Profi-Tipps für die Grundausbildung beim Reitpferd

Dehnungsbereitschaft und Genickkontrolle

In einer reellen Ausbildung lernt das Pferd von Anfang an, sich vertrauensvoll an das Gebiss und vorwärts-abwärts zu dehnen. Nur so bekommt es die Muskeln, die es braucht, um seinen Rücken aufzuwölben und das Reitergewicht leichter zu tragen.
Loading  
Foto: Rädlein Grundausbildung

Nadja kaut und dehnt sich gut.

Sowohl Dr. Gerd Heuschmann als auch Michael Putz achten deshalb besonders darauf, ob ein Pferd jederzeit dehnungsbereit ist. Außerdem prüfen sie, ob die Pferde entspannt kauen und sich im Genick weich stellen lassen.

Friesenstute Nadja hat mit der Dehnung keine Probleme. Immer wenn sie darf, lässt sie ihren Hals fallen und macht sich lang. Unter den Testreitern verwirft sich Nadja jedoch gelegentlich im Genick und lässt sich nicht gerne stellen. Das spricht dafür, dass ihr Stellung und Biegung noch Probleme bereiten und sie noch nicht ganz gerade gerichtet ist.

Foto: Rädlein Grundausbildung

- während Cicero nicht kaut -

Oldenburger Cicero will sich gar nicht dehnen. Gib der Reiter die Zügel nach, senkt der Wallach den Kopf, bleibt aber eng im Hals. Auch unter den Experten dauert es, bis er die Nase vorstreckt. Dass er dabei nicht auf dem Gebiss kaut, liegt laut Michael Putz an seiner Anspannung. „Wäre er gelassener, würde er mehr kauen und sich wahrscheinlich auch im Genick besser öffnen.“

Im Gegensatz zu Cicero kaut Wallach For Joy viel. Zu viel für Michael Putz’ Geschmack: „Hektisches Kauen ist ein Zeichen für Anspannung. Die sieht man dem Wallach auch an, seine Unterlippe ist verkrampft und erscheint im Vergleich zur Oberlippe sehr kurz.“ For Joy hat zudem den Sinn der Zügelhilfen offenbar noch nicht verstanden. Als Michael Putz die Zügel etwas annimmt, bremst der Wallach. „Dabei sollte er eigentlich nur im Genick mehr nachgeben. Gebremst wird ein korrekt ausgebildetes Pferd mit Sitz und Schenkeln.“

Foto: Rädlein Grundausbildung

- und nur ungern ans Gebiss tritt -

Auch bei Orlow-Traber-Stute Lubi-Maya sitzen Probleme im Genick. „Sie ist da wie eine Schlange“, stellt Gerd Heuschmann fest, „eine stabile Anlehnung ist nicht möglich“. Michael Putz bemängelt zudem, dass Lubi-Maya ihre fehlende Balance kompensiert, indem sie sich auf die Reiterhand stützt. „Die nutzt das Gebiss als fünftes Bein.“ Das kann vorkommen, darf aber nur ganz kurz toleriert werden. Das Pferd muss schließlich lernen, sich selbst zu tragen.

Der 15jährige Hannoveraner-Wallach Bolivar M dehnt sich zuerst gar nicht, sondern geht mit gequetschter Ohrspeicheldrüse und verspannter Oberlinie gegen das Gebiss. Gerd Heuschmann braucht seine gesamte Reitzeit, bis der Wallach letztlich den Hals ­fallen lässt. Michael Putz hat danach allerdings kaum noch Schwierigkeiten. Auf ­leichtes ­Annehmen der Zügel dehnt sich der Wallach nun willig. Putz ist begeistert, beweist Bolivar doch, was er seinen Schülern immer predigt: „Wenn ein Pferd einmal korrekt ausgebildet wurde, vergisst es das nicht mehr. Bolivar weiß genau, was ich von ihm will.“

Foto: Rädlein Grundausbildung

Romeo geht dagegen, bevor er nachgibt.

Diese Grundlage fehlt Württemberger Romeo und Reitpony Orissa. Während Romeo sich im Genick nicht stellen mag und deswegen sogar mit den Zähnen knirscht, weiß die 10jährige Orissa nicht, wie gut es ihr täte, sich zu dehnen. Sie zeigt sich unter ihrer Reiterin als typischer Schenkelgänger, der seine Beine (Schenkel) bewegt, den Rücken aber festhält. „Sie knickt zwar im Genick ab, lässt den Hals jedoch nicht fallen und schwingt eben auch nicht“, erklärt Gerd Heuschmann.

Da der Tierarzt für das zierliche Pony zu schwer ist, reitet nur Michael Putz. Von ihm lässt sich die Stute schnell überzeugen, den Hals fallen zu lassen und sich zu dehnen. Ihr Rücken beginnt zu schwingen, und die Tritte werden länger. „Hier sehen wir die Transformation vom Schenkel- zum Rückengänger innerhalb kürzester Zeit“, freut sich Gerd Heuschmann.

24.06.2009
Autor: Melanie Tschöpe
© CAVALLO
Ausgabe 09/2008