Tierschutz: Der Fall Amour - ein verwahrlostes Pferd kämpft sich ins Leben zurück

Foto: privat Am 25.12.2016 wirkt Amour schon fitter

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Unterernährt, vernachlässigt, dehydriert und kraftlos: So fand CAVALLO-Expertin Yvonne Gutsche den Wallach Amour bei seinem Vorbesitzer vor. Jetzt kämpft sich das junge Pferd Schritt für Schritt zurück ins Leben.
Foto: Rädlein Amour in der Pferdeklinik.

Vernachlässigt und im Stich gelassen: In der Tierklinik kommt Amour langsam wieder auf die Beine.

Der 20. Dezember 2016 wird CAVALLO-Expertin Yvonne Gutsche wahrscheinlich noch lange im Gedächtnis bleiben. Sie wurde von einer Bekannten zu einem Tierschutzfall im süddeutschen Main-Tauber-Kreis gerufen und ahnte noch nicht, was sie dort erwarten würde. „Ich habe noch nie solche Haltungszustände gesehen“, sagt sie. Die Pferde standen im Mist oder auf blankem Betonboden. Da kaum Heu gefüttert wurde, fraßen sie den eignen Kot. Fünf der sechs Pferde sahen für die Verhältnisse gerade noch akzeptabel aus, waren deutlich unterernährt, aber nicht akut lebensgefährdet. Ein Pferd fiel jedoch durch einen extrem schlechten Allgemeinzustand auf: „Es wirkte apathisch, dehydriert und schwach“, erinnert sie sich. Es war ein junger Wallach, der den vielen Wunden zufolge von den anderen Pferden gepiesackt wurde.

Das Veterinäramt wusste schon seit zwei Jahren von der schlechten Haltung dieses Betriebs. Der Pferdebesitzer hatte persönliche Probleme und konnte die Tiere nicht mehr versorgen. Ein Tierarzt des Veterinäramts war an diesem Tag ebenfalls vorort. Yvonne Gutsche redete auf ihn ein, wenigstens das schwache Pferd zu beschlagnahmen und in eine Tierklinik zu bringen, doch er handelte nicht.

Also handelte sie. Kurzerhand überredete Yvonne Gutsche den Besitzer, ihr das Tier zu überlassen, damit sie es in eine Klinik bringen dürfe. Gesagt, getan, nachdem sie Amour – wie sie den Wallach seither nennt – in die Klinik gebracht hatte, kaufte sie dem Besitzer auch noch die fünf anderen Pferde ab und versorgte sie.

„Vermutlich hätte Amour keine weitere Nacht überlebt, denn er konnte aus eigener Kraft nicht mehr aufstehen“, sagt Yvonne Gutsche. In der Pferdeklinik half ihm dabei seit dem 20. Dezember ein Hebekran. Eine gründliche Untersuchung sollte zeigen, ob es Sinn machte, Amour weiter am Leben zu halten. Der Wallach stellte sich als vierjähriges Jungpferd heraus, das bis auf die Folgen der Vernachlässigung gesund zu sein schien. In einem Alter, in dem Pferde vor Kraft platzen, nagen am Körper von Amour Würmer, er ist extrem unterernährt, seine Hufe ungepflegt und die Leber arbeitet nicht richtig. Überall fehlen ihm Muskeln und die anderen Pferde hatten ihm beim Kampf ums Futter am ganzen Körper Bisswunden zugefügt. Amour brachte zu diesem Zeitpunkt 300 Kilo auf die Waage, 500 wären für seine Größe normal.

Zwei Tage später lag Amour fest und das Tierärzte-Team bangte erneut um sein Leben. Dank Hebekran kam er wieder auf die Beine und erholt sich. Drei Wochen lang hing Amour an Infusionen, bis sich sein Flüssigkeitshaushalt von selbst stabilisierte. Erste, kleine Schritte durfte der junge Wallach dann aus der Box zum Spaziergang machen und zeigte sich von Tag zu Tag lebensfroher. Sein Appetit war groß, durch die extreme Unterernährung konnte er aber nur schrittweise angefüttert werden, um Magen und Darm nicht zu überlasten. Immer wieder litt er unter Koliken.

Pünktlich zum neuen Jahr war Amour außer Lebensgefahr und durfte zwei bis drei Mal am Tag für 10 bis 15 Minuten im Schritt geführt werden und dabei schon vorsichtig über Stangen steigen. Ziel war es, dass er bald alleine aufstehen konnte und nicht mehr intensivärztlich betreut werden musste. Der 7. Januar 2017 war für Yvonne Gutsche ein besonderer Tag. „Amour hat sich beim Spaziergang so gefreut, dass er vor Übermut einen kleinen Bocksprung machte.“

Nach vier Wochen, am 21. Januar 2017, ist Amour endgültig über den Berg. Er schafft es, aus eigener Kraft aufzustehen. Mit jedem Tag steigt auch die Neugier des Wallachs. In der Reithalle untersucht er Pylonen, Stangen und was da sonst noch alles liegt – wie ein typisches Jungpferd eben.

Seit dem 4. Februar ist Amour jetzt zu Hause auf der Double Divide Ranch bei Yvonne Gutsche. Langsam beginnt das Reha-Programm, das dem jungen Mann wieder Muskeln an den knochigen Köper zaubern soll. Auf dem Hof nimmt er neugierig Kontakt zu den anderen Pferden auf.

Die Kosten der Klinik beliefen sich am Ende in einer fünfstelligen Höhe, die Yvonne Gutsche nicht ohne die vielen Spenden hätte stemmen können. Durch die lange Reha kommen in den nächsten Wochen weitere hohe Kosten auf sie zu. Amour hat inzwischen eine große Fangemeinde – seiner Facebook-Seite folgen inzwischen mehr als 10.000. Dort berichtet Yvonne Gutsche regelmäßig über seine Fortschritte. Ob Amour irgendwann noch ein richtiges Reitpferd wird, steht noch in den Sternen. CAVALLO bleibt ebenfalls dran.




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09.02.2017
Autor: Cathrin Flößer
© CAVALLO