Herpes: Alle Fakten und Therapie

Herpes bei Pferden

Foto: Rädlein Herpes bei Pferden: Alle Fakten und Therapie
Fehlgeburten, Husten, Nervenschäden und entzündete Augen: Die tückischen Herpesviren stecken in fast jedem Pferd. Wie effektiv können Impfungen schützen?

Herpes: Die Fakten

Der Erreger: Es gibt derzeit 9 klassifzierte Equine Herpesviren (EHV). Eingegangen wird auf die bedeutsamsten Vertreter beim Pferd. Das sind:

  • EHV1 = Equines Abortvirus;
  • EHV2 = Equines Zytomegalievirus; E
  • HV3 = Equines Koitalexanthemvirus;
  • EHV4 = Equines Rhinopneumonitisvirus;
  • EHV5 = Gammavirus, verwandt mit EHV2.

Erkrankungen: Equine Herpesviren lösen unterschiedliche Erkrankungen aus. EHV1 und EHV4 können Virusaborte, Atemwegsinfektionen sowie Spinale Ataxie (EHM) verursachen. „Der herpesbedingte Virusabort der Stuten tritt nach wie vor bei Pferden aller Rassen und weitgehend unabhängig von deren Impfstatus auf“, sagt Professor Thein. Ursächlich ist vor allem EHV1 (signifikant häufiger nachgewiesen als EHV4), wobei unterschiedliche EHV1-Stämme eine Rolle spielen.

Weltweit liegt die Beteiligung bei etwa 2 bis 11% der untersuchten Aborte. Hierbei gebe es aber etwa 40% falsch negativer Ergebnisse aufgrund unzureichenden Untersuchungsmaterials (z.B. keine Endometriumbiopsie, Fötus muss nicht immer EHV1-positiv sein).

„Atemwegsinfektionen sind klinisch relativ unbedeutend, da meist schwach ausgeprägt“, so Prof. Thein. Es handele sich in erster Linie um Erstinfektionen bei Absetzern und jungen Pferden (Tröpfcheninfektion der oberen Atemwege). Bakterielle Sekundärinfektionen können zu schwereren Verläufen auch mit Beteiligung der unteren Atemwege führen. Die Diagnose muss durch direkten Erregernachweis gesichert sein (einmalige serologische Untersuchung führt zu hoher Rate falsch-positiver Befunde infolge der dominierenden klinisch inapparenten Verläufe bei der Mehrzahl der untersuchten, seropositiven Pferde).

Spinale Ataxie, Equine Herpes Myelitis (EHM), Schlaganfall des Pferds: An dieser Verlaufsform sind unterschiedliche EHV1-Virusstämme beteiligt. Bei trächtigen Stuten immer wieder in Verbindung mit Virusabort beschrieben (auch hier überwiegend EHV1, aber auch EHV 4, allein oder mit EHV1). Ursächlich für die klinischen Symptome ist u.a. die Schädigung des Neuroparenchyms infolge nekrotisierender Vaskulitis (Gefäßentzündung) sowie Blutungen in die graue und weiße Substanz des Rückenmarks, aber auch weiterer Organe. Eine immunvermittelte Pathogenese erscheint möglich. Extrem hohe Antikörpertiter im Verlauf der Erkrankung.

Die Pathogenese (= Weg des Erregers von der Aufnahme bis zur Erkrankung) ist unterschiedlich. EHV1: Infektion beginnt an der Umschlagstelle der Haut in die Schleimhaut der Nüstern; dort erste Virusvermehrung mit Einwanderung in regionale Lymphknoten. Von hier aus wird das Virus in weißen Blutzellen (PBL, Monozyten) weiter an die Erfolgsorgane (z.B. Endothel der Gefäße) transportiert. „Die Infektion der Monozyten bedingt eine Immundysfunktion vor allem gegen andere Erreger“, sagt Prof. Thein. Zwangläufig geht EHV1 in Latenz, vorzugsweise in Lymphgewebe und Neuroganglien, z.B des Trigeminusnervs. EHV4 wird über Nüsternschleimhaut aufgenommen; infiziert nicht oder sehr selten die weißen Blutzellen, sondern vor allem Lungenzellen. Von dort ebenfalls in Latenz, vorzugsweise in Neuroganglien, aber auch Lymphgewebe.

Viruslatenz bedeutet laienhaft ausgedrückt, dass die Viren „schlummern“; die Reaktivierung, Virusvermehrung und -ausscheidung erfolgen vor allem unter Stress, Medikation, usw. erklärt Prof. Thein und betont: „Dieser Vorgang ist durch keine Impfung zu verhindern.“

EHV2 und EHV5 sind ebenfalls weltweit verbreitet; Mehrfachinfektionen sind nicht selten. Die genaue Pathogenese ist unklar; Nachweis von EHV2 aus Lymphozyten des Bluts spricht für deren Infektion mit möglicher Latenz in diesem System. Virus- und/ oder DNA-Nachweis in Lymphgeweben und Neuroganglien spricht für Viruslatenz mit Reaktivierung wie bei EHV1 und 4.

EHV3, Erreger des Equinen Koitalexanthems (ECE), auch Deckexanthem oder Mosaikausschlag der Stute genannt, wird in erster Linie vom infizierten Hengst beim Deckakt auf die Stute übertragen. Inapparente Verläufe mit möglichen immunen Virusausscheidern dürften gegeben sein; Infektionskette wird dann in erster Linie von latent infizierten Hengsten aufrechterhalten.

So beugen Sie Herpes bei Pferden vor

Eine sichere Prophylaxe gegen Herpesvirusinfektionen gibt es nicht. „Auf die Weiterverbreitung von EHV1/4 hat das Management der Pferdebestände mit Trennung der Jahrgänge, Quarantäne, Hygiene, usw. größten Einfluss", betont Prof. Thein. „EHV-Vakzine, gleich welcher Art, sollten nur als Ergänzung dieser Management-, Hygiene- und Kontrollmaßnahmen verstanden und eingesetzt werden.“

Impfstoffe sind nur gegen EHV1 und EHV4 verfügbar. „Fohlen reagieren serologisch auf die Erstimpfung gegen EHV1 erst nach Kontakt mit homologem Feldvirus via Erstinfektion“, erklärt Prof. Thein. Diese Erstinfektion findet in der Regel nach dem Absetzen (ca. 5. Lebensmonat) statt. Die komplett immunologische Abwehr von Viren mittels Antikörpern (IgGa und IgGb) – obschon im Kolostrum der Mutterstute enthalten – wird erst aktiv gegen Ende des 1. Lebensjahres gebildet. „Empfehlungen zur Erstimpfung im Bereich des 4. Lebensmonats sind daher falsch“, betont Prof. Thein. „Dass Erstimpfungen gegen Ende des 1. Lebensjahres deutlich bessere Ergebnisse zeitigen, ist auch bei Influenza und Tetanus bewiesen.“

Einer der zwei derzeit verfügbaren Impfstoffe (Equip EHV1/EHV4) ist als Maßnahme zur Verhütung eines Aborts zugelassen. Trächtige Stuten sind im 5., 7. und 9. Monat der Trächtigkeit zu impfen. Thein: „In der australischen Zulassung des Impfstoffs ist zusätzlich vermerkt, dass geimpfte Stuten dennoch abortieren können.“ Nach dem Abort müssen im Sinne der Haltungshygiene u.a. alle Nachgeburtsgewebe unschädlich beseitigt, Oberflächen wirksam desinfiziert werden. Stuten können noch bis zu eine Woche nach dem Abort Viren ausscheiden.

Herpes: Therapie

Die Behandlungsmöglichkeiten sind bei EHV1 und 4 begrenzt, da keine spezifische antivirale Therapie existiert. Im Vordergrund stehen zunächst Maßnahmen der Haltungs-, Zucht- und Geburtshygiene (siehe unter Vorbeugen).

Atemwegsinfektionen müssen in der Regel nur behandelt werden, wenn auf die Virusinfektion eine bakterielle Super- und/ oder Sekundärinfektion mit Verschlechterung des Gesundheitszustands folgt. Eine weitere Belastung der Atemwege z.B über Futterstaub gilt es zu vermeiden. Ist eine antibiotische Behandlung nötig, sollte versucht werden, die ursächlich beteiligten Bakterien zu isolieren, definieren und deren Antibiotikaempfindlichkeit zu testen. „Das dann gewählte Antibiotikum muss gerade bei Fohlen und jungen Pferden in der Höchstdosis/kg LM konsequent über die vorgeschriebene Zeitdauer verabreicht werden“, sagt Prof. Thein. Der wiederholte Einsatz eines Paramunitätsinducers auf Parapockenbasis habe sich bewährt.

Paramunitätsinducer empfiehlt Thein auch im Fall einer EHM, für die es ebenfalls keine spezielle Therapie gibt. Der Erfolg von Virostatika aus der Humanmedizin liege ziemlich genau innerhalb der Selbstheilungsquote von 50%.

Betriebssperrungen, Einrichten von Sperrzonen, Ganzkörperschutzkleidung, usw. gingen am Problem vorbei. „Ob und wie, vor allem auch in welchen Quantitäten die betroffenen Tiere Viren ausscheiden, ist nicht bekannt.“ Spezifische Therapie bei diagnostisch gesicherter Herpeskeratitis: mehrmals täglich viruzide Augenpräparate; betroffenes Auge abdunkeln zur Vermeidung von Lichteinfall; Analgetika. Paramunitätsinducer können hilfreich sein.

Achtung: Kortison (lokal oder systemisch) kann Virusvermehrung begünstigen und klinisches Bild verschlechtern. Bei ECE ist die entscheidende Maßnahme das sofortige Einstellen des Deckbetriebs mit infizierten Hengsten und/oder Stuten und Sperre für diese Saison. Bei bakteriellen Sekundärinfektionen lokal desinfizierende und antibiotisch wirkende Substanzen.

Streitfrage Herpes-Impfung bei Pferden

Umstritten ist u.a. die Verwendung sowie die Wirksamkeit von Impfstoffen mit inaktivierten und vermehrungsfähigen Erregern. In der aktuellen Impfleitlinie der Ständigen Impfkommission (STIKO) heißt es, dass bei EHV1-Stutenabort die „Applikation von Lebendvakzinen deutliche Vorteile gegenüber Inaktivaten aufweist, obgleich der Impfschutz auch mit Lebendvakzinen nicht sehr lange anzuhalten scheint“. In Europa ist derzeit nur ein EHV1-Lebendimpfstoff zugelassen (Impfstoffe: www.pei.de).

Professor Thein betont hingegen: „Der vermehrungsfähige Impfstoff besitzt für die Verhinderung eines Virusaborts weder eine Zulassung noch einen entsprechenden Hinweis in der Gebrauchsinformation.“ Letzteres sei allerdings bindend für den Einsatz. Notimpfungen seien wirkungslos.

22.10.2017
Autor: Cavallo
© CAVALLO
Ausgabe 01/2015