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Etats werden gestrichen: Europäische Gestüte unter Druck

Schluss mit Volkshengsten?

In ganz Europa stehen staatliche Gestüte unter Druck: Ihnen sollen die Gelder gestrichen werden. Die Folgen für die Zucht sind umstritten.

Die Nachricht kam unerwartet. Und sorgt seither für Wirbel: Ende 2011 soll das Schweizer Nationalgestüt (SNG) in Avenches schließen. „Damit hat hier niemand gerechnet“, sagt Ruedi von Niederhäusern, Produktleiter der Institution.

Dabei gibt es vieles, was für den Erhalt des einzigen Schweizer Staatsgestüts spricht. Das eidgenössische Tierschutzgesetz beispielsweise. Es schreibt vor, dass jeder, der mehr als elf Pferde halten will, sich vorher in sogenannten Equigarde-Kursen das nötige Fachwissen aneignen müssen. Diese Kurse und Prüfungen können bisher nur in Avenches absolviert werden.

Ähnlich einzigartig ist die Rolle des Gestüts bei der Freiberger-Zucht. Ein Drittel aller Deckhengste der einzigen ursprünglichen Schweizer Pferderasse stehen in dem Gestüt. „Außerdem bilden wir die Zuchtrichter aus. Wir haben hier eine Forschungsabteilung mit eigener Stutenherde, schulen Reiter und Fahrer“, zählt Ruedi von Niederhäusern auf.

Doch das alles kostet mehr, als es einbringt: sieben Millionen Franken (etwa 4,8 Millionen Euro) im Jahr. Diese Summe ist nun Teil eines Sparprogramms, das den Schweizer Bundeshaushalt um jährlich 1,5 Milliarden Franken (etwa 1,1 Milliarden Euro) entlasten soll.

Avenches ist kein Einzelfall

In Zeiten leerer Kassen stehen fast alle vom Staat finanzierten Gestüte unter Druck. Was vor rund 250 Jahren von Königen geschaffen wurde, um dem Volk für seine Durchschnitts-Stuten günstig gute Hengste anzubieten - und so das Niveau der Landwirtschaft und der Kavallerie zu heben -, wird im 21. Jahrhundert zum Zankapfel: Längst bieten private Züchter gute Hengste an; die Zucht ist nicht mehr ausschließlich auf den Staat angewiesen. Daher ist der Streit um die Finanzierung der Wiener Hofreitschule ebenso Dauerthema wie die Privatisierungsgerüchte um das tschechische Nationalgestüt Kladruby.

Auch die zehn deutschen Haupt- und Landgestüte müssen sich regelmäßig rechtfertigen. Ihren Kritikern sind sie meist zu teuer und zu ineffektiv. „Natürlich muss man diese Betriebe so wirtschaftlich führen, dass der Zuschussbedarf nicht zu groß ist“, sagt Florian Selle, kommissarischer Leiter des hessischen Landgestüts Dillenburg.

„Gewinne zu erzielen, ist aber nicht die Hauptaufgabe eines Staatsbetriebs.“ Wegen der alten Bauten ist das eh oft nur schwer möglich. „Der Erhalt solcher Gebäude und Parks ist kostspielig. Die Haushalts- und Tarifbestimmungen schränken uns ein. Weil wir obendrein ein touristischer Anziehungspunkt sind, müssen alle Anlagen stets vorbildlich gepflegt sein“, sagt Antje Kerber, Leiterin des Landgestüts Redefin in Mecklenburg-Vorpommern.

Ein kostengünstiger Maschineneinsatz wie bei modernen Unternehmen kommt jedoch aufgrund der oft denkmalgeschützten Ställe nicht in Frage. So können im baden-württembergischen Haupt- und Landgestüt Marbach die Boxen nicht über den Hof entmistet werden, weil die Besucher sonst über die Misthaufen steigen müssten. „Und über den Hinterhof zu entmisten, ist umständlicher und dauert länger“, sagt Gestütsleiterin Astrid von Velsen-Zerweck.

Erhalt von Tradition und Kultur

„Das Pferd ist Teil unserer Kultur. 8000 Jahre lang haben wir mit Pferden gelebt und gearbeitet. Erst seit 60 bis 70 Jahren sind wir darauf nicht mehr angewiesen. Wenn man die Landgestüte abschafft, wird auch das Wissen um diese Kultur für immer verschwinden.“ Das sieht auch ihre Kollegin Kerber aus Mecklenburg-Vorpommern so: „Unsere Landgestüte sind ein Stück Kulturgut. Es ist eine grundsätzliche Entscheidung der Länder, ob man sich das leisten möchte oder nicht.“ Im Fall von Redefin lautet die Antwort: „Ja, aber bitte billiger.“ 1,3 Millionen Euro schießt das Bundesland bisher jährlich zu. Nach einem neuen Konzept muss das Gestüt in Zukunft mit 750.000 Euro pro Jahr auskommen.

Besseres Marketing gefragt

„Wir wollen unsere Hengste besser vermarkten“, sagt Antje Kerber. 45 Hengste stehen in Redefin derzeit im Deckeinsatz, neun weitere für den reinen Samenversand. Zudem soll die Reit- und Fahrschule für Amateure und Profis ausgebaut werden. Events mit und ohne Pferd sollen zusätzliches Geld bringen.

„Dazu zählen die züchterischen und sportlichen Veranstaltungen. Für Nicht-Pferdemenschen bieten wir auch Konzerte und die Messe LebensArt an“, so Kerber. Mit ähnlichen Konzepten arbeiten die anderen Landgestüte. Ob das reicht, wird sich zeigen. Kritik kommt inzwischen auch von Züchtern. Etwa von Jörg Reinhold.

Im Januar 2010 stellte der damalige Präsident des Zuchtverbands Mecklenburg-Vorpommern den Zucht-Auftrag des Gestüts Redefin in einer NDR-Sendung in Frage. Der sei in Zeiten des weltweiten Versands von Tiefgefriersperma nicht mehr gegeben, so Reinhold. Außerdem fehlten dem Landgestüt gute Hengste.

Die Bedeckungszahlen seien verglichen mit privaten Gestüten zu niedrig. Kurz darauf musste Reinhold als Verbandspräsident zurücktreten. Dabei hatte er die grundsätzliche Daseinsberechtigung des Landgestüts etwa als Ausbildungsbetrieb gar nicht bezweifelt.

Landbeschäler werden gebraucht

Hinzu komme das angeblich langfristigere Denken in der Staatszucht. „Während private Hengsthalter gezwungen sind, nicht mehr nachgefragte Hengste aus dem Programm zu nehmen, kann ein Landgestüt solche Tiere weiter halten“, sagt sie. „Unser Hengst D’Olympic ist da ein gutes Beispiel. Er war 2002 Vizeweltmeister der jungen Dressurpferde und wurde damals sehr stark nachgefragt. Dann ebbte das Interesse ab. Jetzt sind die Nachkommen erfolgreich; nun wird er wieder populär.“

Astrid von Velsen-Zerweck ergänzt: „Die Warmblutzucht ist heute sehr liberalisiert. Da haben die Landgestüte die Aufgabe, verantwortungsvoll mit der Zucht umzugehen.“ Dazu zähle auch der Erhalt seltener Pferderassen wie der Alt-Württemberger oder der Schwarzwälder Kaltblüter. Damit liegt sie auf derselben Linie wie Ruedi von Niederhäusern vom Schweizer National-gestüt. „Wir haben unter unseren Deckhengsten viele Vertreter seltener Freiberger-Linien. Zudem beraten wir die Züchter bei der Hengstauswahl intensiv, um den Inzuchtgrad so gering wie möglich zu halten. Wer wird das übernehmen, wenn es uns nicht mehr gibt?“, fragt er.

Avenches soll abgewickelt werden

Ganz spruchreif ist die Abwicklung von Avenches noch nicht. Der Sparbeschluss muss erst ein Anhörungsverfahren passieren und dann vom Parlament genehmigt werden. Inzwischen organisiert sich Widerstand auf breiter Ebene, von den Kantonen über die Schweizer Pferdeverbände bis hin zur privaten Initiative „Pro Nationalgestüt“, die eine Petition zum Erhalt von Avenches verbreiten www.pro-nationalgestuet.ch.

Mit staatlichen Kürzungsplänen schlägt man sich auch in Tschechien herum. Anfang März 2010 übergab der Bürgerverein CES dem tschechischen Parlament eine Petition mit mehr als 5000 Unterschriften. Die Forderung: Kladruby in seiner Gesamtheit als Staatsbetrieb zu erhalten. Grund sind Befürchtungen, dass Teile wie das Gestüt Slatinany und das Ausbildungszentrum Hermannstadt privatisiert werden könnten.

„Kladruby ist ein Nationaldenkmal. Das muss die Regierung erhalten“, findet die ehemalige Gestütsleiterin Lenka Gotthardová. „Andere Betriebsteile haben diesen Schutzstatus nicht, sind nur Kultur-, nicht Nationaldenkmäler.“ Auch die EU ist keine sichere Bank - auch nicht in Kladruby: Werden seine Teilbetriebe verkauft, ist unklar, was mit den dringend benötigten 13 Millionen Euro passiert, welche die EU 2008 zweckgebunden für den Erhalt von Gesamt-Kladruby zugesagt hat. Klar ist daher nur eins: Neue Geldquellen für staatliche Gestüte sind nirgendwo in Sicht.

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