Stirbt der Tierarzt-Notdienst aus?

Ist der Tierarzt-Notdienst noch zu retten?

Foto: Elke Vogelsang CAVALLO Stirbt der Tierarzt-Notdienst aus?
Immer mehr Tierärzte und Kliniken stellen den Notdienst ein. Denn die Notfallhelfer selbst sind auch in Not. Es ist fünf vor zwölf für die Gesundheit unserer Pferde!

Pferdebesitzer kennen das: Eine tiefe Fleischwunde beim Sonntagsausritt oder eine Kolik, die sich dummerweise Samstagnachmittag ankündigt. Wer nachts oder am Wochenende einen Tierarzt braucht, hat die nervenaufreibende Suche vermutlich schon erlebt.

„Bei vielen, die sich bei uns in der Klinik melden, hört man richtig den Stein vom Herzen fallen, dass wir kommen können. Zum Teil hatten sie davor schon drei oder vier Ärzte vergeblich angerufen“, sagt Dr. Enno Allmers von der Pferdeklinik Isernhagen in Niedersachsen.

Kostenintensive Nacht- und Wochenenddienste

Früher haben sich Kliniken und Praxen gleichmäßig am tierärztlichen Notdienst beteiligt, auch wenn nur die Kliniken verpflichtet sind, den 24-Stunden-Dienst anzubieten. „Wir stehen jederzeit für alle Patienten zur Verfügung“, sagt Kathrin Siemer von der Pferdeklinik Lüsche im niedersächsischen Bakum. „Viele Praxen betrachten den Notdienst aber inzwischen als Service für ihre Stammkunden und nehmen keine fremden Patienten auf.“ Folglich müssen immer mehr Pferdebesitzer im Notfall die nächste Pferdeklinik kontaktieren, deren Kapazitäten dadurch auch an ihre Grenzen geraten.

Parallel dazu wurde es für die Kliniken in den letzten Jahren immer schwerer, den personal- und kostenintensiven Nacht- und Wochenenddienst zu organisieren. Die Folge: Immer mehr geben ihren Klinikstatus zurück, um so der Notdienstverpflichtung zu entgehen. „In spätestens zehn Jahren haben wir einen Mangel an Tierärzten. Im Moment versuchen viele, ihre Praxen zu verkaufen“, lautet die Einschätzung von Dr. Henning Schlumbohm, Inhaber und Leiter der baden-württembergischen Pferdeklinik Waldenbuch.

Schon heute finden immer öfter Reiter keine schnelle Nothilfe für ihr Pferd. Oder sie müssen, etwa bei Kolik, längere Klinik-Anfahrtswege in Kauf nehmen, weil die nächstgelegene Klinik keinen Notdienst mehr anbietet. Das ist nicht nur eine nervliche Zerreißprobe. Die Angst, dass Hilfe möglicherweise zu spät kommt, hat im Notfall gute Gründe. Was aber steckt hinter dem Notstand beim Notdienst?

Notdienste sind für Tierärzte häufig ein Minusgeschäft

Aktuell sind Tierärzte berechtigt, bei Notdienst-Behandlungen ihre Leistungen mit dem dreifachen Satz der GOT (Gebührenordnung für Tierärzte) abzurechnen. „Das müsste meiner Einschätzung nach auf den sechsfachen Satz erhöht werden, damit es sich rechnet“, so Dr. Karl-Heinz Schulte vom Verband praktizierender Tierärzte e. V.

Laut Arbeitszeitgesetz sind Tierärzte außerdem verpf lichtet, nach einem Wochenenddienst eine elfstündige Ruhepause einzuhalten. Solche Vorschriften machen Sinn, denn auch ein Tierarzt, der in den seltensten Fällen mit einer 40-Stunden-Woche auskommt, braucht Erholungszeiten, um qualifiziert arbeiten zu können. Für kleinere Praxen heißt das, nach einem Notdienstsonntag am Montag geschlossen zu haben. Die Verdienstausfälle für diesen Tag sind allerdings durch den Wochenenddienst nicht zu kompensieren.

Immer weniger Tierärzte wollen Notdienst machen

Genauso wie in anderen Arbeitsbereichen ist auch bei Tierärzten die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben zunehmend ein Thema. Nach einer langen und intensiven Ausbildungszeit stehen Wochenenddienste bei Tierärzten verständlicherweise nicht ganz oben auf der Wunschliste. „Uns haben schon gute Bewerber abgesagt, weil sie keine Nachtdienste übernehmen möchten“, so die Erfahrung von Dr. Enno Allmers.

Kliniken und Praxen sind also gefordert, durch effektives Klinikmanagement als Arbeitgeber wieder attraktiver zu werden. Dazu gehören unter anderem innovative Arbeitszeitmodelle für junge Ärztinnen und Ärzte mit Kindern. In einigen Kliniken und Praxen arbeiten Ärzte deshalb beispielsweise nur drei oder vier Tage in der Woche, um Kapazitäten für den Notdienst am Wochenende oder in der Nacht zu schaffen.

Solche Lösungen sind praktikabel, kosten allerdings Geld. „Da, wo früher ein Tierarzt benötigt wurde, sind jetzt zwei oder drei Stellen nötig“, lautet die Einschätzung von Dr. Kai Kreling, Mitglied im Ausschuss für Pferde der Bundestierärztekammer.

Kunden fordern zu viel vom Notdienst

Die Frage, was tatsächlich ein Notfall ist, ist auch für erfahrene Pferdebesitzer nicht immer eindeutig zu beantworten. Im Zweifel rufen Pferdebesitzer lieber einmal öfter den Tierarzt. Das ist verständlich. Nicht selbstverständlich sollte es allerdings sein, vom Notdienst-Tierarzt auch noch andere Krankheitsfragen abklären zu lassen.

Zeide Probleme kosten den Notfalltierarzt unnötig Zeit und gehen so auf Kosten anderer Patienten. Ähnlich sieht es aus bei schwierigen Diagnosen. „Komplizierte Eingriffe, die nicht unbedingt überlebenswichtig sind, müssen, wie auch in der Humanmedizin, eben auf den Montag geschoben werden“, sagt Dr. Enno Allmers. Das sei manchen Kunden allerdings nur schwer zu vermitteln.

Foto: Elke Vogelsang CAVALLO Stirbt der Tierarzt-Notdienst aus?

Akut-Einsatz am Wochenende: Notfall-Bereitschaft möchte heute nicht mehr jeder Tierarzt machen.

Lösungsansätze

Wie ist der Notdienst also zu retten? Tierärzte müssen dringend eine Antwort finden, wie sie den Spagat zwischen helfendem und ständig verfügbarem Arzt und einem zeitgemäßen Praxismanagement schaffen können. Viele wünschen sich dafür klarere Regelungen und mehr Unterstützung von den Tierärztekammern.

Gute Ansätze gibt es, wie die „Notdienstringe“, an denen sich viele Praxen beteiligen, um so die Last auf viele Schultern zu verteilen. Möglicherweise werden zukünftig auch nur noch Klinikketten einen Notdienst-Service anbieten können.

Aber auch wir als Pferdebesitzer und Kunden der Tierärzte sollten uns darüber klar sein, dass die schnelle Erreichbarkeit eines Arztes ihren Preis hat. Wenn wir mit Notsituationen bewusster und achtsamer umgehen, hilft das nicht nur den Ärzten, sondern auch unseren Pferden.

19.11.2018
Autor: Ute Stabingies
© CAVALLO
Ausgabe 11/2018