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CAVALLO Fairness Award 2010 für die WAHSO

Hier werden Araber gemustert

Araber sind von Natur aus schön und spritzig. Man muss sie gar nicht schminken oder stressen, findet die WAHSO. Und bekommt dafür den Fairness Award „Event“.

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Chefredakteurin Christine Felsinger überreicht den Award an Astrid Schmid (rechts).

Der Stutenschweif sieht nach Weide aus und gibt sich ein wenig störrisch um die Rübe. Die Frau am Führseil trägt kein klassisch weißes Show-Outfit, sondern ein knalliges T-Shirt. Doch am Dresscode liegt es nicht, dass die Jury das Paar nur auf Platz vier sieht. „Sehr schmucke Rappstute mit ruhigem, sympathischem Temperament, die heute wenig elastische Bewegungen gezeigt hat“, plaudert Richter Dr. Walter Huber ganz offen Lob und Tadel ins Mikro. „Was ein Problem werden könnte, ist der weich scheinende Rücken. Das Pferd muss man vorsichtig anreiten und aufbauen.“

Hier, im bayerischen Lautrach auf Gestüt Straightblue Arabians, läuft die Premiere einer neuen Showgeneration. Hier soll der Richter ehrlich sein dürfen und der Araber Pferd; hier wird so wenig wie möglich rasiert, frisiert, gehypt, geknallt, geraschelt und geschmiert. Die Jury kann nicht schon vor der eigentlichen Show bei einer Vorrunde selektieren. Das Babyöl im arabischen Babyface ist so dezent wie das sonst obligatorische Peitschen- und Plastiktütengewedel an allen Ecken und Enden, das die ohnehin schon angespannten Kandidaten bei einer normalen Show noch hektischer macht. Bei der neuen Variante darf dagegen nur der eine Peitsche haben, der sein Pferd im Ring vorstellt; rund ums Viereck herrscht Ruhe.

Die Arabermähne soll höchstens 10 Zentimeter im Genick geschoren sein; die Pferde dürfen beim Aufstellen nicht überstreckt werden, bis die Hinterbeine wie bei einem Schäferhund aussehen – die „Pinkelstellung“, wie Szenekritiker spotten. Das sind ein paar Punkte aus dem noch schlanken Regelwerk der neuen World Arabian Horse Show Organisation WAHSO www.wahso.de, deren pferdegerechtes Konzept vom Start weg den erstmals verliehenen CAVALLO Fairness Award 2010 in der Kategorie „Event“ bekommt.

WAHSO-Shows sind im Kommen

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Zur Musterung: Den Trab an der Hand verlangen die Richter ebenso wie das Aufstellen des Pferds. Aber ohne Geknalle und Gezuppel.

„Wir werden sehen, wie das Konzept angenommen wird. Es braucht sicher ein, zwei Jahre, bis die Leute Vertrauen fassen“, sagt Astrid Schmid, die Frau hinter WAHSO, die sich über den Award als Mutmacher freut. „Ich konnte nur anstoßen und hoffe jetzt, dass die WAHSO-Shows nachgefragt werden. Das hängt natürlich auch davon ab, wie das Konzept vor Ort umgesetzt wird und wie wir die Regeln noch optimieren können.“ Deshalb steht die 45-Jährige, die selbst Vollblutaraber züchtete und einen Europachampion im Stall hatte, an diesem sonnigen Wochenende im Allgäu.

Beobachtet, notiert, spricht mit Veranstaltern, Richtern, Teilnehmern. Ob schlüsselloses stilles Örtchen, schwammige Ansagen oder klareres Briefing der dreiköpfigen Jury, die für Schmids Empfinden noch zu zaghaft richtet und ruhig auch mal schlechte Noten geben dürfte – alles Startprobleme, die gespeichert werden, um sie bei den nächsten Malen möglichst zu vermeiden. „Darf man das Pferd denn jetzt auch im Trab in den Ring führen, oder geht das nur im Schritt?“ Eine Züchterin ärgert sich, weil ihr trabender Vorführer von den Richtern gebremst wurde. Astrid Schmid klärt: „Auch Trab ist erlaubt. Jeder darf mit der Gangart beginnen, die zu seinem Pferd am besten passt. Manche müssen erst mal Dampf ablassen im Trab, andere brauchen die Ruhe im Schritt.“

Diese Wahlfreiheit ist neu und anders als bei den bisherigen Shows der European Conference of Arab Horse Organizations ECAHO. Ebenso neu ist der Freilauf im Galopp, den das WAHSO-Reglement vorschlägt. Eine gute Idee, denn schon bei der Premiere zeigt sich, dass sich hier öfters die Spreu vom Weizen trennt: Wer galoppiert locker in schöner Reitpferdmanier, lässt sich hinterher gelassen einfangen und halftern? „Ein ganz wichtiger Prüfstein, um zu erkennen, ob Pferde zuhause mit oder ohne Druck trainiert werden“, findet Astrid Schmid.

Wer ist gestresst, steif im Rücken und will nur noch weg? So wie die Stute, die sich gegen die Platzabsperrung wirft, bis die Litze fatzt – was der Jury leider an diesem Tag keinen Kommentar entlockt. „Galopp sehr gespannt und nicht richtig zu beurteilen“, heißt es immerhin in anderen Fällen. „Könnte mehr bergauf sein.“ Oder: „Ausgezeichneter Rücken, schwingt in allen Gangarten.“ Gute Bewegung ist wichtiger als das Erstarren zur Statue beim Posing, dem Aufstellen. Der klare Kopf zählt mehr als der hübsche Hechtkopf, der für den Schweizer Richter Dr. Andreas Gygax „nicht das einzige Kriterium eines Arabers sein darf. Ich suche das ideale Reitpferd Richtung Vielseitigkeit, alles andere ist sekundär“.

Frei von Spektakel und Manipulation

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Dankeschön: Um bei der Show zu punkten, braucht der Besitzer keinen Profi-Trainer, sondern einen guten Draht zu seinem Pferd. Nur so gibt es harmonische Bilder.

Dr. Andreas Gygax richtet sonst in der Anglo-Araber-Szene, Gaby Oppermann ist im Westernsport zuhause. Und Dr. Walter Huber, der Dritte im Bund, sagt: „Wir wollen nicht, dass diese schönen Pferde zu Püppchen werden, sondern dass man sie mit Genuss reiten kann. Danke für den Mut, dem Show-Unwesen etwas entgegenzusetzen.“ Dass dort einiges im Argen liegt, berichtete CAVALLO mehrfach – etwa im Titelthema der Juli-Ausgabe 2007, das Brutalität gegen Pferde kritisierte.

Damit Show-Araber den Schweif spektakulär tragen, steckte man ihnen früher scharfen Ingwer in den After – im Doping-Deutsch „Gingern“ genannt. „Seit man Ingwer nachweisen kann, nimmt man synthetische Substanzen“, verriet damals der Tierarzt und ECAHO-Richter Dr. Thomas Stohler, der schon bei einigen Arabern Wunden am Kopf und Striemen am Körper fand, weil sie durch Reißen an dünnen Halftern und Kinnketten und durch Peitschenhiebe aufgeputscht werden.

Auf Spektakel, bei denen Optik, Styling und Manipulation walten, hatte Astrid Schmid keine Lust mehr. Sie verpachtete ihre Pferde und steckte Energie in ihr Projekt, bei dem normale Araberzüchter und -reiter ihre Stuten, Hengste oder auch Wallache ganz natürlich präsentieren können. „Ohne Profi-Vorführer und teures Training, in dem teils sehr viel Druck gemacht wird, damit die Pferde funktionieren“, sagt Schmid. „Wer sein Pferd nicht dauernd scheren, waschen und in Watte packen will, ist bei uns richtig.“ Ihr System basiert auf Lizenzen: Ab 2011 zahlt jeder Veranstalter 300 Euro Lizenzgebühr an WAHSO und finanziert damit eine Datenbank, in der alle Pferde zentral erfasst werden. „Der Veranstalter kann direkt Teilnehmerlisten ausdrucken und Ergebnisse melden“, so Schmid. Spätere Erlöse sollen in eine Stiftung für Kinder fließen.

Ideal wäre laut Schmid, wenn WAHSO-Shows als i-Tüpfelchen bei Reitturnieren stattfinden und am Ende der Beste und Schönste als Gesamtsieger steht. Das könnte gut ankommen, findet auch Richter Gygax: „Die Teilnehmer sind glücklich, wenn sie eine weitere Plakatte mit heimbringen.“

Glücklich sind heute die Besitzer von Hengst Pege Star, der Best of Show in Lautrach wurde – ein 12-jähriger, leistungsgeprüfter Vollblutaraber, der einen Namen als solider Reitpferdevererber hat. Weniger glücklich sind Züchter, die gerne parallel zu WAHSO auch bei ECAHO-Shows starten würden: „Das geht aber nicht, weil man die Pferde dafür anders trainieren muss.“

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