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Pferdefleisch-Skandal: Importe von Argentinien nach Europa

Gestohlen und geschlachtet

In Argentinien stehlen Diebe tausende Pferde – und verkaufen sie an Schlachthöfe. Das Fleisch landet angeblich auch in Europa.

Tränen laufen über das Gesicht von Liliana Alonso. Die Hausfrau aus der Nähe der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires durchlebt gerade den schlimmsten Alptraum jedes Reiters: Ihre drei Pferde wurden gestohlen. Schlimmer noch: Sie befürchtet, dass die Tiere im Schlachthof geendet sind. Zu Recht, wie der Tierschutzbund Zürich (TSB) behauptet.

Die Schweizer Organisation recherchiert seit Jahren im Schlachthof Lamar bei Buenos Aires und erhebt schwere Anschuldigungen, die eine millionenschwere Branche treffen. Im Jahr 2010 etwa exportierte Argentinien 24 000 Tonnen Pferdefleisch im Wert von 75 Millionen US-Dollar (etwa 55 Millionen Euro). Das sind 240 000 Pferde.

Wie viele in Lamar geschlachtet wurden, ist unbekannt. Nach Einschätzung des TSB war jedoch die Hälfte der dort verarbeiteten Pferde gestohlen. Über den Basler Fleischhändler GVFI International lande solches Fleisch auch auf Schweizer Tellern. „Dabei weiß die Firma um die Zustände in Lamar“, sagt TSB-Präsident York Ditfurth.

Inwiefern Deutschland und die EU möglicherweise von dem Skandal betroffen sind, ist unklar. Der Schlachthof Lamar erhielt 1986 eine EU-Zulassung, darf seine Waren also in Europa verkaufen. Sie ist zeitlich unbefristet. Das war eventuell voreilig, denn Lamar ist seit längerem umstritten.

So erreichten Pferdebesitzer im Februar 2013 einen 24-stündigen Schlachtstopp in Lamar, um dort nach gestohlenen Tieren zu suchen. Argentinischen Medien zufolge fanden sie elf Tiere, die ihren Eigentümern zurückgegeben wurden. Andere Pferdebesitzer wie Liliana Alonso müssen weiter suchen und hoffen.

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Pferdediebstähle in Argentinien

2011 wurden allein in der Provinz Buenos Aires 587 Pferdediebstähle registriert. Die Tiere verschwinden von Koppeln, aus gesicherten Ställen. Hobbyhalter sind ebenso betroffen wie Profi-Züchter und Ausbildungsbetriebe. Alejandro Vidal etwa betreibt in der Kleinstadt Open Door bei Buenos Aires eine Poloschule mit Gästehaus. „Als wir bei unseren Recherchen dort übernachteten, war ihm am Tag zuvor ein Pferd gestohlen worden“, erzählt York Ditfurth. Das sei das dritte Mal innerhalb von sechs Monaten gewesen. Insgesamt habe Vidal zehn Pferde verloren.

„In manchen Fällen nehmen die Täter mehr oder weniger spontan das nächstbeste Pferd mit und verkaufen es als Arbeitstier in die Slums oder an Schlachtbetriebe“, berichtet York Ditfurth. „Das ist schnelles Geld.“ Die Gefahr entdeckt oder bestraft zu werden, sei gering.

Das liege auch daran, dass die meisten der geschätzt rund 3,6 Millionen Pferde in Argentinien (Stand 2011) nicht einmal per Brandzeichen gekennzeichnet würden. „Wir haben bei gestohlenen Pferden nur zwei Brände gefunden“, sagt York Ditfurth. „Den eines Pferdehändlers und den Buchstaben F für Faena – Spanisch für Schlachtung.“

Lediglich die Provinz Buenos Aires führte 2012 eine Kennzeichnungspflicht mit Mikro-Chip und Equidenpass nach europäischem Vorbild ein, um die ausufernden Pferdediebstähle einzudämmen. Der Chip kostet etwa fünf Dollar. „In der Region wird trotzdem nicht gechipt und auch nur selten gebrannt“, sagt York Ditfurth.

Selbst wenn die Halter ihre Pferde besser kennzeichnen würden: „Es gibt Fälle, in denen lagen offenbar schon fertige Papiere fürdie geklauten Tiere vor“, sagt York Ditfurth. „Das sind teilweise gut vorbereitete Auftragsdiebstähle, die schwer rückverfolgbar sind.“ Mitunter würden die Tiere sogar auf abgelegenen Koppeln zwischengeparkt, bis sie im Schlachthaus landeten, in anderen Fällen sofort mit dem F gebrannt und per Transporter auf die letzte Reise geschickt – oft auf offenen Lkw unter tierquälerischen Bedingungen. „Die sind allerdings auch bei legalen Transporten nicht viel besser“, sagt Ditfurth. „Nach argentinischem Recht dürfen Pferde 36 Stunden lang ohne Futter und Wasser transportiert werden.“

Mehr Infos sowie ein Film über die TSB-Recherchen unter: Tierschutzbund Zürich und unter Video auf CAVALLO: Hehlerware - Pferdefleisch aus Argentinien

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Dieses Pferd trägt das Brandzeichen F wie Faena. Das ist Spanisch für Schlachtung.
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Kriminelle Strukturen - Die Pferde-Mafia

Hinter den Taten stecken kriminelle Strukturen, wie ein Polizist der Abteilung für Viehdiebstahl dem Tierschutzbund Zürich bestätigte. Laut TSB hat er seinen Job inzwischen gekündigt. „Er wurde von Kollegen massiv unter Druck gesetzt“, sagt York Ditfurth. Die kriminellen Geschäfte mit gestohlenen Pferden seien ohne Hilfe korrupter Polizisten und Tierärzte der argentinischen Behörde für Lebensmittelsicherheit und -qualität Senasa gar nicht möglich.

Deren Vertreter besorgten nicht nur falsche Papiere, sondern drückten bei Kontrollen auch die Augen zu. So müssen bei der Anlieferung der Pferde in Lamar Papiere und Tiere überprüft werden. „Wir haben einen diensthabenden Veterinär dort zu den gestohlenen Pferden befragt“, sagt York Ditfurth. Seine Antwort: „Meine Verfügungsgewalt reicht von jenem Zaun dort drüben bis hierher. Was außerhalb des Schlachthofs liegt, kann ich nicht verändern, es liegt nicht in meinem Bereich.“ Ein anderer Regierungsvertreter habe freimütig erklärt, dass es einen Schwarzmarkt für die nötigen Papiere gebe: „Wie bei Autos, wie bei allem.“

Mehr Infos sowie ein Film über die TSB-Recherchen unter: Tierschutzbund Zürich und unter Video auf CAVALLO: Hehlerware - Pferdefleisch aus Argentinien

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Mit Knüppeln treiben Männer die Pferde auf eine Lkw-Laderampe.
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Kriminelle Strukturen - Der Schlachthof Lamar

Probleme gebe es aber nicht nur mit Herkunft und Transport der Pferde, sondern auch mit der Lebensmittelsicherheit. Lediglich bei einem von 3300 Pferden werde Muskelfleisch entnommen, um es auf Rückstände zu untersuchen. Medikamente wie das als Schmerzmittel und Entzündungshemmer verwendete Phenylbutazon lassen sich jedoch nur in Blut und Harn nachweisen.

In der Schweiz und der EU ist Phenylbutazon bei Schlachtpferden verboten. „In Argentinien sieht man das lockerer“, sagt York Ditfurth. „Wir haben dazu Dr. Mario Lopez Oliva befragt, den ehemaligen Vorsitzenden der Argentinischen Vereinigung der Pferdefachtierärzte.“ Dieser halte den Umgang der Europäer mit Phenylbutazon für hysterisch, es baue sich ja innerhalb eines Monats ab.

Der Tierschutzbund Zürich hat inzwischen Anzeige gegen GVFI wegen Hehlerei erstattet. Die Basler Staatsanwaltschaft ermittelt. GVFI International selbst streitet auf CAVALLO-Anfrage alles ab. Weder von argentinischen noch von Schweizer und EU-Behörden habe es Hinweise auf Missstände gegeben. Die Firma habe sich dennoch entschlossen, Zulieferbetriebe durch eine externe Zertifizierungsstelle kontrollieren zu lassen. Nach eigenen Angaben hat GVFI International seit Ende September 2013 kein Pferde eisch mehr vom Schlachthof Lamar bezogen. Die Kundennachfrage sei zu gering und es gebe Beschaffungsschwierigkeiten.

Mehr Infos sowie ein Film über die TSB-Recherchen unter: Tierschutzbund Zürich und unter Video auf CAVALLO: Hehlerware - Pferdefleisch aus Argentinien

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