Leaky Gut: So füttern Sie richtig

Gesundheit beginnt im Darm

Foto: Lisa Rädlein Bierhefe
Allergien, Kolik, Kotwasser? Schuld könnte ein löchriger Darm sein – verursacht durch falsches Futter und Stress. Was hilft Pferden mit Leaky Gut Syndrom?

Das Leaky Gut Syndrom ist in der Humanmedizin eine bekannte Erkrankung, die insbesondere den Dünndarm betrifft. Der englische Begriff „leaky“ bedeutet löchrig oder undicht, „gut“ heißt übersetzt Darm. Wenn der Darm Löcher hat, werden Nährstoffe schlechter resorbiert, Fremdstoffe schlechter gefiltert, das Immunsystem und der Stoffwechsel geraten aus dem Gleichgewicht. In der Pferdemedizin ist das Leaky Gut Syndrom noch nicht eindeutig nachgewiesen. Aus unserer Erfahrung sprechen jedoch viele Anzeichen dafür, dass die Problematik bei Pferden ganz ähnlich ist.

Die Störung im Darm

Was passiert beim Leaky Gut Syndrom? Die Darmschleimhaut stellt bei Pferd und Mensch eine Barriere zwischen dem Darminhalt und dem Blutkreislauf dar. Ist diese Darmbarriere intakt, lässt sie lediglich Wasser und die benötigten Nährstoffe passieren. Beim Leaky Gut Syndrom weist die Darmschleimhaut plötzlich Lücken auf, so dass jetzt auch Stoffe in den Blutkreislauf gelangen können, die dort auf keinen Fall hingehören und mit dem Stuhl ausgeschieden werden sollten. Dabei handelt es sich um Giftstoffe, Pilze, Pilztoxine und unvollständig verdaute Partikel. Treffen diese Substanzen im Blut ein, klingeln sämtliche Alarmglocken des Immunsystems.

Um die Eindringlinge zu vernichten, werden Entzündungsstoffe ausgeschüttet; gleichzeitig bildet der Organismus Antikörper gegen die Fremdstoffe. Da die Struktur der Fremdstoffe in manchen Fällen auch körpereigenem Gewebe ähnelt, kann es seitens des Immunsystems zu Verwechslungen kommen. Es greift eigene Zellen an – im Glauben, es handele sich um Eindringlinge. Dies kann der Start für jede mögliche Form von Allergien sein.

In der humanmedizinischen Wissenschaft wird das Leaky Gut Syndrom inzwischen mit einer Glutenbelastung in Zusammenhang gebracht. Betroffen sind aber nicht nur Menschen mit eindeutiger Glutenunverträglichkeit. Vielmehr liegt bei einem viel höheren Anteil der Menschen eine oft versteckt ablaufende Glutensensitivität vor, die ebenfalls mit dem Leaky Gut Syndrom in Beziehung gesetzt wird. Und wie sieht es nun bei unseren Pferden aus?

Die Auslöser

Um zu verstehen, was den Darm löchrig macht, wollen wir einen genaueren Blick ins Innere des Pferds werfen. Die Darmwand besteht im wesentlichen aus drei Schichten: der Schleimschicht, der Flora und der Epithelschicht.

Die Schleimschicht hält bereits viele Fremdstoffe auf. Sie beherbergt IgA-Antikörper, die sich auf alle Fremdstoffe, Viren und Bakterien stürzen, um diese bereits vor Erreichen der Darmepithelien zu binden und auszuscheiden.

Darüber liegt die Darmflora, welche aus Billionen von Bakterien besteht – und der vielfältigste Aufgaben bei der Nährstoffresorption und der Bekämpfung von schädlichen Belastungen für den Darm zugesprochen werden.

Die gesunde Darmflora des Pferdes sollte aus Laktobazillen, Bacillus Species, Streptokokken, Enterobakteriazeen und anaeroben Peptostreptokokken bestehen. Eine Verschiebung dieser Flora führt zur sogenannten Dysbiose, welche z.B. häufig zu einer Fehlbesiedlung durch den Hefepilz Candida albicans (gehört in reduzierter Anzahl auch zur gesunden Darmflora) und Clostridienbakterien führt.

Häufige Symptome einer Candida-Ausdehnung sind Allergien, Koliken, Müdigkeit, Kotwasser und unerklärliche Nährstoffverwertungsstörungen. Die Ausdehnung von Clostridien führt zur gehäuften Ausschüttung von Endotoxinen, also Zerfallsprodukten der Bakterien, welche die Darmwand und in der Folge auch die Organe des Pferds schädigen.

Bei Menschen ist inzwischen belegt, dass die Darmflora eine wichtige Funktion in der Steuerung des Immunsystems und des Stoffwechsels hat. Insbesondere die T-Helferzellen des Immunsystems stehen unter dem Einfluss der Darmflora.

Vereinfacht gesagt, sind diese Helferzellen die Offiziere des Immunsystems: Andere Zellen präsentieren ihnen einen Fremdstoff, und auf Basis dieser Fremdstofferkennung steuern sie über die Ausschüttung von Botenstoffen die Immunantwort. T-Helferzellen können übrigens nicht nur eine verstärkte Immunreaktion hervorrufen, sondern über die T-Helfersuppressorzellen auch eine Reduktion der Immunantwort steuern.

Man kann sich somit leicht vorstellen, dass auch beim Pferd eine Verschiebung der Darmflora zu einer Störung der Immunsystems führen kann, die sich in Allergien und gehäuften Infekten äußert.

Zudem produziert und aktiviert die Darmflora Vitamine und unterstützt den Darm bei der Verdauung von Nährstoffen. So ist zum Beispiel die Aktivierung des Vitamins B6 zu Pyridoxal-5-Phosphat und somit zu aktiviertem B6 in einer verschobenen Darmflora oft gestört. Die hieraus entstehenden Probleme werden häufig mit einer viel diskutierten Stoffwechselstörung in Zusammenhang gebracht, der HPU (Hämopyrrolurie), früher KPU (Kryptopyrrolurie) genannt. Wir werden uns im nächsten Artikel bemühen, die Verwirrungen um diese Erkrankung zu beseitigen.

Die letzte Schicht ist die Epithelschicht, quasi die Haut des Darms. Die Darmepithelien sind verantwortlich für Nährstofftransport und Entgiftungsprozesse. Die Epithelzellen sind über sogenannte Tight Junctions miteinander eng verbunden. Die Tight Junctions werden mit Hilfe von Proteinen gebildet, etwa Zonulin. Dieses dehnt sich unter bestimmten Ernährungseinflüssen aus, sodass die Tight Junctions aufgehen und der Darm durchlässig werden kann. Dies ist in bestimmten Situationen sinnvoll und äußert sich z.B. in vermehrten Kotwasserausscheidungen, um Giftstoffe oder andere Belastungen loszuwerden. Findet diese Belastung jedoch dauerhaft statt, wird die erhöhte Durchlässigkeit zum Problem.

Die Folgen des Syndroms

Sind Mukosa-Schleim und Darmflora dauerhaft gestört, können Giftstoffe wie zum Beispiel Endotoxine durch Chlostridien vermehrt das Epithel schädigen – und in der Folge auch die Tight Junctions öffnen. Zudem werden Bakterien, Viren und Fremdstoffe nicht mehr effizient von den Ig A-Antikörpern bekämpft. Die Schädigung des Darmepithels bzw. der Darmmukosa führt zu hohen Belastungen durch unverdaute Nahrungsreste, wenn diese durch die offenen Bereiche der Darmwand in den Blutkreislauf gelangen. Die hohe Fremdstoffbelastung des Körpers durch die Darmschädigung führt in der Folge zu einer hohen Leberbelastung.

Beim Menschen werden in diesem Zusammenhang inzwischen etliche Erkrankungen diskutiert. Hierzu gehören die Colitis Ulcerosa, Morbus Parkinson, chronische Gelenk- und Muskelbeschwerden sowie viele andere Autoimmunerkrankungen; deren gemeinsames Charakteristikum ist, dass das Immunsystem die eigenen Körperzellen angreift. Durch die Erkenntnis, dass die Auslöser im „löchrigen“ Darm liegen, eröffnet sich die Hoffnung auf Heilung für Erkrankungen, die als unheilbar galten. Beim Pferd könnte es ähnlich sein.

So finden wir auch bei Pferden regelmäßig eine hohe Belastung der Leber. Bei den notwendigen Entgiftungsprozessen wird Zink benötigt, sodass ein Zinkmangel entstehen kann. Die häufigsten Verdachtssymptome für eine Darmstörung beim Pferd sind ein aufgeblähter Bauch, Gewichtszunahme bei schlechter Entwicklung der Muskulatur, ein mangelhafter Gesamternährungszustand, wiederkehrende Infekte, Hautausschläge, jede Form von Allergie, Kotwasser, Koliken, unklare Muskel- und Gelenkbeschwerden, Mangel von Vitaminen, Eiweißen und Spurenelementen. Die Pferde sind oft unausgeglichen, in ihrer Leistungsbereitschaft und Konzentration eingeschränkt.

Die Ursachen

Wesentliche Ernährungsursachen des Leaky Gut Syndroms beim Pferd könnten hohe Belastungen durch Getreide sein, wobei insbesondere Gluten die Tight Junctions schädigt. Weitere Ursachen können die Säuren durch Milchsäurebakterien etwa in Silage und Heulage sein sowie hohe Stärkebelastungen durch Müslis und zu lange Weidezeiten. Verstärkt werden diese Probleme durch eine zu geringe Zufuhr an sekundären Pflanzenstoffen, Belastungen durch Antibiotika und Cortison sowie hohe Stressbelastungen.

Stress hat übrigens direkten Einfluss auf die Entwicklung der Darmflora sowie die Durchblutung des Darms – und zwar über die Ausschüttung der Stresshormone Cortisol und Adrenalin. Die verminderte Durchblutung führt zu einer verminderten Ausbildung des Mukosaschleims und stört daher auch die Darmepithelfunktion. So werden Prozesse der Nährstoffresorption und der Entgiftung deutlich eingeschränkt.

Die Behandlung

Wir empfehlen generell für die Behandlung eines möglichen Leaky Gut Syndroms den kompletten und strengen Verzicht auf Gluten durch den Verzicht auf möglichst alle Getreideprodukte, insbesondere allerdings auf Weizen und Gerste, die besonders glutenreich sind. Lediglich Hafer, der nur wenig vom Klebereiweiß Gluten enthält, ist noch in Maßen erlaubt.

Wobei zu bedenken ist, dass auch die geringere Stärkebelastung von Hafer im Vergleich zu anderem Getreide wie Gerste oder Weizen noch zum Problem werden kann. Die Belastung durch Stärke sollte durch eingeschränkte Weidegänge und den Verzicht auf Getreide generell deutlich eingeschränkt werden.

Zudem sollte auf Silage- oder Heulagefütterung verzichtet werden. Grund ist die Säurebelastung, welche durch die Verschiebung des ph-Werts im Darm ebenfalls zu Störungen der Darmfunktion führen kann. Als Raufutter empfehlen wir hochwertiges, nicht zu lange gelagertes Heu.

Luzerne als ergänzendes Raufutter und Proteinlieferant kann am Anfang noch etwas schwer für den Darm verträglich sein und auch zu allergischen Reaktionen führen; ist der Darm abgeheilt, wird Luzerne dann aber wieder hervorragend vertragen.

Das Ergänzungsfutter sollte durch eine Vielzahl an Weidegräsern, Kräutern, eventuell Rinden und Beeren reich an sekundären Pflanzenstoffen sein. Zudem sollten aus unserer Sicht Leinsaat, Omega 3-Fettsäuren, Sonnenblumenkerne, Topinamburkonzentrate und Leinöle enthalten sein. Leinsaat und Topinambur fördern eine gesunde Darmflora, und die Öle helfen Entzündungen im Darm zu reduzieren.

Zusätzlich geben wir gerne Aminosäurekonzentrate und Bierhefeprodukte: Diese können den Mangel an B-Vitaminen sowie an Aminosäuren bei einer gestörten Eiweißverdauung reduzieren.

Weiterhin empfehlen wir die Ergänzung durch Nukleotide und Phosphatidylserin. Die Nukleotide werden für die Darmregeneration benötigt und sind insbesondere in Bierhefe enthalten. Das Phosphatidylserin reduziet die Stressbelastung und erhöht somit die Darmdurchblutung. Eine Möglichkeit, das Pferd mit dieser Substanz zu versorgen, sind fermentierte Produkte, welche Soja enthalten.

Die Leberentgiftung sollte neben der Gabe von Zink noch durch Artischocken- und Mariendistelsaft mit angekurbelt werden. Die Gabe von hochwertigem Aloe Vera-Saft hat sich ebenfalls als äußerst effizient erwiesen.

Das Fazit

Am Anfang der Behandlung kann es zur sogenannten Erstverschlimmerung von Beschwerden kommen. Denn der Pferdekörper wird durch die Ernährungsumstellung wieder zunehmend in die Lage versetzt, dort aufzuräumen, wo gerade Probleme bestehen – und diese treten dann auch zutage.

Während der Behandlung wird man als erstes eine Reduktion der Aufgasung des Bauchs und einen Rückgang des Kotwassers bemerken. Die Regeneration der Darmflora kann allerdings Monate dauern, während sich die Darmmukosa und die Epithelschicht schon in sieben Tagen regenerieren können.

Wir empfehlen Geduld und Beharrlichkeit bei der Ernährungsumstellung. Dann werden Sie in aller Regel jeden Tag Fortschritte sehen – und sich an der wieder gewonnenen Gesundheit Ihres Pferds erfreuen.

Checkliste: Mögliche Symptome

Die häufigsten Verdachtssymptome bei einem Leaky Gut Syndrom sind:

  • aufgeblähter Bauch
  • Gewichtszunahme bei schlechter Entwicklung der Muskulatur
  • schlechter Gesamternährungszustand
  • wiederkehrende Infekte
  • Allergien jedweder Form
  • Kotwasser
  • Kolik
  • unklare Muskel- und Gelenkbeschwerden
  • Leistungs- und Konzentrationsschwäche
  • Unausgeglichenheit

Bei Untersuchungen zeigt sich zudem in der Regel:

  • Nährstoffmangel bei Vitaminen, Eiweißen, Spurenelementen
  • Leberbelastung

Checkliste: Mögliche Ursachen

Viele Anzeichen sprechen aber dafür, dass es bei den Vierbeinern ganz ähnlich ist. Die wesentlichen Faktoren sind falsches Futter und hohe Stressbelastung. Mutmaßliche Auslöser beim Futter sind:

  • hohe Glutenbelastung, insb. durch Getreide wie Weizen, Gerste
  • Säure-Belastung durch Milchsäurebakterien in siliertem Futter wie Silage, Heulage
  • hohe Stärkebelastung durch Getreide, melassierte Müslis und lange Weidezeiten
  • Mangel an sekundären Pflanzenstoffen
  • hohe Fremdstoffbelastung etwa durch minderwertiges Heu
  • Belastung durch Medikamente wie Antibiotika, Kortison

Checkliste: Therapieansätze

Eine Fehlbesiedlung des Darms (Dysbiose) zu korrigieren, kann Monate dauern. So gehen wir vor:

  • Verzicht auf Getreide, um insb. die Gluten-, aber auch die Stärkebelastung zu reduzieren.
  • Weidegang einschränken zur Reduktion der Stärkebelastung
  • hochwertiges Heu
  • Ergänzungsfutter mit einer breiten Auswahl an Pflanzen in Bioqualität sowie Leinsaat, Topinambur und Ölen
  • Aminosäurepräparate
  • Bierhefe
  • fermentiertes Soja
  • Artischocken- und Mariendistel-Saft zur Leberentgiftung
  • Aloe Vera-Saft zur Stimulierung von Stoffwechsel und Immunsystem

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19.06.2018
Autor: Dr. Kay Bredehorst und Prof. Reinhard Bredehorst
© CAVALLO
Ausgabe 05/2018