Die Angst der Pferde vor dem Reiter

Pferde nicht zu Leistungen zwingen

„Man kann Pferde nicht zur Leistung zwingen. Sie sind als Flucht- und Lauftiere nur bereit, ihr Äußerstes zu geben, wenn man sie positiv motiviert“, erklärt Psychologin Ulrike Thiel.
Loading  

„Dann kommt ihre Motivation von innen statt vom Raubtier Mensch auf dem Rücken. Am Körperausdruck der fotografierten Pferde sieht man klar, dass sie sich nicht wohlfühlen.“

Das seien nur Momentaufnahmen. So lautet die übliche Entschuldigung, wenn ein Reiter erwischt wird, wie er sein Pferd prügelt, riegelt oder rollt. Momentaufnahmen. Weil sie diese Ausrede satt hatte, verfolgte Ulrike Thiel 2004 die Dressurmeisterschaft in ihrer holländischen Heimat per Videokamera.

Sie filmte, wie die amtierende Kür-Weltmeisterin und Rollkur-Verfechterin Anky van Grunsven ihr Pferd beim Abreiten 40 Minuten lang nahezu ununterbrochen mit extrem tiefgerolltem Hals hinter der Senkrechten ritt. „Das sollen Momentaufnahmen sein?“ fragt sich Dr. Thiel, die außerdem die Nachahmer Edward Gal und Imke Bartels bei ihren Rollkuren aufnahm.

Beim Fototermin mit CAVALLO lief ebenfalls die Videokamera, um zu dokumentieren, dass Grobheit weder momentanen Launen noch Zufällen unterliegt. Denn es ist keine Kunst, einen Reiter zum Handwerker zu stempeln. Jeder Fotograf kennt die Suche nach dem perfekten Augenblick, in dem der Reiter sauber sitzt und sein Pferd richtlinientreu läuft.

„Von mir gibt es auch schlechte Bilder, wo ich mal hintenüber sitze oder das Pferd nicht die optimale Haltung hat“, weiß Dressurreiterin Christine Stückelberger ebenso wie jeder Profi. Und natürlich habe es immer Szenen gegeben, „wo Reiter mal zulangten. Aber in dieser Fülle sah man das früher nicht“.

Foto: Rädlein Angst bei Sportpferden

Mannheimer Maimarkt 2007.

Beobachtungen auf dem Mannheimer Maimarkt Turnier 2007

Dr. Ulrike Thiel, Dr. Gerd Heuschmann: Hier sieht man die gegenteilige Wirkung dessen, was als Trainingsziel der Rollkur-Methode – verharmlosend Hyperflexion genannt – immer wieder genannt wird. Der Rücken ist fest, die Hinterhand herausgestellt, das Pferd läuft auf der Vorhand. Wie soll es daraus ein geschmeidiges Unterspringen vor dem Sprung und eine Bascule entwickeln? Festgehaltene Muskeln werden nicht genügend durchblutet und können sich nachher auch im Parcours nicht loslassen sowie wechselseitig geschmeidig an- und entspannen.

Dr. Michael Weishaupt: Die Leute, die sich die positiven Aspekte der Rollkur-Studien herauspickten, halten dieser Methode zugute, dass der Rücken sich dabei stärker hebt. Das kann man messen, und es wird von manchen als positiv bewertet. Allerdings wird dabei die mittlere Partie, wo der Sattel liegt und der Rücken am meisten belastet wird, auch nicht stärker unterstützt als etwa beim Vorwärts-Abwärts-Reiten. Beim tiefen Einstellen des Halses werden die Öffnungen zwischen den Wirbelkörpern, wo die Nerven austreten, enger. Der Übergang Lendenwirbelsäule/Kreuzbein ist stärker gestreckt, weshalb das Pferd hinten herausläuft und weniger untertreten kann. Auch das haben wir bei dieser Kopf-Hals-Position gemessen. Die Balance verändert sich, das Pferd benutzt andere Muskeln und andere Hebelverhältnisse. Ein paar Sekunden in dieser Position erzeugen vielleicht eine Erweiterung der Bewegungskompetenz, wenn das Pferd sich danach entspannen und neu positionieren kann – genau wie bei Übergängen, die Muskeln durch Spannung/Entspannung trainieren. Aber durch den Schlaufzügel wird es in dieser Position festgehalten. Das Schweifschlagen zeigt, dass es sich nicht wohlfühlt.

Forum: Doping im Spitzenreitsport - Wie geht es weiter mit den deutschen Reitern?

28.06.2009
Autor: Christine Felsinger
© CAVALLO
Ausgabe 07/2007