Lisa Rädlein

Schätze aus Egon von Neindorffs Bibliothek

Aus der Bibliothek Egon von Neindorffs: Teil 7 Kunst oder Handwerk?

Paul Plinzner erklärte Soldaten, wie sie Pferde schnell in die "unbedingte Beizäumung" bringen. Nicht schön. Vor allem, weil er es besser wusste.

CAVALLO-Redakteurin Nadine Szymanski hütet den Schatz der Redaktion: die Privatbibliothek des 2004 verstorbenen Reitmeisters Egon von Neindorff. Über 50 Jahre lang vermittelte er an seinem Reitinstitut in Karlsruhe sein Wissen über die klassische Reitkunst und kämpfte für die korrekte Ausbildung von Pferd und Reiter.

Lisa Raedlein

Haben Sie schon mal vom "Plinznern" gehört? So nannte man rollkurähnliches Reiten Anfang des 20. Jahrhunderts. Der, der die Pferde damals derart rundgemacht haben soll, war Paul Plinzner, Leibstallmeister des damaligen Prinzen und späteren Kaisers Wilhelm II. sowie Schüler von Gustav Steinbrecht.

Nie gehört? Dann kennen Sie aber bestimmt sein bekanntestes Werk: Steinbrechts "Das Gymnasium des Pferdes" stammt aus Plinzners Feder. Wen wundert’s, dass auch in seinen eigenen Schriften über die Pferdeausbildung etwas von seinem Lehrmeister steckt. Unter Egon von Neindorffs alten Büchern finde ich eine davon: "Das System der Pferde-Gymnastik" aus dem Jahr 1888. Muss ich lesen!

Beim Blättern durch die vergilbten Seiten entdecke ich Zeitungsschnipsel als Lesezeichen, die mir schon vertrauten Bleistiftanstriche Neindorffs – und Fragezeichen. Eines davon steht bei diesem Satz: "Der Sitz sei hierbei ganz weich und losgelassen, der Schenkel mit dem Sporn reize (...) beständig nach vorwärts, während die Hände (...) im Wesentlichen nach rückwärts gegenhalten. Über kurz oder lang wird der Moment eintreten, wo das Pferd den Hals (...) umkippt (...)."

Hier erklärt Plinzner, wie das Reitpferd die "unbedingte Beizäumung" lernt. Diesen Begriff hat Plinzner, dessen Job es war, "Gebrauchspferde" auszubilden, erfunden und er war für ihn das Maß aller Dinge. Denn er wünschte sich einen Rückengänger, also ein Pferd, das den Schub seiner Hinterbeine über den aufgewölbten Rücken nach vorne in die Reiterhand überträgt und somit an den Hilfen steht. Doch Plinzner sah sich wohl hauptsächlich von Schenkelgängern umgeben – Pferden, die entweder durch schlechte Reiter dazu geworden sind, oder Pferden, die von der Natur nicht mit einem perfekten Reitpferde-Exterieur gesegnet wurden. Diesen armen Geschöpfen ließ er die eben zitierte Korrektur angedeihen, mit der er sich schon seine Zeitgenossen zum Feind machte. Zum Beispiel den Oberstallmeister Freiherr von Reischach, der beschrieb, dass er nach Plinzners Ausscheiden aus dem Kaiserlichen Marstall Pferde "mit tellergroßen, haarlosen, durch die Sporen zerfleischten Stellen" und "mit zusammengezogenen Hälsen" übernahm, "deren Ohrenspitzen beinahe nach dem Erdboden zeigten".

Warum hat Plinzner diese gruselige Pferdeausbildung so fanatisch verteidigt, wie es überliefert wird? Heiligt der Zweck solche Mittel? Dass er es eigentlich besser wusste lese ich in seinem Buch: "Die Aufrichtung der Vorhand muss lediglich Resultat der Sammlung sein und darf nicht durch aufrichtende Arbeit der Hand angestrebt werden."

Wenn ich darüber nachdenke, komme ich auf Gründe, die in mir ein Déjà-vu-Gefühl auslösen: Das Pferd soll bitteschön seinen Job machen. Es ist schließlich zum Reiten angeschafft worden. Warum lange warten, bis es Leistung bringt, wenn es doch möglich ist, schneller zum Erfolg zu kommen? Zeit ist Geld! Achtung, Ironie.

Kurz-Info zum Buch:

"Das System der Pferde-Gymnastik" von Paul Plinzner erschien 1888. Plinzner wurde schon mit 22 Jahren Leibstallmeister des Kaisers Wilhelm II und etablierte dort ein Ausbildungssystem, das in Teilen mit der heutigen Rollkur verglichen wird. Ein Nachdruck des Buchs wird nicht mehr aufgelegt, wohl aber mehrere seiner Schriften (Ein Beitrag zur praktischen Pferde-Dressur, Olms).

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