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Gefahr im Stall: Das Reizgas Ammoniak macht Pferde krank

Ammoniak - Das stinkt Ihrem Pferd

Stinkig, ätzend und gefährlich: Das Reizgas Ammoniak lässt Pferde husten und zerfrisst das Hufhorn. Sorgt eine Mistmatratze im Stall für gute Luft? CAVALLO machte den Test.

Viele Pferdeställe sind Giftküchen, in denen gefährliches Reizgas wütet. Ammoniak attackiert die Atemwege des Pferds, lässt die Augen brennen und zerfrisst das Hufhorn. Neue Forschungen liefern Argumente für eine alte, in Verruf geratene Einstreumethode: die Mistmatratze. Sorgt sie wirklich für gesunde Pferdeställe? Oder reicht gutes Lüften?

Die Zutaten für die Giftküche im Stall liefert das Pferd selbst – mit Äpfeln und Urin. Ammoniak entsteht, wenn Mikroorganismen Pferdeurin und -kot zersetzen. Nachschub gibt‘s reichlich: Ein ausgewachsenes Pferd produziert im Schnitt zehn Liter Harn und 23 Kilo Kot täglich. Geschätzte acht Millionen Tonnen Mist kommen so jedes Jahr in Deutschland zusammen.

Das Meiste davon landet als Dünger auf dem Acker, was sich leicht am Gestank erkennen lässt. Gemessen wird der Ammoniakgehalt der Luft in parts per million (ppm). Auf eine Million Teile in der Atemluft kommt eine bestimmte Zahl von Ammoniakteilen. Sehr hoch dosiert ist das Gas tödlich. Ab 5000 ppm sterben Menschen und Tiere in 30 bis 60 Minuten.

Wie konzentriert das Gas in Stallluft sein darf, ist für Nutztiere wie Schweine per Verordnung geregelt: Grenze sind hier 20 ppm. Richtungsweisend für Pferdeställe sind die „Leitlinien zur Beurteilung von Pferdehaltung“. Sie empfehlen einen deutlich niedrigeren Wert von 10 ppm. Dieser sollte nur kurzfristig und ausnahmsweise überschritten werden.

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Alarm im Stall: Es riecht stechend

„Die meisten Menschen bemerken den stechenden Geruch des Gases im Pferdestall erst ab 4 bis 5 ppm“, sagt Dr. Margit Zeitler-Feicht von der Technischen Universität München. „Wenn man Ammoniak riecht, sollten die Alarmglocken schrillen“, warnt die Expertin für Pferdehaltung. „Der Atmungstrakt des Pferds ist besonders empfindlich gegenüber Luftverunreinigungen.“ Außerdem fordert der Reiter das Pferd körperlich. Dazu braucht es eine kräftige, gesunde Lunge. Die ist offenbar eher die Ausnahme: Schätzungen zufolge leiden bis zu 80 Prozent aller Pferde in Deutschland unter Atemwegsproblemen. Eine der Hauptursachen ist Ammoniak.

„Wird das Gas eingeatmet, greift es die Schleimhäute der Atemwege an“, erklärt Nicole Kemper, Professorin und Hygienespezialistin an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Das kann zu Infektionen, Reizungen und Husten führen. In Verbindung mit Feinstaub dringt Ammoniak tief in die Lunge. Dort schädigt es die Lungenbläschen, indem es die Enzyme der Zellatmung hemmt und so sogar zellschädigend wirkt. Abhängig von der Konzentration kann die Dauerbelastung mit Ammoniak Allergien Vorschub leisten und zu chronischen Atemwegserkrankungen führen. Solche Tiere haben als Reitpferd bald ausgedient. Besonders anfällig sind Fohlen: Ihr Atemapparat ist noch nicht völlig ausgebildet und sie liegen viel. In Bodennähe ist die Ammoniakkonzentration jedoch am höchsten.

Rote, brennende Augen gibt‘s obendrein. Denn das Gas reagiert mit Tränenflüssigkeit. „Ammoniak ist gut wasserlöslich“, sagt Professor Nicole Kemper. In Verbindung mit feuchter Einstreu wird es zu einer starken Lauge, die das Hufhorn auflöst. Hufkrankheiten wie Strahlfäule, White Line Disease oder Hufabszesse sind die Folge.

CAV Fohlen 2012 Mika
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Fohlen leiden stark unter einer Ammoniak-Belastung.

Lassen Sie viel Luft in den Stall

Dabei ist es gar nicht schwer, die Gesundheit des Pferds zu schützen. Gutes Stallmanagement pustet giftige Gase weg. Schon die einfachste Maßnahme ist effektiv: ausreichend lüften, gerade im Winter. „Viele Reiter schließen in der kalten Jahreszeit Stallfenster und -türen, weil ihnen selbst kalt ist“, sagt Elmar Brügger von der Landwirtschaftskammer NRW in Münster. Diese Unsitte prangert CAVALLO immer wieder an.

Je höher die Decke im Stall, desto besser. Reizgas verteilt sich auf eine größere Luftmenge. Passt sich die Innentemperatur der Außentemperatur an, geht auch im Winter die Ammoniakmenge zurück. Denn die Mikroorganismen, die die Pferdefäkalien in giftiges Gas verwandeln, vermehren sich bei Wäme am besten und produzieren dann am schnellsten Ammoniak.

Hier liegt Ihr Pferd richtig

Sie stinkt kaum und macht wenig Arbeit: Eine gut gepflegte Mistmatratze bremst Ammoniak im Pferdestall. Das passiert im Schichtbett:

+ Pferdefäkalien enthalten Wasser (92 %), Mineralstoffe (3 %) und organische Substanz (5%)
+ Mikroorganismen zerlegen Mineralstoffe und organische Substanz in Kohlendioxid, Ammoniak und Ammonium
+ Pferdefäkalien und Einstreu kompostieren zu Humus. Die beim Prozess umgesetzte Energie wird teilweise in Wärme ungewandelt
+ Die Abwärme verdampft das Wasser in der Strohmatratze
+ Kohlendioxyd, Ammoniak und die Abbaustoffe Distickstoffmonoxid und Distickstoff gasen aus

Die Wärme befördert die Umwandlung von Ammonium in Distickstoff und Distickstoffmonoxid.

Besser als ihr Ruf – die Mistmatratze

Das A und O der Ammoniakbekämpfung ist gutes Mist-Management. Mistmatratzen genießen dabei nicht den besten Ruf. Zu Unrecht, wie aktuelle Untersuchungen von Professor Van den Weghe ergaben. „Voraussetzung ist, dass die Matratze gut gepflegt wird“, betont er. Anlage und Pflege des Schichtbetts, das der Professor empfiehlt, sind einfach: Weder Pferdeäpfel noch nasse Stellen werden entfernt. Sie werden aber mindestens einmal täglich mit einer zehn Zentimeter dicken Schicht frischer Streu abgedeckt. So wächst eine Matratze, die erst nach sechs bis acht Wochen ausgetauscht werden muss. In dieser Zeit werden die unteren Schichten zu Humus. Wärme entsteht, die das Mikrobenwachstum ankurbelt.

Spezialisierte Mikroorganismen schließen das Ammoniak in weitere Bestandteile wie Nitrit auf. Sie gehen nicht in die Luft über und sind ungefährlich fürs Pferd. Diesen Nitrifikation genannten Prozess kann man durch die Art der Einstreu fördern. „Je feiner das Material aufgelöst ist, desto besser“, erklärt Van den Weghe. Am schlechtesten eigne sich Langstroh, am besten Strohpellets. Die kurzen, gepressten Strohhäcksel haben im Vergleich zu Stroh eine größere Oberfläche, bieten Mikroorganismen viel Platz, um sich anzusiedeln. Das beschleunigt die Nitrifikation, die Reizgaskonzentration sinkt.

Zudem binden Strohpellets Feuchtigkeit und Urin sehr gut. Auch das verringert den Ammoniakanteil in der Luft. Zwar steigt bei einer neuen Mistmatratze zunächst die Ammoniakkonzentration im Stall für ein paar Tage. „Bei guter Matratzenpflege sinkt sie aber auf ein sehr niedriges Niveau“, betont Professor Van den Weghe. Unten bleiben die Ammoniakwerte auch, wenn morgens die komplette Box ausgemistet wird und abends noch mal Pferdebollen und nasse Stellen entfernt werden. Danach ist jeweils gründliches Einstreuen Pflicht. Wer hingegen an Einstreu spart oder nur alle zwei bis drei Tage mistet, riskiert die Gesundheit des Pferds. In solchen Ställen steigt der Ammoniakgehalt in der Luft auf bis zu 17 ppm. Das Misten selbst erhöht auch die Konzentration von Ammoniak, weil es beim Aufschütteln der Einstreu freigesetzt wird.

Am besten mistet man, wenn keine Pferde im Stall sind. „Wenn ich zudem abends um 18 Uhr und morgens um 6.30 Uhr miste, stehen und liegen die Pferde stundenlang in den Ausdünstungen ihrer Exkremente“, sagt Dr. Margit Zeitler-Feicht. Besonders übel: Die Ammoniakkonzentration steigt nachts um mehr als das Doppelte. Besser ist es, entweder abends später und/ oder morgens früher zu misten.

Warum es auch in Offenställen mieft

In Offenställen sind Pferde viel an der frischen Luft – aber nicht sicher vor Reizgasen. Getrennte Funktionsbereiche sollen für Hygiene im Liegebereich sorgen. Der ist oft mit Gummimatten ausgelegt und wird mitunter nur wenig eingestreut. Pinkeln Pferde auf die Matte, wird Urin kaum aufgesaugt und verteilt sich gro߈ ächig. So mieft‘s in manchem Offenstall. Gründliches Misten, reichlich Einstreu oder eine ordentliche Matratze sorgen auch hier dafür, dass es keinem Pferd stinkt.

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