GHP: Die 10 besten Übungen zur Gelassenheitsprüfung

Williges Rückwärtsrichten

Bei der Gerittenen GHP stellt der Reiter das Pferd an der Hand vor und absolviert dann im Sattel im Schritt zehn Aufgaben in einer vom Veranstalter festgelegten Reihenfolge. Er soll feinfühlig und kaum sichtbar auf das Pferd einwirken. Ebenso ist das Rückwärts reiten ist eine kleine Kunst. Wie bleibt sein Kopf unten und sein Körper willig?
Foto: Rädlein CAVALLO GHP

Nur nicht im Rückwärtsgang weglaufen.

Ein kleiner Rückschritt kann ein Fortschritt sein, wenn er ruhig und entspannt verläuft. Dann fördert der Rückwärtsgang Balance, Aufmerksamkeit und Gehorsam des Pferds und bringt es ohne Kampf aus brenzligen Situationen, etwa wenn sich ein schmaler Weg als Sackgasse entpuppt. Anhalten, Stillstehen und Rückwärtsrichten ist daher eine Übung der Gerittenen Gelassenheitsprüfung für Sport- und Freizeitpferde. Für die Bestnote 1 müssen Sie Ihr Pferd in eine 2,5 Meter lange Gasse hineinreiten, sanft anhalten und kurz stehenbleiben. Danach sollen Sie rückwärts wieder heraus.

Das Pferd soll dabei ruhig Schritt für Schritt rückwärtstreten, ohne Kopfschlagen und ohne die Markierung zu übertreten. Dann halten Sie erneut an, lassen Ihr Pferd kurz stehen und wenden ab zur nächsten Aufgabe. „Rückwärtsgehen ist für ein Pferd immer unangenehm. In der Herde weicht es allenfalls vor seinem Chef zurück, manchmal beim Kampf kurz vorm Ausschlagen“, erklärt Trainerin Anja Schöne aus Singen am Bodensee. „Deshalb ist ein Pferd erst einmal grantig, wenn es rückwärts soll, und wirft den Kopf hoch.“

Um die Stimmung zu heben, müssen Sie Ihr Pferd bei der kleinsten Rückwärtstendenz loben. „Am besten üben Sie das anfangs vom Boden aus, bis das Pferd entspannt und freiwillig auf ein Signal rückwärts geht, ohne Ziehen oder Drücken.“ Um das Pferd rückwärts zu schicken, zupfen Sie leicht am Halfter und gehen selbst übertrieben rückwärts. Sie können auch sanft auf die Brust oder das Nasenbein klopfen oder den Strick vor der Nase des Pferds kreisen lassen. Ein Stimmkommando wie „Zuuur-ück“ erleichtert Ihnen später die Kommunikation im Sattel. Wie auch immer Sie zum ersten Rückschritt kommen, halten Sie danach sofort inne, und loben Sie ausgiebig.

Versteht Ihr Pferd nicht, was Sie wollen, bauen Sie ihm eine Hilfe: „Aus Bande, Hindernisständern und Bändern basteln Sie eine Gasse. Die soll anfangs 2,5 Meter breit sein, später nur noch einen Meter und direkt auf die Wand zulaufen. Führen Sie Ihr Pferd bis an die Wand.“

Dann versteht es leichter, warum es rückwärts gehen soll – vorwärts und seitwärts ist der Weg versperrt. Dann können Sie in aller Ruhe sämtliche Hilfen und Stimmkommandos etablieren. Wenn das Pferd ruhig rückwärts geht, können Sie die Gasse abbauen und Stangen auslegen, später auch ohne Markierung mitten in der Bahn oder im Gelände üben. Klappt alles am Boden, sitzen Sie auf, reiten in die Gasse zur Wand und lassen Ihr Pferd rückwärts treten. Funktioniert das, legen Sie eine Stangengasse, wie sie die GHP verlangt. Halten Sie am Ende der Gasse an, und lassen Sie das Pferd ruhig stehen.

Steht es nicht geschlossen, verzichten Sie auf lange Korrekturen. „Der Fehler war dann schon vorher, beim Schritt und beim Halten. Den auszubügeln, ist jetzt fast unmöglich. Das würde ich nur tun, wenn das Pferd ein Bein wirklich weit ausgestellt hat“, rät Anja Schöne.
Wichtiger ist, daß das Pferd ruhig steht. Das üben Sie mit viel Lob und immer längeren Steh-Intervallen. Entspannen Sie, entspannt auch das Pferd leichter.

Steht das Pferd ruhig, denken Sie ans Zurückgehen. „Das ist das Wichtigste. Wie wollen Sie rückwärts gehen, wenn Sie an vorwärts denken?“ sagt der Westerntrainer Jürgen Döring aus dem westfälischen Marl. „Dann setzen Sie sich tief in den Sattel, drücken leicht rhythmisch mit den Beinen ans Pferd und geben Ihr Stimmkommando.“

Ziel ist es, irgendwann mit passivem Bein nur durch das entspannte Einsitzen rückwärts zu befehlen. Bis Sie soweit sind, geben Sie noch Impulse mit dem Schenkel.“ Leicht mit den Schenkeln treiben sollen auch die Klassiker. „Ich halte da aber nichts von, zumindest nicht in Kombination mit einer anstehenden Hand“, kritisiert Anja Schöne. „Das können nur Profis. Alle anderen treiben und ziehen gleichzeitig. Das Pferd weicht nur widerwillig zurück und verspannt sich völlig.“

Schöne rät zu angelegten Beinen, die nur aktiv werden, wenn das Pferd seitlich weicht. Außerdem sollten Sie den Oberkörper leicht vorneigen und die Hand leicht anheben – nicht zurücknehmen. Die Beine nehmen Sie ein kleines Stück zurück, dann geben Sie Ihr Stimmkommando. Wehrt sich Ihr Pferd schon am Boden ständig gegen das Rückwärtstreten, hat es möglicherweise ein verstecktes Gesundheits-Problem, das ihm das Rückwärtstreten unmöglich macht.

„Geht es ohne Reiter willig rückwärts, liegt es meist am schlechten Reiter“, erklärt Dr. Heike Kühn von der Tierklinik München-Riem. Geht es ohne Reiter nicht rückwärts, steckt oft eine Erkrankung dahinter: „Muskelstoffwechselerkrankungen, Rücken- oder Hinterhandschmerzen, verkippte Halswirbel oder auch Zahnprobleme verstecken sich oft hinter der Weigerung, rückwärts zu gehen.“

Dann sollten Sie den Tierarzt rufen. „Die meisten Pferde gehen nicht rückwärts, weil der Reiter zu schlecht ist oder sie mit zuviel Zwang rückwärts geschickt wurden“, sagt Kühn. Eine Ausnahme gibt es aber: „Rennpferde wurden oft so auf vorwärts getrimmt, daß der Rückwärtsgang auf der Festplatte gelöscht wurde. Da hilft nur: viel Üben, viel Lob und viel Geduld.“

13.01.2009
Autor: Redaktion CAVALLO
© CAVALLO
Ausgabe 08/2006