Lisa Rädlein

Schätze aus Egon von Neindorffs Bibliothek

Aus der Bibliothek Egon von Neindorffs: Teil 2 Lieber krumm als unnatürlich

Dass Pferd und Reiter in keine schönen Schablonen passen, wusste Gustav Steinbrecht. Seine Reitlehre: So korrekt wie möglich und so frei wie nötig.

CAVALLO-Redakteurin Nadine Szymanski hütet den Schatz der Redaktion: die Privatbibliothek des 2004 verstorbenen Reitmeisters Egon von Neindorff. Über 50 Jahre lang vermittelte er an seinem Reitinstitut in Karlsruhe sein Wissen über die klassische Reitkunst und kämpfte für die korrekte Ausbildung von Pferd und Reiter.

Lisa Raedlein

Der wohl bekannteste Satz aus der deutschen Reitlehre lautet: "Reite dein Pferd vorwärts und richte es gerade." Vielleicht ist es aber auch ein Satz, der oft missverstanden wird? Denn in manchen Reithallen geht es sportlich zu. Dort schaufeln hastende Pferde Löcher in den Sand, die Reiter haben rote Köpfe und ein Mensch in der Mitte schreit so etwas wie: "Tempo, auf geht’s jetzt!" oder "Meeensch, schick ihn doch mal looos!".

Den Urheber des Satzes, Gustav Steinbrecht, können wir nicht mehr fragen, was er sagen wollte. Doch in seinem Buch "Gymnasium des Pferdes", das 1884 erschienen ist, hat er den Satz erklärt: Gemeint ist keineswegs, dass der Reiter mehr Tempo verlangt. Vielmehr soll er darauf achten, "die Schubkraft der Hinterbeine in Tätigkeit zu erhalten".

Mit dem Geraderichten ist also nicht das Geradeausreiten auf der ganzen Bahn gemeint, sondern das Ziel, dass die Hinterhufe des Pferds auch auf gebogenen Linien und im Seitwärts gerade nach vorne in die Bewegungsrichtung treten. Denn nur ein Hinterbein, das genau in Richtung Schwerpunkt fußt, kann Last nach vorne schieben. Klingt kompliziert?

Sagen wir es einfacher: Steinbrecht erkannte, dass die Last das Problem ist. Also wir da oben im Sattel. Er beobachtete, dass Pferde, die unter dem Reiter nicht im Gleichgewicht gingen, häufig krank wurden – und dagegen Pferde, die sich in Balance befanden, nicht nur gesund blieben, sondern auch schöner und beweglicher wurden.

So beschäftigte sich Gustav Steinbrecht, der eigentlich Tierarzt werden wollte, intensiv mit der Anatomie und den Bewegungsabläufen des Pferds unter dem Reiter. Er fand heraus:

"Der Reiter sitzt nur dann richtig zu Pferde, wenn der Schwerpunkt, oder vielmehr die Schwerpunktlinie seines Körpers, mit der des Pferdes zusammenfällt."

Aus diesem Grund liefert Steinbrecht keine Anleitung für den korrekten Dressursitz. Stattdessen macht er Reitern Mut, lieber mit "kurzen Bügeln und krummem Rücken" den Pferdebewegungen im Galopp zu folgen, als sich "mit gestreckten Schenkeln, durchgebogenem Rücken und festgepressten Armen" lächerlich zu machen.

Reiten nach Schablone lernten Steinbrechts Schüler also nicht. Vielleicht, weil er nicht für den Militärdienst im Sattel saß, sondern zunächst die Reitschule seines Lehrers, des Dressurreiters Louis Seeger, übernahm und später eine eigene Reitschule gründete.

Das wohl schönste Vermächtnis Gustav Steinbrechts ist aber sein Gedanke, dass auch Pferde in keine Schablone passen, sondern wir Reiter die "unendliche Verschiedenheit im Bau der Pferde" berücksichtigen müssen:

"Man vergesse nie, dass die Dressur eine geregelte Gymnastik, aber keine Zwangsmethode sein soll, und dass der Körper des Pferdes in die gewünschte Form nicht auf einmal hineingepresst, sondern allmählich befähigt werden soll, diese zwanglos zunehmen."

Kurz-Info zum Buch:

"Das Gymnasium des Pferdes" von Gustav Steinbrecht erschien 1884 und ist ein "Must have" in jeder Reiter-Bibliothek. Dabei stammt das gesamte Buch gar nicht aus der Feder Steinbrechts. Erst nach dem Tod fasste sein Schüler Paul Plinzner die privaten Notizen des Lehrers zusammen und vervollständigte sie zu einem Ganzen. Steinbrechts Reitlehre ist keine "Gebrauchs"-Dressur, sondern vermittelt die Kunst, Pferde individuell zu fördern und zu gymnastizieren. Das Werk ist als Neuauflage erschienen im Cadmos Verlag, ISBN 978-3-861-27357-8, 39,90 Euro) sowie im FN-Verlag (ISBN 978-3-88542-501-4, 25,80 Euro).

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