das Pferd für einen sauberen Wechsel geradestellen müssen.“

01.08.2018
Autor: Judith Eckert
© CAVALLO
Ausgabe 06/2018