Tiermedizin für jedermann Lisa Rädlein

Schätze aus Egon von Neindorffs Bibliothek

Aus der Bibliotek Egon von Neindorffs: Teil 5 Tiermedizin für jedermann

Schon vor 200 Jahren gab es Alternativmedizin für Tiere. Sie denken an skurrile Heilmethoden? Von wegen: Es ging überraschend modern zu!

CAVALLO-Redakteurin Nadine Szymanski hütet den Schatz der Redaktion: die Privatbibliothek des 2004 verstorbenen Reitmeisters Egon von Neindorff. Über 50 Jahre lang vermittelte er an seinem Reitinstitut in Karlsruhe sein Wissen über die klassische Reitkunst und kämpfte für die korrekte Ausbildung von Pferd und Reiter.

Lisa Raedlein

Hätten Sie gedacht, dass die Homöopathie ihren Ursprung am Ende des 18. Jahrhunderts hatte? Ich nicht! Die ersten Globuli-Kügelchen kullerten in meine Hand, als mein Reitbeteiligungspferd Lucky eine Schramme hatte. Luckys Besitzerin hatte mich beauftragt, dem Tier Arnica-Globuli zu geben. Das klappte zu meiner Begeisterung hervorragend: Unterlippe nach vorne ziehen, Kügelchen draufstreuen, Unterlippe zurückschieben, fertig. Pferd sah zufrieden aus. Schmecken ja auch schön süß (habe sie inzwischen selbst probiert).

Zurück zur Historie: Samuel Hahnemann veröffentlichte 1796 den ersten Aufsatz über das Prinzip der Homöopathie: Ähnliches möge durch Ähnliches geheilt werden. Das heißt: "Wähle eine Arznei in äußerst kleiner Gabe, von welcher du weißt, dass sie in größeren Gaben bei Gesunden ein ähnliches Leiden erregen kann, als sie bei dem Kranken heilen soll."

Die neue Heilmethode sprach sich schnell herum; die Mittel konnten bei homöopathischen Apotheken bezogen werden. Vor allem auf dem Land, wo kein Arzt in der Nähe war, wurde sie gerne angewendet – auch bei Tieren.

In dieser Zeit verfasste der Tiermediziner Friedrich August Günther ein "Hülfsbuch" für alle, "die an den Haustieren am häufigsten vorkommende Krankheiten schnell, sicher und wohlfeil selbst heilen wollen". Der erste Teil: "Die Krankheiten des Pferdes". Von "Abmagerung" bis "Zwanghuf" nennt der Autor für alle erdenklichen Beschwerden die passenden flüssigen Essenzen und Tinkturen, die nach seiner Ansicht schneller wirken als die "Streukügelchen". Auch Arnica, als Erste-Hilfe-Mittel bei Verletzungen bekannt, wird in dem Buch häufig empfohlen, zum Beispiel unter "Satteldruck" oder "nach dem Verluste eines Eisens".

Sogar unter "Beinbruch" stoße ich auf Arnica. Der Autor berichtet von seinem "ziemlich gut gelungenen Versuch", ein Pferd mit einem gebrochenen Bein zu heilen, indem er ihm Schienen anlegte und leere Säcke unter seinem Bauch durchzog, die er mit Gurten an der Stalldecke befestigte, um das Tier "in einer halb schwebenden Stellung" zu halten. Am ersten Tag bekam das Pferd Arnica, danach Symphytum (das noch immer dafür bekannt ist, die Heilung von Knochenbrüchen zu unterstützen).

Hängen bleibe ich beim Stichwort "Heißhunger". Gibt es da vielleicht ein tolles Mittel für meinen Vielfraß auf vier Hufen, der für ihn vermeintlich fressbare Dinge schneller im Maul hat als ich gucken kann? Nein, gibt es nicht, aber dafür etwas zum Schmunzeln: Bei einem Pferd, das, wenn es "kaum aus dem Stalle gezogen worden ist, plötzlich seine Dienste versagt, und durch keine Strafe aus der Stelle zu bringen ist, bis man ihm einen Bissen Brot oder ein wenig Heu reicht", rät Friedrich August Günther dazu, Pulsatilla zu geben. Damit sei "das Ganze leicht zu beseitigen". Pulsatilla nimmt man heute unter anderem bei Magenverstimmungen durch Überessen. Ein homöopathischer Appetitzügler? Hm. Ich gestehe: Wenn es ums Essen geht, finden mein Pferd und ich homöopathische Dosen ziemlich frustrierend.

Kurz-Info zum Buch:

"Der homöopathische Tierarzt" wurde 1839 von Friedrich August Günther veröffentlicht. Der Tiermediziner richtete in seinem Haus die erste homöopatische Apotheke für Tiermedizin in Thüringen ein. Die war fast so etwas wie ein Online-Shop, denn er verschickte seine Medizin in viele Länder. Sein Buch erschien in 20 Auflagen und wurde in mehrere Sprachen übersetzt. Heute ist es noch nur in Antiquariaten erhältlich.

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