Standpunkt Trageschwäche Lisa Rädlein

Standpunkt Trageschwäche: Satteln? Nicht tragbar!

Standpunkt von Tarquin Cosack Sattelprobleme durch Trageschwäche

Viel zu oft werden Pferden Sättel angepasst, die gar keinen Reiter tragen können. Das erlebt Tarquin Cosack, Sachverständiger fürs Sattlerhandwerk.

Trageerschöpfung ist ein Thema, dem ich im Berufsalltag auf vielen Reitsportanlagen, in Offenställen und Reithallen begegne. Gerade bei "Freizeitpferden", welche ganze "Sattelodysseen" hinter sich haben, ist eine schwache Rumpftragemuskulatur einer der häufigsten Gründe, warum es zu vermeintlichen Sattelproblemen kommt.

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Standpunkt Trageschwäche
Standpunkt Trageschwäche Sattel? Nicht tragbar!
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Rücken trainieren statt neue Sättel probieren

Leider wird das weder erkannt noch weisen "Experten" im Zuge des Sattelverkaufs darauf hin. Denn der Verkauf eines neuen Sattels oder einer Unterlage ist schneller und besser abgewickelt, als den komplizierten Sachverhalt darzustellen, dass das Pferd an einer Trageerschöpfung leidet.

Hier müsste man darlegen, dass der Reiter/Pferdebesitzer sehr viel falsch gemacht hat und ihm seine Verantwortung aufzeigen, das Pferd erstmal nicht mehr zu reiten, um etwaige Langzeitschäden zu vermeiden. Hier zeigt sich das Gesicht unserer Gesellschaft, die lieber Symptome ruhigstellt, als ihren Ursachen auf den Grund zu gehen.

Das sogenannte "Freizeitpferd" soll ein belastbarer Allrounder sein. Es soll trotz teils fehlender reiterlicher Qualität und mangelhafter Ausbildung bei zwei bis vier Reiteinheiten in der Woche keine gesundheitlichen Schäden davontragen. Reelle "Versammlung" wird dabei oft nicht erarbeitet, da viele Reiter dem Trugschluss unterliegen, dass das nicht nötig sei. Sie würden "ja nur ins Gelände gehen und manchmal ein wenig auf den Platz".

Dies ist mitnichten so, denn evolutionär sind Pferde nicht geboren worden, um geritten zu werden. Daher liegt es in der Verantwortung eines jeden Reiters, für die Gesunderhaltung zu sorgen.

Tragfähige Allrounder verschwanden durch Zucht

Das heißt im Klartext: Durch die Ausbildung des Pferds muss eine Muskulatur aufgebaut werden, die den konkaven Rücken der Natur des Pferds in einen konvexen Rücken der Ausbildung transformiert und somit eine kräftige Oberlinie, einen kräftigen Rücken und eine aktive Hinterhand entstehen lässt. Das ist umso dringender, als die Pferdezucht der letzten Jahrzehnte die sehr tragfähigen und eher ländlichen Allrounder-Pferde zu Gunsten der Rittigkeit stark veredelt hat.

Hinzu kommt, dass Pferde meist in einem zu niedrigen Ausbildungsstand verkauft werden und dann der Freizeitreiter der ehrbaren Vorstellung unterliegt, dass er und sein Pferd sich zusammen ausbilden würden. Dies führt aber leider sehr häufig dazu, dass sich zwei Analphabeten gegenseitig das Schreiben und Lesen beibringen sollen. Natürlich gibt es großartige Gegenbeispiele, wie ich ausdrücklich erwähnen möchte. Diese investieren meist aber viel Zeit und Geld in die gemeinsame Ausbildung, welche konsequent über Jahre hinweg verfolgt wird.

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Hofsattlerei Cosack
Der Pferderücken nimmt nicht von Natur aus eine gesunde Tragehaltung ein. Vielmehr ist der Rücken nach unten gewölbt, besonders wenn sich das Pferd im Fluchtmodus befindet.

Wird bei der Ausbildung des Pferds jedoch versäumt, einen starken und tragfähigen Rücken (konvexe Oberlinie) auszubilden, wird das Skelett im Laufe der Jahre nachgeben und der Rücken sich zu einer konkaven Oberlinie abwölben. In der Folge sinkt der Rumpf zwischen den Vorderbeinen ab, die Dornfortsätze rücken näher zusammen, das Pferd kann das Reitergewicht nicht mehr tragen und leidet unter massiven Schmerzen.

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Hofsattlerei Cosack
Soll das Pferd Reiter und Sattel dauerhaft gesund tragen, muss es durch Ausbildung lernen, den Rücken aufzuwölben – wie etwa in der Dehnungshaltung und der Versammlung.

Die Rücken- und Bauchmuskulatur ist in ihrer Leistungsfähigkeit und Funktionalität erschöpft. Diese wird durch andauernde Überlastung, mangelhafte Ausrüstung und zu wenig an die Versammlung heranführende, gymnastizierende Arbeit nicht entwickelt, oft bildet sich stattdessen Kompensationsmuskultur (Kruppenmuskulatur im Lendenwirbelbereich) an den falschen Stellen.

Trageerschöpfung vs. Trageschwäche

Da Pferde kein Schlüsselbein haben, hängt der Rumpf in einer Muskelschlinge zwischen den vorderen Gliedmaßen. Er wird von verschiedenen Muskeln gehalten. Der Hauptrumpfträger heißt "gesägter Muskel". Die Aufgabe dieses Muskels ist, die Vorhand zu stabilisieren, den Rumpf zu tragen und anzuheben. Durch ein Nachlassen der Muskelspannung oder eine Untätigkeit der Muskulatur wird durch die Schwerkraft in Verbindung mit dem Reitergewicht der Rumpf viel leichter nach unten "durchsacken", als dass er sich durch die aktive Muskelarbeit anhebt.

Je nach individueller Einschätzung der Gesamtsituation und unter Berücksichtigung verschiedenster Faktoren unterscheide ich als Gutachter zwischen der Trageerschöpfung eines Pferds und einer Trageschwäche. Die Trageschwäche entsteht immer vor der Trageerschöpfung, da hier durch falsche und unzureichende Muskelaufbauarbeit und Reiterei sich die Muskelgruppen verspannen und versuchen kompensierend zu arbeiten, um die Wirbelsäule des Pferds zu schützen.

Daraus entwickelt sich schleichend eine Trageerschöpfung. Bei dieser kapituliert der Pferdekörper und die Rückenoberlinie senkt sich ab. Pferde, welche sich in einer Trageerschöpfung befinden, sollten aus Tierschutz-Gedanken heraus nicht mehr besattelt werden, denn der Rumpf zeigt im Regelfall einen "satteldachförmigen" Querschnitt, der Rücken ist schmal und fällt links und rechts des Widerrists ab.

Bei einem solchen Querschnitt erhöhen sich die seitlichen Kräfte, welche durch den Reiter auf dem Rücken lasten, deutlich. Diese Kräfte kann die schwindende oder verkrampfende Muskulatur nicht abfangen und wird weiter degenerieren.

Dachförmige Rücken gehören nicht gesattelt

Weiterhin kann der Sattel im Bereich einer atrophierten Trapezmuskulatur stark quetschen. Wird er in diese Löcher hinein angepasst, liegen die Sattelkissen wie Bälle in der Kontur des Pferds, und der Druck des darüberliegenden Kopfeisens wird durch die reduzierte Kontaktfläche (eher rund als flach) enorm erhöht.

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Stappenbeck
Kompensationsmuskulatur im Lendenwirbelbereich wirkt wie ein Karpfenrücken.

Dies war schon den alten Regimentssattlern der deutschsprachigen Kavallerie bekannt. Diese passten keine Sättel an Pferde an, welche bei der Verwendung des damaligen Messinstrumentes für die Kammerweite unter einer Kammer von 27 lagen, also einen stark dachförmigen Rücken aufwiesen.

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Stappenbeck
Auf einem Senkrücken wird der Sattel mittig hohl liegen.

Wer meint, Geld für einen Sattel in die Hand nehmen zu wollen, gerät heute jedoch leider oft an fahrende Sattelhändler oder kauft im bekannten Reitportgeschäft, wo meist noch eine Unterlage zur Vertuschung des Problems mitverkauft wird. Fachleute (gelernte Sattler und keine selbstberufenden Schnellkursteilnehmer) mit entsprechender Fachexpertise und ehrlichen Aussagen, die auch noch Ahnung von Anatomie und Biomechanik haben, gibt es nur noch sehr sehr wenige. Letztere "Lehrfächer" müssen nämlich selbst vom gelernten Sattler berufsbegleitend belegt werden.

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Lisa Rädlein
Passt man einen Sattel in Löcher hinter den Schultern an, verstärkt er sie.

Ob der Sattelverkäufer will oder nicht: Ein neuer Sattel oder das Anpassen des vorhandenen Sattels wird das Symptom der Trageerschöpfung nie beheben. Das Wiederherstellen der korrekten muskulären Funktionen und das Üben gesunderhaltender Bewegungsabläufe dauert und benötigt Geduld.

Sollte ein Pferd aus den verschiedensten Gründen aus der Trageschwäche oder gar Trageerschöpfung nicht mehr herausgebracht werden können und dennoch weiter geritten werden, dann wird in 99 Prozent der Fälle lediglich eine Vollmaßanfertigung des Sattels mit einer möglichst großen Auflagefläche die Schmerzen für das Pferd lindern können. Diese kosten dann meist über 6.000 Euro – und das Geld wäre sicher erstmal bei der Therapie des Pferds besser aufgehoben, da selbst diese Vollmaßanfertigungen immer wieder Probleme verursachen können, die nicht mit einer mangelhaften Passform, sondern einem "Burn-out" des Pferds zusammenhängen.

Der Experte

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Tarquin Cosack ist Sattlermeister und betreibt im Sauerland nahe Arnsberg die eigene Hofsattlerei Cosack.

Tarquin Cosack ist Sattlermeister und betreibt im Sauerland nahe Arnsberg die eigene Hofsattlerei Cosack. Er ist zudem als freier Sachverständiger und Gutachter für das Sattlerhandwerk tätig. Cosack ist leidenschaftlicher Reiter. (sattel-gutachter.de)

Merkmale einer Trageerschöpfung in der Sattellage

Ein trageerschöpftes Pferd, welches längerfristig geritten wird, zeigt dies einer erfahrenen Person bereits anhand von Exterieurmerkmalen und Verhalten sowie unter anderem folgenden Veränderungen der Sattellage:

  • Es entsteht eine abgesenkte Oberlinie bis hin zu einem Senkrücken
  • zurückbildende Rückenmuskulatur
  • Der Widerrist ragt heraus
  • Löcher neben dem Widerrist
  • tiefe Kuhlen hinter den Schulterblättern
  • Der Lendenbereich wird stark verspannt und ist zudem meist aufgewölbt (wirkt wie ein Karpfenrücken)

Folgen einer Trageerschöpfung

Folgende Veränderungen der Biomechanik und Sattel-Probleme können bei Trageerschöpfung entstehen. Diese werden allerdings sehr häufig einem Mangel in der Passform des Sattels zugeschrieben:

  • Keine lockere, fließende Bewegung aus der Vorderhand. Die Tritte werden kurz.
  • Durch die verspannte Lende und fehlende Muskulatur ist eine Schwungübertragung von hinten nach vorne nicht mehr möglich. Der Reiter kann meist nicht mehr aussitzen.
  • Durch eine verspannte Brustmuskulatur (Kompensation) äußern die Pferde häufig einen Gurtzwang.
  • Durch den absinkenden Rumpf wird ein großes Nervengeflecht mitunter stark eingeengt. Dieses Nervengeflecht versorgt unter anderem den Schulterblattbereich. Hier können Irritationen wie Muskelzucken am Widerrist bei Berührung entstehen. Das Pferd wirkt "kitzelig".
  • Der Sattel rutscht aufgrund der Oberlinie gern nach vorn auf die Schulter
  • Der Sattel sinkt in die Löcher hinter den Schulterblättern (Atrophien) ein und verhindert weiteres Aufmuskeln. Hierdurch verschiebt sich der Schwerpunkt des Sattelsitzes nach vorne und die Pferde laufen zum überwiegenden Teil auf der Vorhand.
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