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CAVALLO-Experiment: Zügelmessung mit Peter Kreinberg

Das CAVALLO-Impuls-Experiment

Wirkt sich das Reiten mit längeren Zügeln und das Reiten in Anlehnung unterschiedlich aufs Pferdemaul aus? Auf dem Diestelhof in Hamburg machte CAVALLO mit Biomechaniker Dr. Parvis Falaturi und Ausbilder Peter Kreinberg die Probe aufs Exempel.

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Ausgestattet mit Zugkraftsensoren an den Zügeln und einem Aufzeichnungsgerät unter dem Nierengurt, absolvierte Testreiter Kreinberg mit vier Pferden ein kurzes Reitprogramm. Pro Pferd ritt er die fünfminütige Übungsfolge aus Schritt, Trab, Halten aus dem Trab und Schlangenlinien um Pylonen zuerst in Anlehnung und dann am langen, aber nicht durchhängenden Zügel. Alle Testpferde werden regelmäßig von Kreinberg geritten oder sind von ihm ausgebildet.

Der siebenjährige Hannoveranerwallach Schimmi ist noch in der klassischen Grundausbildung und wird gerade eingefahren. Zusammen mit dem zweiten Testpferd, der gleichaltrigen Hannoveranerstute Britti, soll er zukünftig im Gespann gehen. Er hat eine gute natürliche Balance und ist fleißig, aber noch nicht konstant in der Anlehnung. Britti hat eine klassische Grundausbildung, wird aber vorwiegend gefahren. Unter dem Reiter schwankt sie auf geraden Linien. Außerdem fällt es ihr schwer, sich zu biegen; sie legt sich gern aufs Gebiss. Die 14jährige Paintstute Josey wird derzeit nur wenig geritten. Josey hat eine Westerngrundausbildung und geht vor allem am losen Zügel ins Gelände. Sie ist etwas fest in Hals und Rücken und biegt sich nicht gerne. Leo, ein elfjähriger Paintwallach, ist der Profi im Experiment. Er wurde von Peter Kreinberg im Westernstil sehr weit ausgebildet und geht normalerweise mit Bosal oder Westernstange. Als einziger absolvierte er das Programm zusätzlich einmal mit Kandare.

Das Test-Team

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Dr. Parvis Falaturi

Dr. Parvis Falaturi

42, aus Niedenstein in Hessen ist Diplom-Biologe und Biomechaniker. Seinen Vollblutaraber Madrigal ritt er im Distanzsport. Für CAVALLO entwickelte er zusammen mit Professor Holger Preuschoft, Uni Bochum, eine Methode zur Zügeldruck-Messung (siehe CAVALLO 5/2004),

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Ausbilder Peter Kreinberg

Peter Kreinberg

56, ritt einst erfolgreich Westernturniere und bildet seit 25 Jahren klassisch- und westernorientierte Freizeitreiter aus. Unter dem Begriff „The Gentle Touch“ vermittelt er seine Methode inzwischen auch an Ausbilder. Wenn er nicht gerade Kurse in ganz Deutschland gibt, lebt er mit seiner Frau in Südfrankreich.

Ergebnisse aus dem Mess-Experiment

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Peter Kreinberg beim Anziehen der Messgerätschaften.

Unterschiede gab es vor allem hinsichtlich einzelner Pferde. Das ist typisch, sagt Dr. Falaturi: „Gerade die Drucktoleranz am Zügel ist bei Pferden offenbar sehr individuell.“ Ein auffälliger Unterschied scheint aus der Ausbildung der Pferde zu resultieren: Die Kurven der Westernpferde verlaufen in Anlehnung deutlich unruhiger als die der klassisch ausgebildeten Pferde. Peter Kreinberg wundert das nicht: „Die beiden Warmblüter sind in Anlehnung mit Trense vorgearbeitet, während die beiden Westernpferde überwiegend mit Stange am langen Zügel geritten werden. Wenn man versucht, sie plötzlich mit Hand und Schenkel einzurahmen, sind sie irritiert. Das würde Muskelverspannungen und Widerstand provozieren. Also musste ich bei diesen Pferden die Anlehnung impulsartiger gestalten als bei den anderen.“

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Peter Kreinberg mit Zügelmessgerät im Sattel.

Allerdings verlaufen die Messkurven auch am langen Zügel unruhiger als bei den klassisch ausgebildeten Pferden. Impulse sind bei Josey und Leo oft nicht ganz so klar erkennbar wie bei Schimmi und Britti. Ob das an ihrer Ausbildung lag oder daran, dass auch beim besten Reiter nach vielen gleichen Runden die Konzentration nachlassen kann, verraten die Messergebnisse nicht.

Rhythmus und Tempo der Bewegung bestimmte in beiden Reitweisen, wie oft die Messkurve nach oben schnellte. Jeder Bewegungszyklus, also die Spanne, in der alle vier Beine des Pferds einmal fußen, führt zu zwei gut erkennbaren Kraftspitzen. Da ein Bewegungszyklus im Schritt etwa 1 bis 1,2 Sekunden dauert, im Trab aber nur 0,6 bis 0,9 Sekunden, zeigen die zehnsekündigen Kurven-Ausschnitte im Trab mehr Peaks als im Schritt.

Die Höchstwerte sind akzeptabel

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Der technische Aufbau zur Zügelmessung.

Das war bei den CAVALLO-Zügelmessungen im Jahr 2004 ganz anders. Selbst bei den besten Reitern wurden Werte bis 5 Kilo und mehr pro Zügel gemessen. Analog zu den Messungen vor vier Jahren stieg der Druck bei höheren Gangarten oder Anforderungen, die höchsten Werte zeigten sich beim Anhalten.

Bei drei der vier Pferde kam in Anlehnung etwas höherer Druck auf die Sensoren als am langen Zügel. Nur bei Paintwallach Leo wurden in gut der Hälfte der Sequenzen am langen Zügel stärkere Kräfte gemessen als in Anlehnung.

Insgesamt sind die Druckunterschiede zwischen den Reitweisen eher gering, die Impulse am langen Zügel im Vergleich zur Anlehnung längst nicht so leicht, wie im Vorfeld erwartet. Kreinberg gab am langen Zügel meist weniger Impulse als in Anlehnung. In Anlehnung gingen die drei ersten Pferde geschlossener und runder, ihnen fielen auch die engen Wendungen um die Pylonen leichter. Am langen Zügel fielen sie dagegen stärker auf die Vorhand, ihre Hinterhandaktivität ließ nach. Nur der gut ausbalancierte Leo blieb auch am langen Zügel relativ geschlossen.

Die Messdaten verraten auch, wie abrupt sich der Zug beim Zügelanzug ändert. Das ist deshalb interessant, weil ein langsam ansteigender Druck im Pferdemaul weniger überraschend und schmerzhaft ankommt, als ein plötzlicher Ruck, auch wenn bei beiden am Ende die Druckspitze gleich hoch ist. In der Kurve erkennt man das Tempo des Kraftanstiegs daran, wie steil die Kurve steigt – je steiler, desto stärker stieg der Zug in der gemessenen Zeit. Entgegen der Annahme, dass die Kräfte bei der Impulsgabe rascher steigen würden als in Anlehnung, zeigen die Kurven, dass Kreinberg sowohl in Anlehnung als auch am langen Zügel behutsam vorging. Die Zugkräfte stiegen und fielen ähnlich schnell. Dr. Falaturi warnt allerdings davor, dieses Ergebnis zu verallgemeinern: „Peter Kreinberg ist ein einfühlsamer Reiter mit feiner Hand. Ich kann mir vorstellen, dass die Werte bei ungeübteren oder ruppigeren Reitern deutlich abrupter steigen würden.“

Messwerte im Schritt

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So wurden die Messwerte im Schritt ermittelt.

Bei den klassisch gerittenen Pferden Schimmi und Britti lag auf dem rechten wie linken Zügel unterschiedlich hoher Druck. Das entspricht der klassischen Reitlehre, wonach der äußere Zügel das Pferd führt, während der innere vor allem für die Stellung zuständig ist. Dementsprechend sind die Werte bei Schimmi am äußeren Zügel sowohl in Anlehnung als auch am langen Zügel höher als am inneren. Dass die Druckwerte des inneren Zügels in Anlehnung gelegentlich unter null rutschen erklärt Falaturi so: „Der Zügel hing immer mal wieder durch.Wenn der Sensor dann durch die Bewegung des Pferds hin- und herschlackert, misst er geringe Werte über und unter null, ohne dass die Hand am Zügel sie auslöst.“ Am langen Zügel sind innen deutliche Impulse zu erkennen, die in ihrer Stärke kurzzeitig den sonst dominierenden äußeren Zügel übertreffen.

Bei den Westernpferden Josey und Leo ist die Zügelführung an beiden Zügeln im Schritt überwiegend gleich stark und ver läuft vor allem beim weit ausgebildeten Leo sowohl in Anlehnung als auch am losen Zügel sehr synchron. Am langen Zügel sind die Impulse des inneren Zügels deutlich stärker als in Anlehnung, wo beide Zügel etwa gleich stark einwirken. Diese Konstellation zeigte sich nur bei Leo, dort aber im Schritt und Trab.

Insgesamt wurden im Schritt die niedrigsten Druckwerte gemessen. Bei 36 gemessenen Sequenzen der vier Pferde lag der Durchschnitt nur viermal zwischen 2 und 3 Kilo, ansonsten immer unter 2. Am stärksten musste Kreinberg bei Britti zupacken; bei ihr verzeichnete der Computer auch in den anderen Übungen den höchsten Druck.

Messwerte im Trab

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Ermittlung der Messwerte im Trab.

Am langen Zügel wurden die Einwirkungen durchschnittlich schwächer als in Anlehnung. Allerdings stachen nun die kräftigen Impulse mit dem inneren Zügel hervor, die der Reiter immer über einen kompletten Bewegungszyklus hinweg, also zwei Trabtritte, durchhielt. Weder in Anlehnung noch am langen Zügel sank der Druck bei Britti unter 1 Kilo.

Obwohl sich Josey mit der Biegung im Trab ähnlich schwer tat wie Britti, musste Kreinberg die Zügel bei der Paintstute nicht so stark einsetzen . Joseys Druckspitzen lagen um die 1,5 Kilo, während bei Britti oft 2 bis 3 Kilo erreicht wurden. Am langen Zügel war Kreinbergs Taktik bei beiden Pferden ähnlich.Auch Josey gab er bei gleichmäßigem äußerem Zügel deutliche, auch mal länger durchhaltende Impulse am inneren Zügel.

Messwerte der Pylonen

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Messung beim Ritt um die Pylonen.

Die Zügelkräfte variierten hier vor allem nach Pferd und scheinen nicht an die Reitweise gekoppelt. Wie während des gesamten Versuchs ließ sich der klassisch ausgebildete Schimmi auch um die Pylonen mit relativ wenig Kraft steuern, während Kreinberg auf der ebenfalls klassisch gerittenen Britti deutlich stärker einwirken musste.

In Anlehnung verlaufen Brittis und Schimmis Kurven ähnlich, doch am langen Zügel unterscheiden sie sich stark. Kreinberg gab bei Schimmi mit dem jeweils inneren Zügel über mehrere Bewegungszyklen dauernde, richtungsweisende und immer annähernd gleich starke Impulse. Britti dagegen bekam mehrere kurze, aufeinanderfolgende Impulse, die unterschiedlich stark ausfielen.

Joseys Kurvenverlauf ähnelt dem von Schimmi, doch konnte Kreinberg die Stute mit schwächeren Zügelimpulsen steuern. In Anlehnung galoppierte Paintwallach Leo auf halber Strecke an, so dass seine Messung nicht aussagekräftig ist. Am langen Zügel ähnelt seine Kurve der von Schimmi und Josey. Allerdings variiert die Länge der Richtungsimpulse des inneren Zügels von einem halben bis zu mehreren Bewegungszyklen.

Messwerte beim Halten aus dem Trab

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Peter Kreinberg hatte für die Testpferde unterschiedliche Brems-Strategien. Die im Maul etwas unsensible Britti reagierte in Anlehnung auf kurze, gleich starke Bremsimpulse mit beiden Zügeln offenbar nicht wie gewünscht.

Um sie anzuhalten, gab Kreinberg einen über mehrere Druckspitzen stetig ansteigenden und über knapp 2 Sekunden durchhaltenden Impuls an beiden Zügeln, der die höchsten Druckwerte des gesamten Experiments erreichte. Britti war selbst davon noch nicht überzeugt und blieb erst stehen, als Kreinberg weitere kurze und leichtere Impulse nachschob. Am langen Zügel zeigt Brittis Kurve dann viele einzelne aufeinanderfolgende Impulse. Wieder blieb die Stute erst bei der zweiten, schwächeren Impulsfolge stehen.

Schimmi und Josey hielt Kreinberg sowohl in Anlehnung als auch am losen Zügel mit ähnlichen, aufeinanderfolgenden Einzelimpulsen an, die allerdings schwächer und etwas länger beziehungsweise kürzer als bei Britti waren.

Beim weit ausgebildeten Leo misslang das Halten in Anlehnung. Nach einigen deutlichen beidseitigen Zügelimpulsen wurden die Impulse zwar schwächer, setzen aber nur ganz kurz aus. Dann folgten mehrere stärkere Einzelimpulse, weil der Wallach nicht stehen blieb. Am langen Zügel war Leo das einzige Pferd, bei dem die Sensoren während des Anhaltens nur einseitige Zügelimpulse maßen. Danach stand Leo sicher, wie die fast geraden Linien zeigen.

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