Klinik-Verbund Lisa Rädlein

Freier Tierarzt-Verbund ohne Investoren

Pferdegesundheit Rhein-Main Freier Tierarzt-Verbund gegen Investoren

Von Investoren übernommen werden? Nicht mit uns! Vier Tierärzte gehen einen neuen Weg. Von dem profitieren Pferde und deren Besitzer.

Ein bisschen fühlt man sich an D’Artagnan und die drei Musketiere erinnert, diese legendäre Vierer-Leibgarde des französischen Königs Ludwig XIII.: Einer für alle, alle für einen, und alle gegen die finsteren Pläne von Kardinal Richelieu. Man muss nur die degenschwingenden Soldaten durch Tierärzte ersetzen – Dr. Stephen Eversfield, Dr. Kai Kreling, Dott. Ekkehart Schmidt und Dr. Christian-Mark Traenckner – und den machtgierigen Richelieu durch Investorengesellschaften im tiermedizinischen Bereich.

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Statt Investoren Das neue Tierarzt-Quartett
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Profit versus Tierwohl?

Solche Gesellschaften haben in den vergangenen Jahren etliche Kliniken und Praxen übernommen. Das Vorgehen wird von einigen Tierärzten kritisch beäugt, die Sorge: Investoren hätten lediglich Profit vor Augen.

Auch das Veterinärs-Quartett ist gegenüber solchen Aufkäufen skeptisch. Dabei bilden die Vier eigentlich die ideale Zielgruppe für solch eine Übernahme: Alle sind zwischen Mitte 50 und Anfang 60, also einem Alter, in dem die Frage nach einem Nachfolgenden für die eigene Klinik oder Praxis aufkommt. Wird niemand gefunden, sind große Klinikgruppen oft die letzte Lösung.

Doch die vier Tierärzte gingen einen anderen Weg, einen ziemlich einmaligen: Sie fusionierten. Die bisherigen drei Klinikstandorte in Hattersheim, Waldalgesheim und Wiesbaden – alle westlich von Frankfurt gelegen – werden in den ersten beiden Orten verdichtet.

Zusammenschluss bietet Pferdebesitzern und ihren Tieren Vorteile

Unter dem neuen Firmennamen "Pferdegesundheit Rhein Main" stehen nun 15 Tierärzte bereit. "Davon sind mindestens drei Tierärzte im permanenten Notfallbetrieb, sprich: Sie stehen in der Klinik und ambulant für Notfälle zur Verfügung", sagt Dr. Stephen Eversfield.

Gerade die Notdienste seien vor der Fusion immer schwieriger abzudecken gewesen. Viele Tierarzt-Assistenten würden bei dem Thema dankend abwinken, und auch die gesetzlichen Vorgaben – Stichwort: Arbeitszeit und Ruhezeit – seien mit einem kleinen Personalstand schwieriger zu managen. Durch den Zusammenschluss könne man die Anforderungen und Belastungen gleichmäßiger auf alle Tierarztschultern verteilen.

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Am Klinik-Standort in Hattersheim können über 20 Pferde stationär aufgenommen werden.

Dazu kommen zwei Klinik-Standorte in Hattersheim und Waldalgesheim, beide rund 70 Kilometer voneinander entfernt entlang des Rheins und Mains gelegen. "Wir haben aktuell in jeder Klinik rund 25 Boxen zur Verfügung, für Intensivmedizin und Nachbetreuung. Momentan überlegen wir, ob wir weiter aufstocken", sagt Dr. Eversfield.

Mehr Tierärzte für Spezialfälle

Ein weiterer Vorteil für die vierbeinigen Patienten: Ihnen stehen mehr Spezialisten zur Verfügung als zuvor. Dr. Eversfield deckt u.a. etwa mit einer Kollegin den Bereich Gynäkologie ab, dazu kommen vier Tierärzte, die sich auf Zahnbehandlungen konzentrieren. Zwei externe Kolik-Chirurgen stehen jederzeit auf Abruf bereit. Die Spezialisierung hat auch für die Tierärzte selbst Vorteile: Sie können sich auf die Aufgabengebiete konzentrieren, die ihnen liegen und Spaß machen.

Und sie können sich untereinander noch besser austauschen als zuvor, sich leichter Zweit-, Dritt-, Viertmeinungen im Kollegenkreis erfragen. "Wir holen uns gegenseitig bei kniffligen Fällen oft dazu, damit noch jemand anderes auf den Befund schaut, und versuchen gemeinsam Lösungen zu finden", beschreibt Dr. Eversfield das tägliche Miteinander im Kollegenkreis.

Digitale Krankenakten in der Cloud

Apropos Befund: Auf den hat jeder Tierarzt jederzeit Zugriff, Möglich macht das eine cloud-basierte Software, eine Art "digitaler Krankenakte" fürs Pferd. In dieser sind sämtliche Untersuchungen und Behandlungen gespeichert, inklusive Röntgen- oder Endoskopie-Aufnahmen.

Ganz gleich, welcher Tierarzt dann die Nachkontrolle bei einem vierbeinigen Patienten durchführt: Mittels Tablet kann der Veterinär auch im heimischen Stall frühere Daten in Sekundenschnelle abrufen und mit den aktuellen Untersuchungsergebnissen vergleichen.

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Die Ergebnisse einer Untersuchung können im Nu mit den anderen Kollegen geteilt und besprochen werden.

Die Pferdebesitzer wüssten diese Vorteile zu schätzen, sagt Dr. Eversfield: "Die überwiegende Mehrheit hat positiv auf unseren Zusammenschluss reagiert."

Weitere Fusionen nicht ausgeschlossen

Auch die vier Veterinäre haben ihren Beschluss nicht bereut. Sie könnten sich sogar noch weitere Mitstreiter und – fusionäre vorstellen, "bei denen der Tierarztgedanke im Vordergrund steht", so Fachtierarzt Eversfield, sprich: in erster Linie das Tierwohl und nicht der mögliche Umsatz. Mit ihrer Fusion wollten die Vier auch attraktiver für einen oder mehrere Nachfolgenden werden, weil mehr zu bekommen ist als eine einzelne Praxis.

Der Gedanke für diese Neuaufstellung entstand bei einem gemeinsamen Treffen, erinnert sich Dr. Stephen Eversfield. Die vier Männer kennen sich seit Jahrzehnten, tauschen sich fachlich untereinander regelmäßig aus, und als bei so einem Treffen das Thema Nachfolge-Regelung aufkam, fragte einer: Warum tun wir uns eigentlich nicht zusammen? "Da war kurz Schweigen, dann sagte ein anderer: Ja, warum nicht? Und damit war das Thema geklärt", erzählt Dr. Eversfield.

Die Veterinäre holten Steuerberater und Juristen mit ins Boot. "Die Fusion sind wir Schritt für Schritt angegangen", sagt Dr. Eversfield. Er selbst löste sich Anfang 2020 aus seiner bisherigen Klinik (Tiergesundheitszentrum Wiesbaden) heraus und fusionierte mit dem Klinikstandort in Hattersheim, den die Kollegen Traenckner und Schmidt leiteten.

Mit dem Standort in Waldalgesheim (Tierklinik Binger Wald) ist Dr. Kai Kreling der Vierte im Bunde. So deckt die "Pferdegesundheit Rhein Main" einen großen Bereich im Rhein-Main-Nahe-Gebiet ab. Was allen vieren bei ihrem Zusammenschluss wichtig ist: der Gedanke, "pro Pferd" zu handeln.

Pferdegesundheit vor den Profit setzen

Denn dieser Gedanke würde bei Investorengesellschaften oft fehlen, kritisiert Eversfield. Alle vier Tierärzte waren von unterschiedlichen Investorengruppen zwecks Übernahme angesprochen worden. "Aber unser Eindruck war: Da steht der finanzielle Aspekt im Vordergrund." Meist werde die Klinik nach sechs, sieben Jahren verkauft, um Profit zu machen – "und das wollte keiner von uns, sondern unser Ziel war, dass die Standorte die nächsten zwanzig Jahre noch erhalten bleiben."

Mit der kritischen Einschätzung stehen Eversfield und seine drei Kollegen nicht alleine da. Auch Tierarzt-Verbände wie die Deutsche Veterinärmedizinische Gesellschaft sehen das Wachstum von Investorengruppen kritisch: Statt Tierwohl und Heilung stehe der Profit im Vordergrund, es entstehe eine Abhängigkeit der behandelnden Tierärzte gegenüber den Eignern, und durch den Vergleich mit anderen Standorten könnten die Geldgeber Druck erzeugen, mehr Umsatz zu erwirtschaften.

Mars und Nestlé gut im Geschäft

In Deutschland fällt einem beim Stichwort Klinik-Investoren vor allem die Altano-Gruppe ein: Zu dem überregionalen Netzwerk an Pferdekliniken und Praxen gehören mittlerweile 29 Standorte, auch in skandinavischen Nachbarländern, Frankreich und den Niederlanden. Hinter der Gruppe stehen Tierarzt Dr. Victor Baltus – und Schweizer Investoren (Ufenau Capital Partners).

Dabei gehört Altano noch zu den kleinen Playern im weltweiten Markt. 2018 machte Mars Petcare Schlagzeilen: Der US-Großkonzern kaufte die schwedische Klinikkette AniCura auf, die auch in Deutschland mehrere Standorte unterhält (davon zwei Kliniken für Pferde). Auch der Konzern Nestlé mischt im Markt mit: Die Schweizer eigneten sich 2019 die Evidensia-Gruppe an.

Die beiden Großkonzerne sind mit ihren Zukäufen zwar bislang vor allem im Bereich der Kleintierpraxen aktiv. Aber wenn die Hunde, Katzen und Kaninchen als lukrativ gelten – sind die meist kaufkräftigen Reiter und ihre Vierbeiner das dann nicht erst recht?

Im Rhein-Main-Gebiet wird es keine solche Übernahmen geben. Und möglicherweise auch demnächst an anderen Orten nicht mehr. Denn ihr neues Modell werde aufmerksam von Kollegen beobachtet, berichtet Dr. Stephen Eversfield: "Wir sind schon von mehreren Tierärzten angesprochen worden, die wissen wollten, wie wir uns im Detail organisiert haben." Gut möglich also, dass das Beispiel des Klinik-Verbunds Schule macht.

Praxis oder Klinik?

Eine Klinik muss höhere Ansprüche erfüllen als eine Tierarzt-Praxis: Sie muss von Tierärzten geführt werden, rund um die Uhr ärztliche Versorgung anbieten, mindestens drei Tierärzte und vier Hilfskräfte in Vollzeit beschäftigen sowie über entsprechende Räumlichkeiten und Ausstattungen verfügen. In Pferde-Kliniken müssen darüber hinaus unter anderem Untersuchungsstand, OP-Raum, Intensivbox und mindestens acht Boxen vorhanden sein. Die Zulassung zur Klinik wird bei der Landestierärztekammer beantragt und gilt zunächst für vier Jahre.

Kommentar

Spannender Weg, den die vier Veterinäre da gehen: Durch den Klinik-Zusammenschluss machen sie sich attraktiver für einen oder mehrere Nachfolger. Denn jemanden zu finden, der das Lebenswerk übernimmt, wird für viele ältere Tierärzte zum Problem. Jüngere Kollegen würden Risiko und Verantwortung scheuen, lautet oft deren Vorwurf; sie verkaufen dann an Investoren, um ihre Altersvorsorge zu retten.

Dabei sind Tierärzte und Kliniken, die zu Gruppen gehören, keinesfalls per se schlecht; einige namhafte Kliniken zählen dazu. Kritisch wird der Investor im Hintergrund nur, wenn im Pferdebesitzer die Frage aufkeimt, ob eine Behandlung wirklich sein müsse – oder ob es finanzielle Hintergedanken gibt. Dann verliert die Währung, die zwischen Reiter und Tierarzt die wichtigste ist: Vertrauen.

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Lisa Rädlein
Barbara Böke, CAVALLO-Redakteurin.

Barbara Böke, CAVALLO-Redakteurin

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