Schmerzen beim Pferd erkennen und behandeln

Wie Pferde nicht mehr leiden

Foto: Lisa Rädlein CAVALLO Endlich schmerzfrei
Dank moderner Schmerztherapie müssen Pferde nicht mehr unnötig leiden. Experten erklären, wie man Schmerzen erkennt und effektiv behandelt.

Pferde leiden stumm. Meistens. Einen bewussten Laut für Schmerzäußerungen wie etwa das Jaulen bei Hunden haben sie nicht. Selbst im Extremfall können sie nur stöhnen. Wie das klingt, beschreibt Erich Maria Remarque 1929 in seinem Roman über den Ersten Weltkrieg „Im Westen nichts Neues“: „Ich habe noch nie Pferde stöhnen gehört und kann es kaum glauben. Es ist der Jammer der Welt, es ist die gemarterte Kreatur, ein wilder, grauenvoller Schmerz, der da stöhnt...“

Mensch und Tiere fühlen Schmerz ähnlich

Remarque war seiner Zeit voraus. Denn bis in die 1970er-Jahre dachte man, dass Tiere Schmerzen nicht so empfinden wie Menschen. „Das geht auf den Philosophen Descartes zurück, der die Überzeugung vertrat, Tiere seien rein reflexgesteuert und hätten keinerlei Gefühlsregungen“, erklärt Sabine Kästner, Professorin für Veterinäranästhesiologie, Intensivmedizin und Schmerztherapie an der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover. Professor Kästner ist zudem Gründungsmitglied der Initiative tiermedizinische Schmerztherapie (ITIS).

Erst relativ spät setzte sich die Überzeugung durch, dass die Nozizeption, also die Weiterleitung des Schmerzreizes über die Nervenbahnen ans Gehirn, bei höher entwickelten Tieren mit der des Menschen vergleichbar ist. „Sie erfolgt mittels derselben biochemischen und physikalischen Prozesse“, erklärt Kästner. Wie allerdings die Wahrnehmung und Bewertung des Schmerzes im Gehirn abläuft und mit welchen Verhaltensweisen sich das äußert, ist von Tierart zu Tierart verschieden und wird noch immer erforscht. „Nur weil wir das nicht sehen, heißt das nicht, dass die Tiere weniger Schmerzen haben“, sagt Kästner.

Wie entsteht Schmerz?

Als Reaktion auf Reize wie Hitze, Kälte oder Druck produzieren die Schmerzrezeptoren der Nervenendigungen, die sogenannten Nozizeptoren, elektrische Signale, die über die Nerven und das Rückenmark zum Gehirn weitergeleitet werden.

Dieser überlebenswichtige Schutzmechanismus dauert nur Bruchteile von Sekunden: „Man nennt das Nozifension, also die Verteidigung gegen Gefahren durch Schmerz. Dabei spielen Reflexe eine große Rolle. Jeder kennt das. Wenn man eine heiße Herdplatte anfasst, zuckt man schnell zurück“, erklärt Kästner.

Bei Entzündungen und Gewebeschäden kommt zusätzlich das Enzym Cycloxygenase, kurz „Cox“, ins Spiel. Dieses produziert Schmerzbotenstoffe, die zu einer leichteren Auslösbarkeit und Verstärkung dieser elektrischen Schmerzsignale führen. Und wie reagiert das Pferd?

Pferde zeigen Schmerz sehr unterschiedlich

Beim Menschen funktioniert die Einschätzung und Äußerung des Schweregrads von Schmerz noch recht gut, etwa mit Hilfe einer Skala von 1 „gar nicht schmerzhaft“ bis 10 „schlimmster anzunehmender Schmerz“. Bei Tieren ist das deutlich schwieriger – vor allem, wenn es keine erkennbare Ursache wie eine Verletzung gibt.

Dazu kommt: „Schmerz wird immer höchst subjektiv und individuell empfunden“, erklärt Professor Sabine Kästner. Während das eine Pferd schon bei einer Abschürfung am Bein humpelt, läuft das andere noch mit einer tiefen Fleischwunde klar.

Dr. Oliver Gehrig vom Arzneimittelhersteller MSD Tiergesundheit hat das Phänomen sogar schon bei Kolikpferden beobachtet: „Trotz erhöhtem Puls und keinerlei Darmbewegung mehr standen die Pferde relativ ruhig in der Box. Bei der Operation sahen wir, dass große Darmpartien bereits abgestorben waren. Diese Pferde mussten starke Schmerzen gehabt haben.“

Pferde sind also Meister darin, Schmerzen zu verstecken – weil sie es sich in der Natur nicht leisten können, Schwäche zu zeigen. Denn wer in freier Wildbahn humpelt, signalisiert, dass er leichte Beute ist. Ungewohnte Umgebung oder Stress, wie bei der Untersuchung in der Klinik, tun ein Übriges: Vor allem Lahmheiten werden hier oft perfekt kaschiert – was es Besitzern wie Tierärzten schwer macht.

Schmerz-Diagnostik

„Leider gibt es keinen Biomarker für Schmerz im Blut, mit dem eine eindeutige Messung der Schmerzintensität möglich wäre“, sagt Kästner. „Wir müssen anhand artspezifischer Verhaltensweisen versuchen, Schmerz zu erkennen und zu klassifizieren.“

Bei akuten Schmerzen durch eine Verletzung oder Kolik ist das noch relativ einfach: „Das Pferd lahmt, bewegt sich nicht, frisst oder trinkt nicht, wechselt häufig die Position oder wirft sich auf den Boden. Bei Koliken beobachten wir oft einen aufgezogenen Bauch, Schwitzen und geweitete Nüstern und Augen“, erläutert Tierarzt Dr. Gehrig. Hinweise auf Schmerzen geben auch messbare Reaktionen wie erhöhte Herzfrequenz und Körpertemperatur: „Diese physiologischen Werte geben wichtige Informationen über den Zustand des Pferds. Das Problem ist, dass sie nicht eindeutig schmerzspezifisch sind, denn auch Stress oder Angst können sie beeinflussen.“

Schwerer zu erkennen sind schleichende Prozesse mit chronischen, also länger andauernden Schmerzen: „Die Verhaltensänderungen sind hier zumeist recht unspezifisch. Anzeichen können Gewichtsverlust, Appetitmangel, vermehrtes Liegen, Apathie oder auch Aggression sein“, sagt Professor Kästner.

Wie stark ist der Schmerz?

Für die Therapie des Pferds ist es essentiell, die Schmerzintensität abzuschätzen. Einen Versuch unternimmt die 2008 entwickelte Schmerzskala nach Bussières („Composite Pain Scale“, CPS), die messbare Werte wie Herz- und Atemfrequenz oder Körpertemperatur mit Verhaltensaspekten wie Apathie oder Appetit kombiniert. Jeder Wert wird mit einem Punktesystem bewertet, so dass der Schmerz auf einer Skala zwischen 0 und 39 eingeordnet werden kann. Das erlaubt es, Schmerzen zu klassifizieren und ihre Entwicklung im Verlauf einer Erkrankung zu verfolgen. Klingt komplex.

Tatsächlich wird die Skala auch eher im Rahmen von Studien angewendet als in der täglichen Praxis.

Lahmheiten teilen Veterinäre zumeist nach der Skala der Pferdetierärztevereinigung American Association of Equine Practitioners (AAEP) in fünf Grade ein – von „lahm nur unter bestimmten Umständen“ bis zu „nur noch minimale Lastaufnahme“. Und bei der extrem schmerzhaften Hufrehe hat noch heute die Bewertung nach Prof. Nils Obel von 1948 Gültigkeit. Sie unterscheidet vier Schweregrade – von häufigem Wechseln des belasteten Vorderbeins (Grad 1) bis zur nur mehr durch Zwang erfolgenden Bewegung des Pferds (Grad 4).

Für Laien eignet sich für ein erstes Erkennen und Bewerten von Schmerz die sogenannte „Horse Grimace Scale“ (siehe Unterseite Schmerzgesicht erkennen), die Schmerzen anhand des Gesichtsausdrucks erfasst.

Warum man Schmerz schnell behandeln muss

So wichtig Schmerz als Warnsignal ist, so entscheidend ist es, ihn schnell zu behandeln. „Schmerz bedeutet immer auch Stress für den Körper“, erklärt Dr. Oliver Gehrig. Das wirkt sich aufs Allgemeinbefinden aus. Der Appetit leidet, die Wundheilung ist gestört, das Immunsystem geschwächt, so dass Infektionen leichteres Spiel haben.

Unbehandelter Schmerz kann sich zudem im Gehirn festsetzen: „Bei Pferden sprechen wir vom sogenannten Wind-Up-Effekt“, erklärt der Tierarzt. „Senden die Nerven ständige Schmerzsignale, ändert sich die Empfindung im Gehirn, die Reize werden intensiver bewertet.“ Der Schmerz wird also stärker empfunden, als er tatsächlich ist. Ein ähnliches Phänomen ist das „Schmerzgedächtnis“ bei uns Menschen: Obwohl die Verletzung verheilt oder die Ursache des Schmerzes weg ist, tut es noch weh. Dann haben die andauernden Schmerzsignale die Gehirnstrukturen so umgebildet, dass sie dauerhaft Schmerz empfinden – was deutlich schwieriger zu behandeln ist als in der Anfangsphase des Schmerzes.

Das zeigt, wie wichtig Schmerzbehandlung ist – „wobei es aber nicht nur um die Unterdrückung des Schmerzes, sondern vor allem um das Ausschalten der Ursache geht“, betont Gehrig. Wichtige Bausteine der Therapie sind je nach Erkrankung zum Beispiel Boxenruhe, Ruhigstellen der Gliedmaße, Kühlen oder ein chirurgischer Eingriff.

Wie Schmerzmittel wirken

Zur Therapie akuter Schmerzen durch Verletzungen oder Entzündungen setzen Tierärzte meist die sogenannten nicht-steroidalen antientzündlichen Medikamente (NSAID = „non-steroidal anti-inflammatory drugs“) ein. Sie setzen direkt an der schmerzhaften Stelle an, indem sie das Enzym Cyclooxygenase hemmen, weshalb man sie auch „Cox-Hemmer“ nennt. So entstehen weniger Schmerzbotenstoffe, die an den Nozizeptoren andocken können, weniger Schmerzreize gelangen ins Gehirn.

Doch auch hier gibt es Unterschiede: „Das Enzym Oxygenase hat zwei Formen: Cox 1 und Cox 2. Während ältere Wirkstoffe wie Phenylbutazon oder Flunixin die Enzyme Cox 1 und Cox 2 zugleich hemmen, blockieren selektive, jüngere Wirkstoffe wie Meloxicam oder Firecoxib vermehrt die Cox 2“, erklärt Gehrig. Ihr Vorteil: „Damit sind sie weniger aggressiv für den Pferdemagen. Allerdings ist ihre Wirkung auch schwächer, weshalb man in vielen Fällen auf die stärkeren Medikamente nicht verzichten kann.“

Wichtig sei deshalb zum einen die genaue Dosierung, zum anderen ggf. die Gabe in Verbindung mit einem magenschützenden Medikament – vor allem bei bestehender Magenempfindlichkeit oder einem Geschwür, betonen die Tierärzte.

Bei schweren Verletzungen oder nach Operationen kommen auch Opioide zum Einsatz. Sie sind fast immer der stationären Behandlung in der Klinik vorbehalten und werden über Infusionen verabreicht. Sie beeinflussen die Weiterleitung des Schmerzreizes über die Nerven nicht, sondern unterdrücken seine Wahrnehmung im Gehirn. Auch Opioide gehen mit Nebenwirkungen einher: „Opioide wirken auf Pferde anregend und müssen oft in Kombination mit einem Beruhigungsmittel gegeben werden“, erklärt Kästner. „Zudem besteht bei längerer Anwendung Suchtgefahr und die Gefahr von Verstopfungskoliken.“ Für eine Langzeittherapie eignen sie sich nicht.

Was tun bei chronischen Schmerzen?

Bei länger andauernden Schmerzen können NSAID auch über mehrere Wochen oder Monate verabreicht werden. Dann ist die Kombination mit einem Magenschutz Pflicht – auch, wenn es sich um ein Präparat handelt, das nur eine Form des Cox-Enzyms hemmt.

Ist die Grunderkrankung nicht heilbar wie etwa Arthrose, empfiehlt Kästner, Schmerzmittel immer wieder intervallartig über einige Tage zu geben. „Wichtig ist, dass die Tiere in Bewegung bleiben und das Schmerzmittel den Teufelskreis aus Bewegungsvermeidung und damit verbundener Verschlimmerung durchbricht.“

Geht es gar nicht anders, kann das Pferd auch lebenslang mit Schmerzmitteln behandelt werden – vorausgesetzt, es hat noch Lebensqualität. „Solange sich ein Pferd im Schritt lahmfrei auf der Koppel bewegen kann, ist das gerechtfertigt“, sagt Kästner. Die Expertin rät den Besitzern, ein Schmerztagebuch zu führen, in dem sie Tag für Tag möglichst objektiv aufschreiben, wie es ihrem Pferd geht. Kästner: „Nur so behält man den Überblick, denn man tendiert erfahrungsgemäß aufgrund der emotionalen Bindung zum Tier dazu, Negatives auszublenden oder schlechte Phasen zu vergessen.“

Was den Schmerz noch lindert

Ergänzend zu Medikamenten gibt es weitere Maßnahmen, die die Behandlung unterstützen, den Schmerz lindern und die Heilung fördern. So kann etwa die sofortige Anwendung von Kälte bei akuten Entzündungen oder Verletzungen die Durchblutung verringern und einer Schwellung vorbeugen. Wärmeanwendungen lockern verspannte Muskeln und fördern die Durchblutung, so dass Entzündungssubstanzen schneller abtransportiert werden.

Physiotherapie oder Akupunktur können ebenso sinnvoll sein. „Bei der Akupunktur werden gezielt andere Nerven gereizt als die, die den Schmerz leiten. Damit wird das Gehirn quasi abgelenkt und der Schmerz gelindert“, so Dr. Gehrig. Verschiedene Formen der Elektrotherapie sollen den Zellen helfen, sich zu regenerieren. „Fast alle gängigen Methoden aus der Humanmedizin werden inzwischen auch für Pferde angewandt “, so der Tierarzt.

Kann ich auch bewusst kein Schmerzmittel geben?

Manchmal müssen Pferde ihre Schmerzen aber doch aushalten – so beim Verdacht auf eine Knochenfissur: Diese sieht man beim Röntgen manchmal erst nach ein paar Tagen. Kästner: „Wäre das Pferd dank eines Medikaments schmerzfrei und würde das Bein belasten, könnte es zum Bruch des Knochens kommen, was deutlich schwieriger zu behandeln ist.“ In so einem Fall ist es wichtig, das Bein ruhigzustellen und weiter zu untersuchen.

Auch bei Kolikern schalten Tierärzte bewusst den Schmerz nicht völlig aus: „Dann stünde das Pferd im schlimmsten Fall schmerzfrei in der Box, während bereits Darmpartien absterben“, sagt Dr. Gehrig. „So würden wir wertvolle Zeit verlieren. Bei Kolik gibt man trotzdem im ersten Schritt ein NSAID in Kombination mit einem krampflösenden Mittel. Oft reicht das schon. Wenn nicht, wird weiter untersucht und entschieden, ob operiert wird oder nicht.“

Zum Glück sind solche Fälle eher die Ausnahme – und dank moderner Schmerztherapie muss kein Pferd unnötig leiden.

13.04.2018
Autor: Julia Baumann
© CAVALLO
Ausgabe 03/2018