Lisa Rädlein

Schätze aus Egon von Neindorffs Bibliothek

Aus Egon von Neindorffs Bibliothek: Teil 4 Parade-Beispiel

Die einen bremsen ihr Pferd, die anderen parieren. Warum halbe und ganze Paraden Gefühlssache sind und Reiter dafür einen guten Lehrer brauchen.

CAVALLO-Redakteurin Nadine Szymanski hütet den Schatz der Redaktion: die Privatbibliothek des 2004 verstorbenen Reitmeisters Egon von Neindorff. Über 50 Jahre lang vermittelte er an seinem Reitinstitut in Karlsruhe sein Wissen über die klassische Reitkunst und kämpfte für die korrekte Ausbildung von Pferd und Reiter.

Lisa Raedlein

Das unscheinbare Buch im braunen Einband jagt mir einen gehörigen Schrecken ein. Beim Aufschlagen fallen fast ein paar Seiten heraus. Dann bleibt mir nochmals die Luft stehen: Eines der Blätter gehört nicht zum Buch. Es sind handschriftliche Notizen. Offenbar hat sich Egon von Neindorff mit dem "System der Reitkunst" von Louis Seeger recht intensiv beschäftigt. Einige Absätze im Buch sind unterstrichen und kleine Risse der Seiten wurden mit Tesafilm gekittet.

Selbstverständlich bleibe ich zunächst an dem Notizzettel hängen. Neindorffs Handschrift ist geradlinig, aber schwungvoll. Das macht sie für mich schwer zu entziffern. Immerhin wird mir klar, dass er unter anderem zusammenfasste, wie Seeger die Hilfen für Paraden beschrieben hat.

Also schlage ich nach. Auf mehreren Seiten lese ich, wie halbe und ganze Paraden (Arrêts) eingeleitet werden. Ein halber Arrêt mit einem Zügel wirkt aushaltend und beugend auf das jeweilige Hinterbein, der ganze Arrêt auf beide Hinterbeine. Für die ganze Parade heißt das: Beugt das Pferd seine Hinterbeine nicht, kann es nicht korrekt durchparieren. Damit nehmen es viele Reiter nicht so genau. "Es wird gewöhnlich bei dem Anziehen beider Zügel zugleich der Anzug zu hart und zu stark; der Reiter lehnt sich in den meisten Fällen (...) mit dem Oberleibe zurück, wodurch das Hinterteil des Pferdes unverhältnismäßig beschwert wird. Eben deswegen wird dann das Pferd genötigt, sein Hinterteil starr zu machen und in die Zügel zu stoßen."

Immerhin, wem dieser Fehler passiert ist, der kann ihn noch ausbügeln, indem er die Schenkel noch fester ans Pferd drückt als er an den Zügeln zieht (Achtung, Ironie!) – also so: "Um diesen Nachteilen zu begegnen, müssen des Reiters Schenkelhilfen denen der Hand vorwirken, und zwar so ausdauernd, bis das Pferd ihnen Folge geleistet hat, das heißt, bis die Hinterbeine untergetreten sind."

Auch wenn die ganze Parade oft genauso geritten wird, wie sie Seeger als Fehler beschrieben hat, lehren die Richtlinien der FN sie anders: Sie besteht aus mehreren halben Paraden. Diese werden allerdings häufig willkürlich so oft wie nötig wiederholt. Mit Glück spricht man dabei auch mal ein Hinterbein an.

Warum lernen wir heute nur noch Wischiwaschi-Paraden? Weil es so schwierig ist zu fühlen, wann die Hinterbeine abfußen? Seeger ließ das Argument, dass nur Reiter mit vollkommenem Gefühl mit Arrêts arbeiten können, nicht gelten: "Selbst der weniger Erfahrene kann sie (...) anwenden, wenn der Lehrer ihn gehörig aufmerksam macht (...)."

Wir brauchen also nur einen guten Lehrer! Seeger und Neindorff hätten uns sicher helfen können. Doch es ist wohl genau so schwierig, Paraden richtig zu timen wie einen guten Reitlehrer zu finden.

Kurz-Info zum Buch:

Louis Seegers "System der Reitkunst" (1844) ist geprägt von seinem Lehrer Maximilian Weyrother (ehemaliger Leiter der Spanischen Hofreitschule in Wien). Seeger gründete in Berlin die erste private Reitschule in Deutschland. Einer seiner Schüler war Gustav Steinbrecht. Als einer der größten Kritiker des Franzosen Francois Baucher veröffentlichte Louis Seeger 1852 "Herr Baucher und seine Künste – ein ernstes Wort an Deutschlands Reiter". Seegers Reitlehre von 1844 ist zuletzt erschienen im Olms Verlag, jedoch aktuell nicht lieferbar.

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