Lisa Rädlein

Schätze aus Egon von Neindorffs Bibliothek

Aus der Bibliothek Egon von Neindorffs: Teil 3 Gut geputzt ist halb gefüttert

Vor über 100 Jahren fand man heraus, dass Fleischmehl ein tolles Pferdefutter ist und Putzen nur was bringt, wenn man dafür die Ärmel hochkrempelt.

CAVALLO-Redakteurin Nadine Szymanski hütet den Schatz der Redaktion: die Privatbibliothek des 2004 verstorbenen Reitmeisters Egon von Neindorff. Über 50 Jahre lang vermittelte er an seinem Reitinstitut in Karlsruhe sein Wissen über die klassische Reitkunst und kämpfte für die korrekte Ausbildung von Pferd und Reiter.

Lisa Raedlein

Wer keine Reithalle hat, freut sich über einen modernen Platz mit Textilschnitzelbelag. Allwetter-Reitplatz nennt man das heute. Haben Sie auch nicht? Dann probieren Sie im kommenden Winter doch mal den Tipp von Carl Gustav Wrangel aus seinem "Buch vom Pferde": Laden Sie die Äpfel Ihres Lieblings nicht auf dem Misthaufen ab, sondern verteilen Sie den Inhalt Ihrer vollen Karre auf dem Reitplatz. "Denn in den Rennställen werden die Pferde, wenn Frost herrscht, auf großen zirkelrunden, mit Stroh und Pferdedünger belegten Bahnen bewegt", erklärt der Autor 1895.

Wrangel hat auf 700 Seiten erstaunliche Dinge über die Fütterung, Pflege und Haltung von Pferden zusammengetragen. So berichtet er von Studien zu Fleischmehl und trockenem Blut als kräftigendes Zusatzfutter: In Brot verbacken, machten diese Zutaten geschwächte Renn- und Militärpferde wieder rund und gesund. Die Erfolge waren so groß, dass Stallmeistern empfohlen wurde, die "animalische Fütterung" einzuführen.

Übrigens kannten Pferdefreunde damals den Spruch "Gut geputzt ist halb gefüttert". Der Autor mahnt, das Putzen "als wichtigen Bestandteil der Gesundheitspflege" nicht zu vernachlässigen. Sie haben ein schmutziges Pferd und gehen ins Fitness-Studio? Dann machen Sie etwas falsch. Legen Sie bitte ab morgen "alle überflüssigen, die freien Bewegungen des Oberkörpers hindernden Kleidungsstücke" ab: "Also weg mit der unsportmäßigen Bekleidung. Gegen Erkältung ist man bei fleißigem Putzen auch in Hemdärmeln geschützt."

Gut gefüttert und porentief gereinigt ist nach Carl Gustav Wrangel in der Pferdehaltung jedoch nur die halbe Miete. In einer Hinsicht ist der Autor überraschend fortschrittlich. Er fordert frische Luft und Bewegung, am besten "täglich wenigstens einige Stunden", für kräftige Lungen, Hufe, Muskeln und Sehnen sowie einen gesunden Appetit: "Auch im Winter tut es Pferden sehr gut, sich, wenn andere Bewegung nicht zu erreichen ist, draußen im Schnee herumzutummeln." Dabei sei jedoch darauf zu achten, dass die Pferde nicht nur herumstehen. Im österreichischen Staatsgestüt Piber beobachtete er ein Geschehen, das ihm gut gefiel: "Ich sah ein altes zahnloses Weib damit beschäftigt, einen ganzen Haufen Fohlen mittels einer langen Gerte in ununterbrochener Bewegung zu halten."

Alleine war Wrangel mit seiner Meinung damals, vor über 100 Jahren, wohl nicht: Beim Blättern durch die Seiten stechen mir zwei Zeichnungen ins Auge, die mir bekannt vorkommen. Sie zeigen englische Gestütsstallungen. Die sehen aus wie Paddockboxen, mit richtig viel Platz für jedes Pferd – wenn auch ohne Sichtkontakt zu Artgenossen.

Wie schade, dass solche Haltungskonzepte so vergessen waren, dass erst seit wenigen Jahren wieder Ställe gebaut werden, in denen Pferde Licht und Luft genießen und ihre Freunde sehen können. In den alten Büchern findet sich doch immer etwas Gutes.

Kurz-Info zum Buch:

"Das Buch vom Pferde" von Graf Carl Gustav Wrangel erschien 1895 und ist etwa 700 Seiten dick. Über 600 Ab bildungen zeigen, wie Pferde vor über 100 Jahren gefüttert, gepflegt, versorgt, bewegt und gehalten wurden. Vieles erstaunt, manches erschüttert. Das Buch ist als Neuauflage erschienen bei Hansebooks, ISBN 978-3-743-32138-0 und kostet 40,90 €.

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