Pferdebetriebe in Not
Flut in Deutschland
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Enorme Solidarität in der Hochwasserkatastrophe

Pferde und Reitställe als Opfer der Flut Enorme Solidarität in der Hochwasserkatastrophe

Viele Reitställe sind hart von der Hochwasserkatastrophe getroffen. Pferde mussten aus brusthohem Wasser gerettet werden, wurden im Wald oder beim Nachbarn in Sicherheit gebracht. Ein Lichtblick: Die große Solidarität und Hilfsbereitschaft.

Zehn Minuten vor der Flut dachte Natalie Jacobi vom Reitstall Rosenblatt, einem Schulbetrieb in Erftstadt-Köttingen (Nordrhein-Westfalen) noch, dass bei ihnen nichts passiert. Gerade wollte sie losfahren, um in anderen Ställen zu helfen. Kurz darauf stand alles unter Wasser. Weil auch noch der Damm der Steinbachtalbrücke im Kreis Euskirchen zu brechen drohte, mussten die Menschen den Hof auf Anweisung der Feuerwehr sofort verlassen. Die Pferde konnten sie erst später retten. "Die standen teilweise bis zum Bauch im Wasser und haben gezittert. Wir haben auch ältere Pferde, deren Kreislauf hätte das nicht mehr lange mitgemacht", berichtet Natalie Jacobi von den dramatischen Zuständen. Dank vielen Helfern konnten alle Pferde in sichere Ställe in der Umgebung gebracht werden. "Aus allen Richtungen kamen Autos mit Anhängern, zehn Gespanne waren im Einsatz", berichtet Natalie Jacobi. "Man hat sich in den Ställen um jedes einzelne Pferd so gut gekümmert, und keiner wollte einen Cent dafür haben. Das ist in Gold nicht aufzuwiegen, was die Leute für uns getan haben."

Pferde in NRW nachts durch brusthohes Wasser evakuiert

Sowohl Reiter als auch Menschen, die mit Pferden sonst gar nichts zu tun haben, halfen mit. So ging es Mara Schimikowski: Ihren kleinen Stall mit acht Pferden nordrhein-westfälischen Swisttal-Miel musste sie in der Katastrophennacht von Mittwoch auf Donnerstag komplett evakuieren. In einer Nacht- und Nebelaktion brachten die Einsteller die Pferde durch brusthohes Wasser nach draußen. Ein Nachbar stellte sein Gelände für die Tiere zur Verfügung. Über Facebook meldeten sich Helfer aus dem Umkreis bei Mara Schimikowski, 15 Personen halfen am Wochenende nach der Flut bei den Aufräumarbeiten. Noch mehr, auch von weiter weg, wären bereit gewesen, doch Schimikowski wollte die Straßen wegen der laufenden Evakuierungen nicht verstopfen.

Reiter helfen, suchen vermisste Pferde und spenden

Über die sozialen Netzwerke formierte sich viel Hilfe, private Posts zu vermissten Pferden oder Hilferufe aus überfluteten Ställen wurden hundertfach geteilt. Auch CAVALLO startete auf Facebook einen Aufruf, unter dem sich hilfesuchende und hilfswillige Pferdemenschen zusammenfinden konnten. Zahlreiche User boten ihre Hilfe in Form von Stellplätzen für Pferde, als Fahrdienst oder Helfer an. "Die Empathie unter den Reitern war sehr groß, denn jeder Reiter kann sich vorstellen, wie es ihm in so einer Situation ginge", sagt Psychologin Prof. Kathrin Schütz. "Das hat emotional sehr stark berührt und dadurch auch große Hilfsbereitschaft ausgelöst".

Pferdeställe wurden zur Sammelstelle für Hochwasserspenden

Viele Sach-, Futter- und Geldspenden gingen an Betroffene. Natalie Jacobi erhielt für ihre Reitschule zum Beispiel Sand, um die Paddocks wieder aufbauen zu können. Die Hilfsorganisation Equiwent lieferte Futterspenden lasterweise aus, 13 LKW kamen Stand 19. Juli bereits an. Auch die Burg Satzvey in Mechernich im Kreis Euskirchen (NRW) wurde zur Sammelstelle für Futter- und Sachspenden, nachdem auf dem gefluteten Gelände die Wege wieder zugänglich waren. Zuvor musste Patricia Gräfin Beissel ihre eigenen Pferde von dort evakuieren. "Wir haben uns entschieden, sie in den Wald zu bringen, dort gibt es auf einer Anhöhe eine Wiese. Da haben wir provisorisch Paddocks aufgebaut", berichtet Beissel, die normalerweise Kurse, zum Beispiel für Feuertraining mit Pferden, anbietet. "Viele Freunde und Leute, die schon bei Kursen dabei waren, haben uns geholfen", berichtet sie.

Das Hochwasser macht Pferdeställe unbewohnbar

Noch sind ihre Pferde in anderen Ställen untergebracht, die Aufräumarbeiten laufen. Pferde aufgenommen hat auch Sinah Hartkopf aus Wermelskirchen. Zwei kommen aus dem stark betroffenen Erftstadt, kurz bevor die Situation dort eskalierte begleitete eine Polizeisekorte sie auf dem Weg in das sichere Domizil. Drei Stunden dauerte die Fahrt, die sonst in einer zu schaffen ist. "Die Pferde waren sehr aufgeregt, als sie hier ankamen", berichtet Hartkopf. Mindestens eine Woche werden die Pferde wohl noch bleiben, denn in Erftstadt ist Öl und Benzin auf die Wiesen gekommen. Ein weiteres Pferd aus Leichlingen kam erst in den Tagen nach der Katastrophe an. Auf dem Reitplatz des Heimatstalls werden Schutt und Sperrmüll aus den Fluten gelagert. Jetzt wo alles trocknet, stauben die Mülleberge, es herrscht erhöhte Brandgefahr. Wie lange das Pferd bleibt, ist noch offen. Auf dem Reiterhof Rosenblatt von Natalie Jacobi konnten die Pferde dagegen bereits wieder nach Hause zurückkehren. "Ohne die viele Hilfe wären die Pferde noch lange nicht zurück", sagt sie.

Sie wollen helfen? Viele Reitställe sind stark beschädigt, manche wurden komplett zerstört. Die Hilfsorganisation Equiwent sammelt Spenden für die Flutopfer: https://www.equiwent.org/tierschutz-in-deutschland. Die Pferdesport- und –zuchtverbände in den Hochwassergebieten haben zusammen mit der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN) ein Spendenkonto eingerichtet, um für die geschädigten Reit-, Fahr- und Voltigiervereine sowie Zucht- und Pferdebetriebe Geld zu sammeln.

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