3 kranke Pferde mit Happy End

Erstaunliche Heilung für kranke Pferde

Foto: Lisa Rädlein CAVALLO Erstaunliche Heilung
Diagnosen wie Beinbruch, Ataxie oder Infektion fürchten wir alle. So aussichtslos es scheint: Mit intensiver Therapie und viel Liebe gibt es manchmal ein Happyend. Wir erzählen drei Fälle.

Ich hörte einen lauten Schlag und hatte keine Ahnung, was das gewesen sein könnte“, erzählt Linda Jung. Ihr damals 12-jähriger Wallach Stoppi, den sie longiert hatte, lief noch eine halbe Runde auf drei Beinen weiter, hielt dann an und blieb ruhig stehen. „Ich ging zu ihm, nahm die Gamaschen ab, konnte aber nichts erkennen. Ich hätte nie gedacht, dass er sich das Bein gebrochen hat.“ Als der Tierarzt kam, war beim ersten Röntgenbild klar: Kronbeintrümmerfraktur mit vier Teilen. „Mein erster Gedanke war: Jetzt ist alles aus“, sagt Linda Jung.

Monatelang stand Stoppi mit Gips in der Box

Das war es nicht: Stoppi steht heute, gut zwei Jahre später, wohlgenährt, mit glänzendem Fell und wachen Augen im Offenstall. „Insgesamt habe ich den Eindruck, es geht ihm gut und er hat Lebensqualität“, sagt Linda Jung.

Doch der Weg dahin war alles andere als einfach: Der Wallach wurde operiert, stand monatelang mit Gips in der Box, durfte dann nur wenige Schritte laufen. Heute ist sein Krongelenk versteift, was unvermeidbar war. Das hindert Stoppi aber nicht daran, ein schönes Pferdeleben zu führen.

Die Geschichte des Rappen macht Mut: Er hat sich zurück ins Leben gekämpft - dank einer erstklassigen medizinischen Betreuung, aber auch dank sehr viel Liebe und Zuwendung von Linda Jung. Dabei unterstützt hat sie Tierarzthelferin Theresa, die Stoppi in der Tierklinik nach der OP betreut hat und ihn heute noch regelmäßig besucht – trotz einer Stunde Anfahrt. Auch beim CAVALLO-Fototermin ist Theresa dabei.

„Theresa reitet ihn an guten Tagen ein wenig im Schritt im Gelände, das ist für ihn ein Highlight“, erzählt Linda Jung. Sie selbst setzt sich nicht mehr auf ihr Pferd – und ist damit vollkommen im Reinen. „Ich wusste von Anfang an: Das Maximum, das wir erwarten können, ist, dass er im Schritt lahmfrei ist. Dass man ihn wieder richtig reiten kann, war von vornherein ausgeschlossen.“

Bei Stoppi hat sich das Durchhalten also gelohnt. Dank modernster tiermedizinischer Methoden war seine Therapie überhaupt möglich. Noch vor einigen Jahren war die Diagnose Beinbruch fast immer das Todesurteil für ein Pferd. Doch bringt die beste Therapie nichts, wenn das Pferd keine Aussicht auf ein lebenswertes Pferdeleben mehr hat.

Doch was heißt das eigentlich? „Die Nutzung als Reitpferd außer Acht gelassen, sollte man sich diese Frage in jedem Fall stellen. Würde das Pferd zum Beispiel nur noch in der Box stehen, weil es nicht mehr lahmfrei laufen kann, ist das sicherlich nicht artgerecht“, erklärt Dr. Stefanie Sprauer, auf Verhaltenstherapie spezialisierte Tierärztin in München.

Wie die Chancen auf eine erfolgreiche Therapie stehen und die Prognose für das Leben danach ausfällt, kann im Einzelfall nur der Tierarzt beurteilen und eventuell auf Basis seiner Erfahrungswerte eine Prognose abgeben. Und, das ist leider Fakt: Entschließt man sich zu einer aufwändigen Therapie, muss man diese finanziell stemmen können. Mehrere Tausend Euro sind da schnell investiert, oft trotz OP-Versicherung. „Die große Mehrheit der Tierbesitzer ist aber durchaus gewillt, sehr viel Geld für ihre vierbeinigen Freunde auszugeben“, sagt Dr. Sprauer. „Diese Bereitschaft hat sich in den letzten Jahren noch verstärkt.“

Zuversicht und Liebe wirken Wunder

Nicht zu unterschätzen ist die Rolle, die der Besitzer in der Therapie seines schwerkranken Tiers spielt. Er muss dazu bereit ist, sich stark einzubringen und sich intensiv um sein Pferd zu kümmern. „Ohne den Besitzer geht gar nichts“, sagt Dr. Sprauer. „Je stärker seine Bindung zum Pferd ist und je mehr er dem Pferd das zeigt, desto besser ist es.“

So wie bei Quarter-Stute Lena: Dreijährig erkrankte sie an einer starken Lungen- und Bauchfellentzündung. Innerhalb von zwei Wochen verlor die kleine Stute massiv Gewicht, wog gerade mal noch 320 Kilo. In der Tierklinik konnte sie kaum mehr stehen, war vollkommen apathisch.

„Wir könnten sie auch gleich einschläfern“, sagte die Tierärztin zum Besitzer. Als Lena dessen Stimme hörte, brummelte sie zur Begrüßung – obwohl sie kaum Luft bekam. Und auf dem Weg zum Untersuchungsraum, den sie Stunden zuvor kaum geschafft hatte, mobilisierte sie an der Seite des Mannes alle Kräfte. Diese letzte Untersuchung ergab zumindest einen Hauch von Hoffnung – und Lenas Besitzer ergriff die Chance, so gering sie auch schien. Er glaubte an sein Pferd, pflegte es über Monate, fuhr sogar nachts in den Stall, um Medikamente zu geben. Heute ist Lena fünf Jahre alt, wiegt 480 Kilo und ist ein agiles junges Pferd in der Grundausbildung. Von ihrer schweren Krankheit merkt man ihr nichts mehr an.

Ähnlich war es bei Stoppi: Als Linda Jung wusste, dass Stoppi eine realistische Chance hatte, war ihr klar, dass sie alles für ihr Pferd tun würde. Doch die folgenden Monate verlangten ihr sehr viel ab: „Als Stoppi endlich wieder aus der Box durfte, verbrachten wir jeden Tag anderthalb bis zwei Stunden damit, ihn grasen zu lassen“, erzählt sie. „Wir“ sagt sie ganz bewusst, denn: „Alleine hätte ich das nie geschafft.“ Hanspeter, ein enger Freund, unterstützte sie – bis heute: „Er hat sich intensiv mit Stoppi beschäftigt, ihn spazieren geführt – das hatte ich mich alleine nicht getraut, weil ich viel zu viel Angst um ihn hatte.“ Sie ist sicher: Genau diese Zuwendung war es, die den Wallach durchhalten ließ.

„Das Pferd während einer so harten Zeit zu beschäftigen, ihm durch Berührungen, Putzen oder Grasenlassen angenehme Momente zu ermöglichen, kann sehr viel bewirken“, erklärt Dr. Sprauer. „Zuwendung stärkt den Lebenswillen.“

Dazu kommt: Hat der Besitzer eine positive Einstellung, ist zuversichtlich und glaubt an die Heilung, überträgt sich das aufs Pferd: „Eine gewisse Stimmungsübertragung vom Menschen auf das Tier lässt sich in der Praxis sehr oft beobachten“, sagt Dr. Stefanie Sprauer. „Tiere sind sehr viel sensibler als wir und nehmen unsere nonverbalen Signale sehr viel stärker auf, als wir das ahnen.“

Bayernstute Stute Ronja ist ein Beispiel dafür: 18-jährig hatte sie eine Darmverschlingung, wurde operiert. Es dauerte Monate, doch sie erholte sich und wurde wieder zu dem fitten Freizeitpferd, das sie vor der Kolik war. Doch die Freude währte nicht lange: Ein Jahr später kam die nächste Kolik. Trotz Bedenken des Tierarztes entschied sich die Besitzerin erneut zur OP. Sie glaubte an ihr Pferd, pflegte es wieder monatelang gesund. Das Ergebnis: Entgegen aller Erwartungen überstand die Stute auch die zweite Operation und erholte sich vollständig.

Manchmal ist Training die beste Medizin

Manchmal sind es nicht Medikamente, sondern gezieltes Training, das in vermeintlich aussichtslosen Fällen hilft. Das zeigt der Fall von Capi: Der sechsjährige Wallach hat schwere Ataxie, bewegt sich unkoordiniert – und das wird lebenslang so bleiben. Diese Störung des Zentralnervensystems ist angeboren oder entsteht durch einen Unfall oder eine Infektion, die Rückenmark oder Gehirn schädigt. Bei Capi ist die Ursache vermutlich eine Schädigung des Kleinhirns. Tiermedizinisch helfen kann man Capi nicht.

Dass er überhaupt noch lebt, verdankt er seiner Besitzerin Tina Recknagel, die ihn im August 2015 kaufte. Geholfen hat dem Wallach gezielter Muskelaufbau: Seine unkoordinierten Bewegungen haben sich durch die stärkeren Muskeln gebessert, er kann sich heute deutlich besser bewegen. Tina Recknagel freut sich über jeden noch so kleinen Fortschritt: „Andere reiten, wir gehen spazieren. Ich liebe ihn so, wie er ist“, sagt sie. Ohne finanzielle Hilfe hätte sie Capi nicht retten können: Capis Unterhalt, seine laufende Behandlung und das Training werden zum großen Teil von Spendern getragen.

Im Fall von Friesenwallach Gawain brachte Training nach den Prinzipien der klassischen Reitkunst die Lösung: Vermutlich durch einen Unfall hing sein Becken auf der einen Seite ganze 12 Zentimeter niedriger als auf der anderen; Gawain konnte sein Bein nicht mehr koordiniert bewegen. Eine Verletzung stellten Tierärzte trotz Röntgen und Szintigrafie nicht fest. Diagnose: hoffnungsloser Fall.

Besitzer Hans-Peter Berroth war sich sicher: Er würde sein Pferd nie wieder reiten können. Als letzte Hoffnung wandte er sich an Klassik-Ausbilderin Anja Beran. Trotz anfänglicher Zweifel versuchte sie es, ließ den Hengst mehrmals am Tag an der Hand übertreten, stimulierte das Bein, bis die Koordination ganz langsam wieder zurückkam. Nach einem Jahr stieg sie zum ersten Mal in den Sattel, trainierte gezielt weiter, baute Muskeln auf. Heute ist Gawain 17 Jahre alt, reitbar und bis auf eine leichte Schiefe im Becken gesund.

Zum Happyend gehört auch ein bisschen Glück

Wenn es trotz Horrordiagnosen ein Happyend gibt, ist oft auch Glück im Spiel – so wie bei Irish Sport Horse Stute Scotta, die Petra und Dirk Röhrig im Mai 2016 fünfjährig roh aus Irland gekauft hatten. Im Februar 2017 erlitt Scotta auf der Weide einen offenen Ellenbogenbruch.

Die Besitzer brachten ihr Pferd in die Tierärztliche Hochschule Hannover. „Wir hatten die Wahl: entweder OP oder konservative Therapie. Bei beiden Möglichkeiten standen die Chancen laut Tierarzt 50/50“, erinnert sich Petra Röhrig. Besonders kritisch bei Scottas Fall: Bei offenen Brüchen besteht eine hohe Infektionsgefahr. Die Besitzer entschieden sich für die konservative Therapie. Scotta erhielt einen speziellen Robert-Jones-Verband vom Huf bis zum Oberarm und Antibiotika gegen die drohende Infektion. Nach zehn Tagen war klar: Sie hatte Glück im Unglück, ihre Wunde hatte sich nicht infiziert.

Die Stute durfte unter weiterer strengster Kontrolle nach Hause – und war schon nach drei Monaten wieder gesund. „Wir können Scotta heute ganz normal reiten. Sie ist das beste Beispiel dafür, dass sich auch Pferde mit einem schweren Beinbruch vollständig erholen können“, freut sich Petra Röhrig.

Was aber, wenn das Pferd zwar gesund wird, aber nicht mehr belastbar ist? Kann es sich noch gut bewegen und in einer Herde bestehen, kann man es ohne schlechtes Gewissen auf eine Koppel stellen. „Diese Haltung ist sehr nahe an der natürlichen Lebensweise des Pferds, das ist völlig in Ordnung“, sagt Dr. Sprauer. Sie stellt einen Trend fest, der es Besitzern leichter macht, unreitbare Tiere zu behalten: „Das ist dank verschiedener Offen- und Rentnerställe deutlich einfacher als früher.“

Will man das Pferd in „normaler“ Stallhaltung halten und kann es nur stundenweise auf die Koppel, rät die Expertin, es gezielt zu beschäftigen: „Es gibt viele Möglichkeiten, Pferden neue Aufgaben zu stellen und gemeinsam Spaß zu haben, von Spaziergängen und Bodenarbeit über Zirkuslektionen bis hin zum Clickertraining, natürlich immer nur so, wie es der Gesundheitszustand des Pferds erlaubt. Manch ein Besitzer entdeckt so ganz neue Seiten an seinem Pferd – und an sich selbst.“

Durchhalten lohnt sich also öfter als man denkt. Entscheidend sind eine fachmännische Therapie, die vielleicht auch ungewöhnliche Wege einschlägt, und viel Zuwendung. Wenn dann noch ein Quäntchen Glück dazukommt, gibt es selbst in scheinbar aussichtslosen Fällen ein Happyend. Was im Notfall diese Chance erhöht? Bitte umblättern.

18.05.2018
Autor: Julia Baumann
© CAVALLO
Ausgabe 04/2018