Ast, Zauberstab & Co.
Helfer für ruhige Reiterhände

Früher klemmte man sich Zweige unter die Daumen, heute sollen andere Tools wie Zauberstab und Reitbommel für ruhige Hände sorgen. Wir haben den Test gemacht – im Sattel und auf dem Simulator.

Trainingshilfe für Reiterhände
Foto: Sandra Polanetzki

Ruhige, weiche Hände und eine feine Zügelverbindung sind der Traum eines jeden Reiters. Der zügelunabhängige Sitz ist das lang ersehnte Ziel, das selbst erfahrene Reiter immer weiter verfeinern möchten. "Die Hand steht still und sie bewegt sich doch", ist einer der Leitsätze von Reitmeister Egon von Neindorff. Von außen betrachtet, sieht es bei einem guten Reiter nämlich so aus, als würden sich seine Hände überhaupt nicht bewegen – dabei folgen diese im Idealfall dynamisch den Bewegungen, sanft nicht starr.

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Kleine Helfer für ruhige Reiterhände
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Um diesem Ideal näher zu kommen, sollen kleine Trainingshelfer die Hände unterstützen. CAVALLO-Autorin Cathrin Flößer hat fünf Varianten getestet. Sie blickt auf über 30 Jahre Reiterfahrung zurück und hat sich Reitbommel, Gerte, Haselnusszweig, Zauberstab und Zügelbrücke zwischen die Finger geklemmt. Wie fühlte sie sich damit auf ihrem Jungpferd? Und was zeigen die Sensoren des Reitsimulators?

Die Hand-Helfer in der Praxis

Trainingshilfe für Reiterhände
Lisa Rädlein
CAVALLO-Autorin Cathrin Flößer auf ihrem fünfjährigen Connemara-Mix Coffee.

Bevor ich mich auf den Simulator schwinge, teste ich die Hand-Helfer mit meinem fünfjährigen Wallach Coffee. Zwischen einer Gerte und dem Haselnusszweig fühle ich kaum einen Unterschied – die Gerte ist glatter und lässt sich angenehmer in der Breite variieren als der hubbelige Zweig. Aber beide Helfer erleichtern es mir, die Hände auf gleicher Höhe zu tragen und verhindern, dass ich meine Hände verdecke. Wer immer eine Gerte dabei hat, braucht keinen zusätzlichen Helfer. Wer ohne Gerte unterwegs ist, wird problemlos in der Natur fündig.

Trainingshilfe für Reiterhände
Sandra Polanetzki
Zügelbrücken können mit jeden Zügeln gebildet werden – vorausgesetzt sie sind lang genug, um sie doppelt zu legen. Da Stege dabei eher stören, sind glatte Zügel besser geeignet. Das Zügelende wird zu einer Schlaufe zusammengelegt und zusätzlich zu den Zügeln mit in die Fäuste genommen. So sind die Hände nicht nur seitlich, sondern auch nach oben und unten begrenzt.

Das gilt ebenso für die Zügelbrücke, die ich generell gerne nutze und im Gelände anwende – etwa wenn Pferde sich die Zügel nehmen oder in die Hand "büffeln". Beim Reiten mit Westernzügeln (beidhändig aufgenommen) ist eine Zügelbrücke ohnehin üblich. Beim Dressurreiten stört sie mich eher, weil man gefühlt die ganzen Hände voll hat.

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Sandra Polanetzki
Der Zauberstab ist eine Trainingshilfe, um Balance und Einfühlungsvermögen zu verbessern. Er soll durch seine geriffelten Flächen guten Halt geben und angenehm in der Hand liegen. Sehr leicht, kann sowohl mit als auch ohne Handschuhe benutzt werden. Der Zauberstab ist etwa 20 Zentimeter breit, aus nachhaltigem Bio-Kunststoff und kostet 49 Euro. www.stallzauber.shop

Der Zauberstab fühlt sich ähnlich an wie die Gerte. Etwas gewöhnungsbedürftig ist für mich die dauerhaft enge Zügelführung. Bei meinem Jungpferd brauche ich hin und wieder breitere Hände, um die Schultern einzurahmen oder auch mal mit einem Zügel zur Seite zu weisen – vor allem beim Reiten von Linien.

Ich musste hin und wieder eine Seite des Zauberstabs loslassen, um die Hände breiter stellen zu können. Ansonsten fühlte ich mich wohl und konnte neben allen Gangarten auch etwas Schenkelweichen reiten. Coffee lief wie dabei wie gewohnt. Wer eine Jackentasche hat, kann den Zauberstab wunderbar darin verstauen, wenn er ihn gerade nicht benötigt und bei Bedarf wieder herausholen. Sehr praktisch!

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Sandra Polanetzki
Die beiden Reitbommel sind jeweils 20 Zentimeter lang und durch die Ringe rechts und links der Kammer am Sattel geschlauft. Mit den Zügeln aufgenommen, sollen sie für mehr Stabilität sorgen und eine ruhige Hand fördern. Zudem sollen sie den Reiter zu einer korrekten Zügellänge erziehen und einer aufrechten Handhaltung dienen. Ein Paar Reitbommel kosten 15 Euro. www.reitbommel.de

Dann kommt der Reitbommel zum Einsatz: Er ist auch zur Seite flexibel und ermöglicht es dem Reiter, die Hände breiter zu führen, mal nur eine Seite Bommel aufzunehmen oder auch beide Bommel wieder loszulassen. Sie sind am Sattel befestigt und stören nicht.

Die Reitbommel verhindern im Gegensatz zu den anderen Helfern zu hohe Hände. Für mich sind sie sehr angenehm, da ich etwas flexibler in der Zügelführung bin. Da mein Jungpferd noch keine ganz konstante Anlehnung hat, variiere ich die Zügellänge immer mal wieder während des Trainings. Das Zügelnachfassen ist mit dem Reitbommel einfacher als mit den anderen Hand-Helfern.

Auf dem Reitsimulator

Lady Ladina geht Dressur und Springen, braucht kein Futter und ist einfach perfekt: Sie ist extrem durchlässig, geradegerichtet und beherrscht alle Lektionen. Die Stute ist ein Reitsimulator und gehört Anja Schade (www.dressur-reitsimulator.de). Sie bietet in der Nähe von Frankfurt Sitzschulungen an.

Um die Helfer für die Hände messbar in der Praxis zu testen, schwinge ich mich auf das perfekt ausgebildete Vielseitigkeitspferd. Lady kann alle drei Gangarten in mehreren Tempi und misst mit Gewichtssensoren, ob der Reiter zentriert sitzt. In der Schenkellage gibt es jeweils drei Sensoren, die die Schenkelhilfen erfassen. Die Zügelsensoren am Maul zeigen, wie gleichmäßig und wie stark die Verbindung ist.

Trainingshilfe für Reiterhände
Sandra Polanetzki
Reitsimulator Lady hat an jeder Maulseite empfindliche Sensoren, die den Druck des Zügels messen und live auf dem Bildschirm anzeigen.

Darauf liegt heute unser Fokus: Wir möchten sehen, was sich verändert, wenn ich Gerte, Zauberstab und Co. in die Hand nehme. Lady deckt sofort auf: Meine rechte Hand ist etwas stärker als die linke. Das zeigen die Sensoren im Messdiagramm – und das ändern auch die Helfer nicht. Was die Sitzexpertin deutlich sieht, aber nicht direkt messen kann: Ich trage die Unterarme mehr und sitze stabiler. "Egal ob Gerte, Zügelbrücke, Reitbommel oder Zauberstab – alle bewirken, dass du dir deiner Hände bewusster wirst", sagt sie.

Mit dem Reitbommel gelingen mir Wendungen besser, weil die Hände stabiler geführt werden, doch Lady fällt mir im Galopp immer wieder aus, weil ich zu viel rückwärts wirke und ein generelles Sitzproblem verstärkt wird: "Du arbeitest im Galopp mit dem Oberkörper leicht gegen die Bewegung und lässt die Nickbewegung nicht genug aus dem Ellenbogengelenk heraus", stellt Anja Schade fest. Weil ich dadurch fester mit der Hand einwirke, schlagen die Zügelsensoren stärker aus.

Trainingshilfe für Reiterhände
Sandra Polanetzki
Beim Test kommt eine Dressurgerte mit 110 Zentimetern Länge zum Einsatz. Generell sollte die Gerte einen leichten Griff haben und gut ausbalanciert sein. Auch eine kurze Springgerte ist als Handhelfer zu empfehlen. Zwischen die beiden Daumen geklemmt, soll sie verhindern, dass der Reiter seine Hände verdeckt wie beim Fahrradfahren oder die Fäuste dauerhaft eindreht.

Gerte, Zweig und Zauberstab wirken ähnlich: Ich trage meine Unterarme mehr, der Winkel im Ellenbogen verändert sich so, dass Unterarme und Zügel eine Linie bilden. Ich schwinge freier aus dem Ellenbogen und sitze stabiler – auch als ich zum Schluss ohne Helfer reite: ein positiver Effekt der Helfer auf meine Hände.

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Sandra Polanetzki
Sitzexpertin Anja Schade erklärt, was die Sensoren messen. Zusätzlich wird der Reiter von allen Seiten live gefilmt.

Manchmal liegen Hand-Probleme gar nicht an den Händen selbst: "Unruhige Hände entstehen oft, wenn der Grundsitz nicht zügelunabhängig ist und Balance, Losgelassenheit sowie Eingehen in die Bewegung noch nicht aufeinander abgestimmt sind", sagt Anja Schade.

Steckt die Ursache im Sitz, hilft es daher wenig, nur die Hände zu korrigieren. Deswegen hat Anja Schade für mich noch weitere Tipps: Ich soll die Steigbügel unterm Ballen aufnehmen. So kann ich besser durch den ganzen Körper schwingen. "Wir überprüfen und optimieren die Basis und dekorieren dann weiter bis ins kleinste Detail – wie bei einer Torte", vergleicht Anja Schade.

Fazit: Neue Impulse

Die Helfer für die Hände haben alle eins gemeinsam: Sie bringen neue Impulse und holen Reiter aus ihren Mustern. Egal welcher Helfer, jeder hatte seine Vorteile und ich konnte in der Praxis problemlos alle Gangarten reiten. Alle Hand-Helfer verhinderten, dass ich meine Hände verdecke, sie haben meine Unterarme stabilisiert und ich bin mir meiner Hände bewusster geworden, da ich ein neues Gefühl am Zügel hatte. Der Reitsimulator bestätigte dieses Bild – außer bei den Reitbommeln. Da wollte Lady nicht galoppieren, weil ich mit meinen Händen rückwärts wirkte.

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Sandra Polanetzki
Reiten mit Naturgerten hat eine lange Tradition, die an der Spanischen Hofreitschule in Wien bis heute gewahrt wird. Die Reitschule nutzt Birkenzweige, doch ebenso eignen sich Haselnusszweige. Wichtig ist, dass der Zweig möglichst gerade und elastisch ist. Für den CAVALLO-Test kam ein Haselnusszweig zum Einsatz. Holzgerten eignen sich für Fans von natürlichen Materialien.

Auch für Reiteinsteiger können die kleinen Helfer gute Dienste leisten: Gerte, Zweig oder Zauberstab verhindern, dass der Reiter rückwärts wirkt, die Hände nicht auf gleicher Höhe hält, die Fäuste eindreht oder die Hände verdeckt. Dazu braucht der Reiter eine gewisse Balance im Sattel und sollte zunächst im Schritt reiten. Zudem sollte er leichttraben können, ohne sich festhalten zu müssen. Beim Reitbommel sehe ich die Gefahr, dass Anfänger sich in höheren Gangarten in den Sattel ziehen.

Generell gilt: Der Grundsitz und die Basis eines zügelunabhängigen Sitzes müssen stimmen, bevor an den Händen korrigiert wird. Feiner geht immer!

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2 / 2023

Erscheinungsdatum 18.01.2023

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