Lisa Rädlein
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Das reitende Klassenzimmer

Reiten als Schulfach Das reitende Klassenzimmer

Da steht ein Pferd vor dem Flur: An der Schmiechtalschule reiten die Kinder vom Schulhof aus los. Über ein ganz besonderes Therapieangebot.

Elena kann sich gerade nicht entscheiden. "Welches Pferd möchtest du reiten?", fragt Bernhard Lüer die 17-Jährige. Sie überlegt kurz. Dann zeigt sie auf die weiße Stute. Dem kleinen Max ist es ganz recht, dass er somit auf das schwarze Pferd darf. Und Teenager Lukas lässt den anderen gerne den Vortritt. Er fühlt sich inzwischen ohnehin in der Rolle des Pferdeführers am wohlsten. Damit wäre die Zusammenstellung des ersten Reitergrüppchens wohl für alle durchaus zufriedenstellend geklärt.

Elena, Max und Lukas gehen auf die Schmiechtalschule in Ehingen an der Donau. Dort werden geistig- und körperlich behinderte Kinder und junge Erwachsene im Alter von sechs bis 22 Jahren unterrichtet. Das Highlight ihres Stundenplans erwarten die Schüler Woche für Woche sehnsüchtig. Jeden Mittwochnachmittag wird Reiten angeboten. Das Besondere: Die Schüler fahren nicht zu den Pferden, sondern die Pferde fahren zu ihnen. Als der Pferdeanhänger direkt vor der Schule parkt, stehen die ersten Kinder schon auf der Matte.

Zwei ältere vierbeinige Damen reisen an

Auf die leuchtenden Kinderaugen freut sich Therapeut Bernhard Lüer, wenn er die Ladeklappe seines Hängers öffnet. Die Stuten La Perla und Anola sind rüstige ältere Damen und echte Profis in ihrem Geschäft. "Komm", ruft Lüer der Schimmelin La Perla zu, die seelenruhig und sicher Schritt für Schritt die Rampe zu ihm hinuntersteigt. Ihre Kollegin, die schwarze Anola, steigt auch von alleine aus. Den Job an der Schule machen die Pferde seit 2012. Dafür sind sie jeden Mittwoch rund 45 Minuten unterwegs. Solange dauert die Fahrt von ihrem Heimatstall in Laichingen bei Ulm.

Die Therapiepferde brauchen viel Vertrauen

Die Pferde sind Fahrten und ungewöhnliche Einsätze gewohnt. Bernhard Lüer ist Berittführer FN und Sozialpädagoge mit Zusatzausbildung im heilpä- dagogischen Reiten. Er bietet nicht nur pferdgestützte Therapien an, sondern auch Wanderritte auf der schwäbischen Alb. Und immer mal wieder besucht er ein Ritterturnier, um zu Pferd an einer Show teilzunehmen. Besonders Lipizzanerstute Anola ist ihm in allen Lebenslagen eine zuverlässige Partnerin. Sie geht für Lüer als Ritterross sprichwörtlich durchs Feuer und überall sonst hin, wohin er sie bittet. Sich auf seine Pferde verlassen zu können, ist Grundlage für seine therapeutische Arbeit, sagt Lüer. "Ich kann nicht jede Situation, die auf uns zukommen könnte, üben", erklärt er. "Aber ich kann meinen Pferden so viel Vertrauen geben, dass sie wissen, ihnen passiert nichts, wenn ich da bin."

Das glauben wir ihm sofort. Bernhard Lüer ist die Ruhe selbst, ein eher stiller Beobachter, der Kinder und Pferde stets im Blick hat. Ab und an legt er eine Hand auf Anolas Kruppe. "Sie ist die Leitstute und passt immer auf, dass alles in Ordnung ist. Wenn ich das Gefühl habe, es wird anstrengend für sie, kann ich sie mit dieser Geste beruhigen."

Pferde helfen, Barrieren zu überwinden

Was macht diese Therapie mit Pferden so besonders? "Unsere Schüler sprechen auf die Tiere sehr gut an. Sie öffnen sich und entspannen", so Andrea Unseld, Lehrerin an der Schmiechtalschule. Lüer ergänzt: "Über die Tiere finden wir Therapeuten einen anderen Zugang zu den Menschen als über unsere Sprache, die eine Barriere sein kann."Ein Erfolgsbeispiel aus seiner Praxis: Ein junger Mann hatte seinen Lebenswillen verloren und sich aufgegeben. Nach einem halben Jahr pferdgestützter Therapie begann er eine Ausbildung und zog in eine neue Wohnung. Dennoch: Anerkannt ist die Reittherapie von den gesetzlichen Krankenkassen nicht. Für die Schüler der Schmiechtalschule wird das Angebot von einem Förderverein getragen.

Ein Segen für die jungen Reiter, die ihr Glück nicht zwischen den vier Wänden einer Reitbahn erleben. Der kleine Tross zieht mitten durchs Dorf und über die umliegenden Felder. "Das Erlebnis in der Natur und die vielen Außenreize können schon viel bewirken", sagt Bernhard Lüer. Max auf "seiner" Stute Anola strahlt und reckt den Arm in die Höhe. Er scheint die ganze Welt zu grüßen.

Kontakt

Bernhard Lüer ist Berittführer FN und Sozialpädagoge mit Zusatzausbildung im heilpädagogischen Reiten. Er ist vor Kurzem nach Külsheim im Main-Tauber-Kreis gezogen. Dort bietet er pferdgestützte Therapien und Wanderreiten an. www.pferdegestütztetherapie.com

Das Pferd als Therapeut

Sowohl der Umgang mit dem Pferd als auch das Reiten können Verhalten, Psyche und Motorik von Kindern und Erwachsenen positiv beeinflussen. Zu den Therapiemöglichkeiten gehören: Hippotherapie, Heilpädagogische und Pädagogische Förderung mit dem Pferd, Pferdgestützte Psycho- therapie und die Ergotherapeutische Behandlung mit dem Pferd. Informationen: www.dkthr.de

Film zum Thema: Der Film "Stiller Kamerad" ist eine emotionale Doku über Soldaten der Bundeswehr, die mit einer von Pferden gestützten Trauma- therapie ihre Kriegs- erinnerungen verarbeiten. Als Stream online erhältlich (z. B. unter www.kino-on-demand.com, www.amazon.de) oder als DVD unter www.stillerkamerad.de

Einfach nur da sein, das möchte der Therapeut für seine Tiere und für die Kinder, sagt er. Mit Anleitungen hält er sich bewusst zurück. Die Kinder sollen sich aufs Pferd einlassen können. "Es ist etwas anderes, wenn ich jemandem sage, er soll sich auf den Pferderücken legen, als wenn er unter einem Baum entlangreitet. Therapie bedeutet, Menschen Hilfestellung zu geben, damit sie selbst ihren Weg finden."

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