Lisa Rädlein

Schätze aus Egon von Neindorffs Bibliothek

Aus der Bibliothek Egon von Neindorffs: Teil 8 Früher war alles besser?

Warum das Vorwort einer alten Reitlehre richtig spannend sein kann und es uns so oft wieder in die Gegenwart führt.

CAVALLO-Redakteurin Nadine Szymanski hütet den Schatz der Redaktion: die Privatbibliothek des 2004 verstorbenen Reitmeisters Egon von Neindorff. Über 50 Jahre lang vermittelte er an seinem Reitinstitut in Karlsruhe sein Wissen über die klassische Reitkunst und kämpfte für die korrekte Ausbildung von Pferd und Reiter.

Lisa Raedlein

Hört sich wahnsinnig gut an, dieses Versprechen einer Reitlehre aus dem 19. Jahrhundert: Sie will die Reitkunst "in ihrem ganzen Umfange" nach "rasch und sicher zum Ziele führenden Methode" vermitteln. Gekauft, oder?

Natürlich fallen wir Reiter nicht mal eben auf so einen tollen Werbeslogan rein. Denn eines wissen wir ganz genau: Die Theorie in den Büchern ist grau, aber die Praxis im Sattel …hoho! Die nämlich ist an manchen Tagen auch mal tiefnachtschwarz und an anderen wiederum rosahimmelblau. Und dann gibt es noch ganz viel dazwischen, vielleicht vergleichbar mit Zebrastreifen: weiß (gut, toll!) und schwarz (äh, nein, das war jetzt nix).

Reiten ist zwar das schönste Hobby der Welt, aber es ist leider auch genauso schön schwierig. Das wusste aber auch der Autor des so vielversprechenden Buchs "Pferd und Reiter oder die Reit- kunst in ihrem ganzen Umfange". Denn Theodor Heinze schreibt: "Die Reitkunst (…) ist nicht so leicht gründlich zu erlernen (…). Im Gegenteil, sie setzt sogar (…) manche körperliche, manche geistige Anlage voraus, die so manche andere Kunst oder Wissenschaft in dieser Vereinigung nicht bedarf (…)."

Auf Heinzes Reitlehre möchte ich nicht genauer eingehen. Sie ist, wie angekündigt, sehr umfangreich und beschreibt die Pferdekunde, das Reiten und das Ausbilden von Pferden in allen klassischen Facetten. Was mich an alten Reitlehren, die nicht ganz so bekannt und wegweisend sind, besonders fasziniert, sind die Vorworte. Was hat den Verfasser bewogen, eine Reitlehre zu veröffentlichen?

Auffallend häufig lese ich viel Frust heraus: Die Reitkunst ist nicht mehr die, die sie sein sollte und die Reiter haben es einfach nicht drauf. So schreibt Thoedor Heinze etwa, dass ihm "gerade in der Jetztzeit ein umfassendes Werk über die edle Reitkunst ein wahres Bedürfnis sei, gegenwärtig, wo (…) eine leider nur zu sehr überhand nehmende Halbwisserei und Mittelmäßigkeit, eine bloße Kunstständelei ihr eitles Haupt immer anmaßender (…) erhebt und jene echte Kunst immer mehr und mehr zurückzudrängen bestrebt ist."

Tja. Da wollen wir uns wieder auf alte Werte besinnen. Doch auch damals gab es wie heute viele Reiter, denen schneller Erfolg im Sattel wichtiger war, als sich selbst und das Pferd korrekt und nach Lehrbuch auszubilden. Was bringt uns diese Erkenntnis?

Meine Meinung dazu: Niemand ist perfekt. Wir werden nie aufhören zu lernen. Fehler gehören dazu und sind nicht schlimm. Wichtig ist doch allein, dass wir uns Mühe geben. So wie Heinze es formuliert hat: Der Reiter muss geduldig und aufmerksam sein, es muss ihn das "lebhafte Gerechtigkeitsgefühl beherrschen" – und, das Allerwichtigste, er "bedarf der Liebe zum Pferde". Die alleinseligmachende, rasch und sicher zum Ziel führende Methode gibt es sicher nicht. Auch wenn wir uns das oft wünschen würden.

Kurz-Info zum Buch:

Die Reitlehre "Pferd und Reiter oder die Reitkunst in ihrem ganzen Umfange" von Theodor Heinze erschien 1863. Sie besteht aus drei Teilen. Im ersten Buch geht es um die Pferdekunde, im zweiten um die Reitkunde und im dritten um die Abrichtungskunde, also die Ausbildung des Reitpferds. Das Buch ist nur derzeit vereinzelt im gebrauchten Zustand erhältlich.

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