Gift auf der Weide: Sieben neue Fälle atypischer Weidemyopathie

Foto: Pixabay Pferde auf der Weide
Die Veterinärmedizinischen Fakultät in Lüttich meldet sieben neue Fälle atypischer Weidemyopathie. In den nächsten Wochen steigt das Risiko durch sinkende Temperaturen. CAVALLO erklärt, was die Krankheit auslöst und wie Sie Ihr Pferd davor schützen können.

In den nächsten und Wochen steigt die Gefahr für Pferde an atypischer Weidemyopathie zu erkranken. Der Grund: Sinkende Temperaturen lassen die giftigen Samen von Ahornbäumen fallen. Fressen Pferde diese Samen, könnten sie erkranken. Weiden mit Ahornbäumen sollten Ihre Pferde in nächster Zeit unbedingt meiden.

Was löst die Krankheit aus?
Die atypische Weidemyopathie ist eine Muskelerkrankung, die die Herz- und Skelettmuskelzellen von Pferden zerstört. Was die Krankheit auslöst, war lange Zeit ein Rätsel. Erst seit 2013 sind Wissenschaftler sicher: Die toxische Aminosäure Hypoglycin A (HGA), ein Gift, das im Samen von Bergahorn vorkommt, verursacht das Muskelleiden. Neue Studien konnten das Gift zudem in jungen Bergahornpflanzen nachweisen. Somit gelten neben den Samen auch die Triebe des Baums als gefährlich. Andere Quellen, über die Pferde Hypoglycin A aufnehmen, sind bisher nicht bekannt.

Doch wie kann es sein, dass manche Tiere an den Giftsamen sterben und andere überhaupt keine Anzeichen einer Krankheit zeigen? Dieser Frage gingen Dr. Mandy Bochnia und ihr Team von der Uni Halle-Wittenberg nach. Die Forscher untersuchten sowohl Blut- und Urinproben des erkrankten Junghengstes sowie von dessen Weidepartnern.

Das Ergebnis: Alle Pferde hatten das Toxin HGA im Körper, teils sogar in hohen Konzentrationen. Das heißt: Alle hatten die Ahornsamen gefressen. Aber nur bei dem verstorbenen Hengst ließ sich ein sogenannter Metabolit des Gifts nachweisen: ein Abbauprodukt von HGA, das bei Stoffwechselvorgängen im Körper entsteht. Symptome treten also nur auf, wenn sich neben HGA auch der Metabolit im Körper des Pferds nachweisen lässt. Die Forscher vermuten, dass manche Pferde einen Weg entwickeln, sich selbst zu entgiften.

Wie macht sich die Krankheit bemerkbar?

Wenn Pferde erkranken, treten die Symptome plötzlich auf. Folgende Anzeichen sind typisch:

  • kolikartige Beschwerden
  • steifer, schwankender Gang
  • Pferd schwitzt stark
  • Pferd zeigt Schmerzreaktion bei Berührung der Muskeln; plötzliche Muskelschwäche, Pferd kann nicht mehr laufen und stehen
  • Pferd legt sich hin vor Schwäche
  • gesenkte Kopf-Hals- Haltung
  • erhöhte Atemfrequenz
  • Herzrasen; oft über 100 Schläge pro Minute
  • Möglicherweise kaffeebrauner Urin
  • Harnabsatz beeinträchtigt
  • Körpertemperatur kann erhöht sein
  • Viele Pferde verkrampfen sich vor Schmerzen und rudern im Liegen mit den Beinen
  • Probleme beim Schlucken möglich; Tiere zeigen trotzdem Appetit und fressen teils sogar noch im Liegen

Giftigen Bergahorn erkennen

Der Bergahorn (Acer pseudoplatanus) gilt als die häufigste Ahornart Mitteleuropas. Typisch sind fünflappige Blätter, die zirka 8 bis 15 Zentimeter groß sind; die Flügelfrüchte mit Samen sehen aus wie Nasenzwicker (rechtwinkelig). Die Samen drehen sich wie kleine Propeller und können schätzungsweise bis zu hundert Meter weit fliegen. So ist es möglich, dass gar kein Baum auf einer Weide ist, aber trotzdem Samen auf dem Boden oder im Gras liegen. So ein Fall ist auch Dr. Mandy Bochnia bekannt: Dort grasten Pferde auf einer Weide, in deren Umgebung es nur einen Bergahornbaum gab – der stand 60 Meter entfernt im Garten eines Wohnhauses. Doch seine Samen reichten aus, um ein Pferd zu vergiften.
Eine weitere Tücke: Ahornsamen weisen höchst unterschiedliche HGA-Werte auf. Deshalb ist es schwer zu sagen, welche Menge für Pferde kritisch ist. Es ist möglich, dass eine Handvoll Samen genauso giftig ist wie tausend Samen.

Wie stellt der Tierarzt die Diagnose?

Bei dem Junghengst bestätigten die Ergebnisse der Blut- und Urinproben, dass er an atypischer Weidemyopathie erkrankt war. Wer sein Pferd im Verdachtsfall testen lassen möchte, kann sich an Dr. Mandy Bochnia wenden (Tel. 0345-5522713, Mail: m.bochnia@land.uni-halle.de).
Atypische Weidemyopathie ist nicht meldepflichtig. Forscher der Uni Lüttich in Belgien sammeln aber alle Fälle, um weitere Erkenntnisse über die Krankheit zu gewinnen. Info: www.myopathie-atypique.be

Wie verläuft die Krankheit?

In 75 bis 90 Prozent aller Fälle endet sie tödlich. Die meisten Pferde sterben wie der Junghengst binnen 72 Stunden an Herzversagen oder Atemstillstand. Ist ein Pferd so schwach, dass es sich hinlegt, bedeutet das meist das Todesurteil. Vereinzelt berichten Tierärzte allerdings auch von schlimmen Fällen, die sich erholt haben. Hat das Pferd den fünften Tag überstanden, ist es meist über den Berg und die Überlebenschancen sind gut.

Eine wirkungsvolle Therapie gibt es nach wie vor nicht. Tierärzte können bisher rein symptomatisch behandeln. Je schneller die Behandlung startet, desto besser die Chance auf Genesung: Rufen Sie sofort den Tierarzt, wenn Ihr Pferd typische Symptome zeigt. Bewegen Sie das Tier möglichst nicht. Längere Transporte können die Symptome verstärken. Daher raten viele Experten, das Pferd zu Hause im Stall behandeln zu lassen und nicht in die Klinik zu fahren. Die Patienten bekommen Infusionen, Schmerzmittel und teils durchblutungsfördernde Medikamente, in Einzelfällen auch Kortison und Antibiotika.

Wie man vorbeugen?

Das Zufüttern von Heu bei abgegrasten Weiden hindert Pferde nicht immer daran, Samen aufzunehmen. Pferde in der riskanten Zeit im Spätherbst, Winter und Frühjahr nicht auf die Weide zu lassen, wäre die einzig sichere Prophylaxe. Viele Experten halten das aber für übertrieben und nicht artgerecht. Tierärzte raten, Weiden nicht zu nutzen, auf denen Pferde erkrankt sind, Samen zu finden sind oder in deren Nähe Bergahorn wächst.

Risikopatienten

Gefährdet sind Pferde, die in der Nähe eines Bergahornbaums grasen. Als riskante Weidezeit gelten Spätherbst, Winter und Frühjahr. Meist tritt die atypische Weidemyopathie bei plötzlichen Temperatureinbrüchen zwischen Oktober und Januar auf. Raues Wetter und abgegraste Weiden begünstigen die Aufnahme der giftigen Samen. Seit Neuestem warnen Forscher auch vor der Gefahr, die von jungen Ahorntrieben ausgeht. Auch sie können das giftige Hypoglycin A enthalten.
Bergahornblätter haben oft schwarze Teerflecken. Die giftigen Samen sehen aus wie Nasenzwicker (A). Im Herbst steigt die Gefahr, dass Pferde auf der Weide erkranken (B). Im Frühjahr wachsen Bergahornsämlinge, die ebenfalls giftig sind (C).

04.10.2018
Autor: Redaktion CAVALLO
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