Annika Schleu und Saint Boy Getty Images, PEDRO PARDO

Nach Verweigerung: Pferd im Olympia-Parcours drangsaliert

Annika Schleus Drama im Fünfkampf-Springparcours Starre Regeln und Ehrgeiz gegen Tier und Mensch

Der Moderne Fünfkampf in Tokio artete aus in einen scheußlichen Zweikampf: Reiterin Annika Schleu versuchte mit Gerte und Tränen im Gesicht, Pferd "Saint Boy" zum Springen zu bewegen. Eine Tortur vor allem fürs Pferd, aber auch für die Reiterin. Solche Szenen darf es im Sport mit Tieren nicht geben. Ein Kommentar.

Welchem Reiter bricht es nicht das Herz, diese Szenen zu sehen? Eine tränenüberströmte Annika Schleu versucht mit heftigem Gerteneinsatz, das verweigernde Pferd "Saint Boy" doch noch zum Springen zu bewegen. Der rennt nur noch rückwärts, bockt und setzt zum Steigen an, drückt den Unterhals durch, ist schweißgebadet. Eines ist klar: Weder in ihrer noch in seiner Haut möchte man stecken, am liebsten würde man die Situation sofort beenden. Doch Trainerin Kim Raisner fordert vom Rand des Parcours: "Weiter, weiter" und skandiert: "Hau mal richtig drauf, hau richtig drauf". Sie selbst boxt das Pferd über den Zaun hinweg mit der Faust in die Flanke. Schließlich bringt Schleu das Pferd doch noch in Gang, vier Hindernisse nimmt das unglückliche Paar, dann verweigert "Saint Boy" wieder. Es fallen Stangen, eine dritte und vierte Verweigerung folgen. Damit ist Annika Schleu eliminiert, aus der Traum von einer womöglich goldenen Medaille.

Es war ein Unglück mit Ansagen, denn schon zuvor verweigerte das Pferd unter einer anderen Reiterin, die für das Russische Olympische Komitee startete, dreimal. Jedes Pferd startet im Modernen Fünfkampf mit zwei Reitern, die Pferde werden zugelost. Ein Ersatzpferd zu wählen ist möglich, allerdings nur, wenn die zuvor eliminierte Reiterin vier Verweigerungen hinnehmen musste. Tragisch in diesem Fall: Vorreiterin Gulnas Gubauidullina zählte nur drei Verweigerungen, denn nach der dritten war es ihr nicht einmal mehr möglich, einen weiteren Sprung anzureiten. "Das Pferd will jetzt nur noch raus, das sagt, mach deinen Parcours doch alleine", so ein Kommentator.

Reiten verlangt innere Reife – die Trainerin versagte schwer

Mit genau diesem Pferd jedoch musste Annika Schleu erneut starten – aufgrund starrer Regeln, die gegen das Tierwohl verstoßende Situationen geradezu herausfordern. Doch noch etwas ist klar: Man kann diesen Vorfall nicht allein auf die Regeln schieben. Wer Sport mit Pferden betreibt, braucht innere Reife. Genau die fehlte Annika Schleu, als sie angesichts des drohenden Medaillen-Verlusts in Tränen ausbrach und auf Teufel komm raus den Parcours reiten wollte. Freiwillig zu verzichten wäre dem Pferd gegenüber fair gewesen. Doch viel schwerer als die Verfehlung der 31-Jährigen wiegt die ihrer Trainerin: Kim Raisners Job sollte sein, ihre Sportlerin Sportsgeist zu lehren und nicht, sie zusätzlich unter Druck zu setzen. Das Tier diente dabei nur als Mittel zum Zweck, das zu funktionieren hatte, mit egal welchen Methoden.

Das Setting im Modernen Fünfkampf kommt dem Sportgeräte-Modus dabei entgegen. Die Reiter kennen das zugeloste Pferd nicht, haben kaum Zeit, sich auf das Tier einzustellen. Wer behauptet, im "normalen" Spring- und Dressursport sähe man nur harmonische Paare, liegt zwar falsch. Dennoch besteht hier immerhin die Chance, dass Pferd und Reiter zusammenwachsen, ehe sie sich zusammen so großem Druck aussetzen. Eine Debatte über die Regeln des Modernen Fünfkampfs und auch darüber, ob Reiten dazugehören sollte, ist unausweichlich. Reiten ist eben nicht eine Disziplin von vielen, sondern eine Lebenseinstellung. Szenen wie diesen Zweikampf jedenfalls darf es im Sport mit Tieren nicht geben – denn der Respekt vor dem Pferd muss schwerer wiegen als die Goldmedaille. 

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