Audrey Hasta Luego: Freiheitsdressur und Show mit Hengsten
Audrey Hasta Luego und ihre Hengste

Audrey Hasta Luego hat unbändigen Freiheitsdrang, viel Feeling und ein Faible für wilde Hengste. CAVALLO stellt die Französin, einen der erfolgreichsten, weiblichen Show-Stars der internationalen Pferdeszene, vor.

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Foto: Robin Hasta Luego

Audrey Hasta Luego. Das klingt, als serviere ein Spanier auf die lässig-linke Tour sein zickiges Urlaubsliebchen ab. Audrey, bis bald.Statt dessen steht da sehr präsent und patent eine Französin; mit einem Ehemann, der kaum von ihrer Seite weicht. Und mit einem Laptop, den sie als Panzer vor die Brust drückt, solange sie ihr Gegenüber noch beobachtet wie ein ihr unbekanntes Pferd.

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Schlicht in Schwarz kommt Audrey zum Exklusiv-Interview; redet sich über Pferdeliebe heiß und heißer, während draußen der eisige Mistral die Mähnen zaust.

Wir sind bei einer Pferdeshow in Avignon. Nicht weit von hier in der Ardèche lebt die 29-Jährige mit ihren Tieren und einem angeheirateten Reiter-Clan im Nacken. Einer von ihnen, der Ex-Voltigeur Robin, wurde ihr Mann und Fotograf; für die anderen Herren Hasta Luego ist sie Konkurrenz. Denn der hellste Stern dieses Namens, jetzt auch bei der Pferdemesse in Essen (www.equitana.de) zu sehen, heißt Audrey. Sie glänzt in einer sehr männlichen Show-Welt, weil es zwischen Frau, Pferd und Publikum funkt.

Wie sie das macht? Fragen wir sie. Alles begann damit, dass Turnierreiterin Audrey mit 20 keine Lust mehr hatte auf die Ochsentour in Parcours und Viereck. „Ich wollte wanderreiten, in Flüssen baden mit Pferden, viel freier arbeiten. Wie früher mit meinem Pony, das ich als 12-Jährige bekam: ein Shetty-Hengst, völlig verwahrlost, keiner wollte ihn. Ich brachte ihm Sitzen, Hinlegen, Spanischen Schritt bei. ‚Poney‘ wurde kastriert, er läuft heute mit 29 Jahren frei auf meinem Hof rum und klaut Salat.“

Als Audrey 2001 bei einem Wanderritt Robin Hasta Luego kennenlernte, war der Weg in die Freiheit frei. Die Biologielaborantin aus der Champagne zog zum Pferdemann in die Provençe und machte ihr Ding.

Zufrieden statt stumpf

Pferde sind nur ausgeglichen, wenn man vielseitig trainiert, ihren Willen nicht bricht und ihnen genug Kraft lässt. Das sind die Grundpfeiler von Audreys Erfolg. „Ich will nicht, dass die Pferde müde werden bei der Arbeit oder abstumpfen, weil sie ein Standardprogramm abspulen.

Wenn ich mit meinem Hengst Sabio drei Tage lang dasselbe übe, macht er am vierten Tag nur Quatsch.“ Audrey selbst hat Hände und Arme wie eine Bogenschützin und hält sich auf der Power Plate fit für ihre fünf Pferde, deren Muskeln sie jeden Morgen durch sportliches Longieren trainiert. Am Nachmittag folgen 30 Minuten Dressur für Köpfchen und Körperhaltung.

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Robin Hasta Luego
Stunt am Strand: Akrobatik in der Natur beherrscht Audrey so souverän wie Hohe Schule auf dem Reitplatz

Zügellose Piaffe und mehr

Freiheitsdressur heißt bei Audrey immer Bodenarbeit und Reiten. „Viele Männer, etwa mein Schwager Christophe Hasta Luego, bleiben in der freien Arbeit am Boden; zum Reiten zäumen sie das Pferd. Ich will Pferde in der Liberté reiten, damit sie beim Piaffieren untertreten und nicht nur strampeln. Das klappt besser, wenn man das Pferd präzise mit den Schenkeln einrahmt. Dann bleibt es in Selbsthaltung und Spannung, wenn ich das Zaumzeug wegnehme.“

20 bis 30 Shows reitet Audrey pro Jahr, jede läuft ein bisschen anders. Steigen ohne Zügel und Seitengänge im Seitsitz, Zirkustricks, Hohe Schule und atemraubende Akrobatik am Tricksattel: Audrey Hasta Luego und ihre Top-Hengste Sabio (Lusitano, 12) und Rey (PRE, 13) zeigen alles mit selten spielerischer Leichtigkeit und fließenden Bewegungen, die noch hinter Kostüm und Schminke natürlich wirken.

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Robin Hasta Luego
Piaffe ohne Pipapo: Rey ist ganz Ohr und auch gebisslos in perfekter Versammlung.

Show muss Spiel sein

Der Weg zum wahren Glanz führt über Geduld und Einfühlungsvermögen. „Man darf nichts mechanisieren, sondern muss flexibel bleiben, ohne starre Show-Choreografie. Die hängt von der Pferdelaune ab. Die Musik muss sich dem Pferd anpassen, nicht umgekehrt.“ Sonst wird das Spiel zum Stress, das Pferd verliert die Lust, aus Glanz wird Krampf.

„Wir fuhren mal 1700 Kilometer von Südfrankreich zur Show nach Hamburg, kamen mitten in der Nacht an, am Nachmittag war Vorstellung. Sabio war voll in Form, kein bisschen müde, die Bewegung tat ihm gut.“ Muss man Pferden diesen Stress überhaupt zumuten? Audrey überlegt. „Ich glaube nicht, dass Shows für Pferde hart sind. Nur wenn man zu viele macht oder sich nicht nach dem Pferd richtet, geht die Beziehung kaputt.“

Balsam für die Beziehung ist es, die zum Pferd passende Nummer zu finden. „Bei einem nervösen Typ hat es null Sinn, ihn minutenlang flach zu legen. Das ist Qual für so ein Pferd.“

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Robin Hasta Luego
Routinier Rey hat Spaß bei rasanten Stopps, denn immer nur Dressur ist langweilig.

Feeling braucht Logik

Hinter scheinbar natürlichem Feeling und Intuition steckt also auch klare Logik. Audrey, die ehemalige Biologielaborantin, hinterfragt und prüft, sucht nach Lösungen, stellt Systeme um. Ihre Lehrer: die Pferde. „Sabio bringt mir die verrücktesten Dinge bei.

Ein Beispiel: Ich trainiere ihn abends, nachdem er den ganzen Tag im Paddock stand wie all unsere Hengste. Anfangs war er im Training so aggressiv, dass er die Zähne bleckte. Bis ich merkte, dass er auf Sand im Paddock nicht pinkeln will. Seit er vor der Arbeit nochmal zum Pinkeln in die Box darf, ist er entspannter.“

Ihr Routinier Rey, eigentlich die Ruhe selbst, hatte Panik, wenn er wie alle anderen Pferde aus der Piaffe in die Passage antreten sollte. „Also habe ich bei ihm die Passage aus dem Spanischen Schritt entwickelt“, erklärt Audrey. „Es ist ein großes Glück, zu erleben, wie leicht Pferde solche Lektionen lernen. Umso ärgerlicher, dass manche ihre Pferde in der Box zur Piaffe prügeln.“

Prügel sind für sie tabu, Peitsche benutzt sie so selten wie möglich. Den natürlichsten Draht zum Pferd findet Audrey mit Körpersprache und Stimme. „Karotten setze ich kaum ein. Und an die Peitsche gewöhne ich Pferde ganz beiläufig, indem ich im Stall ab und zu knalle. Sie sollen davor keine Angst kriegen.“

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Robin Hasta Luego
Freiheitsdressur

Klare Worte statt Peitsche

„Damit tun sich gerade Frauen aber oft schwer, da geht es den ganzen Tag Blablabla“, schmunzelt sie. Auch ihr Ziel in der Dressur ist klar: präzise reiten mit einem Minimum an Bein und Hand. „Am tollsten ist es, eine Lektion nur zu denken, und das Pferd macht sie.“ Hat es die Lektion erst mal begriffen, übt sie diese nur noch selten. „Und wenn, dann verpacke ich sie wieder in andere Abläufe, damit das Pferd motiviert bleibt.“

„Pferde sind meine Familie, und ich trainiere sie so, dass sie Freunde werden.“ Das klingt kitschig, aber Audrey nimmt man es ab.

Was noch nicht unterm Sattel ist, läuft bei ihr unter „poulain“, Fohlen. „In einer Gruppe von Fohlen erkenne ich schnell, was ich suche: Beziehung.“ Ob jung oder alt, sie beobachtet Pferde ständig; auf der Koppel, auf dem Reitplatz: Interessiert oder ängstlich? Schaut das Pferd mich an, wenn es frei läuft, kommt es her, oder guckt es weg und flüchtet?

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Robin Hasta Luego
Smalltalk mit Jungs: Der dreijährige Blondin schnäbelt noch prüfend.

Basis der Beziehung - Krieg oder Frieden?

Wenn Fohlen zu ihr kommen, nimmt sie diese fünf Tage an die Longe, bringt ihnen Basics wie Hufegeben bei. „Dann lasse ich sie wieder in Ruhe. Sie sollen nicht arbeiten, nur eine Basis für die Beziehung zu mir bekommen, sich mit mir wohlfühlen.“

Hengste sind für Audrey eine Herausforderung, weil sie intelligent sind und die Beziehung zulassen, die sie will. „Ich habe immer schon mit Hengsten gearbeitet, seit meinem ersten Pony. Für eine Frau ist das schwieriger, denn ein Hengst weiß sofort, ob eine Frau oder ein Mann mit ihm umgeht: Bei einer Frau ist er dominanter. Ich glaube, das liegt an der weiblichen Körperhaltung.“

Einmal hat Sabio sie während der Vorstellung richtig gebissen – und war selber darüber am meisten erschrocken. „Wenn ich mit ihm in die Manege gehe, weiß ich nie, was passiert. Brilliert er, streikt er? Es gibt keine Routine. Sabio ist ein hervorragendes Dressurpferd und lernt unglaublich, aber er sucht immer den Krieg und braucht extrem viel Geduld.“

Audrey antwortet nicht mit Krieg, aber mit den Mitteln des Hengsts. „Ich puffe ihn, mache ihm die Sache unkomfortabel, weise ihn beharrlich zurück, wenn er aggressiv wird und verlange immer wieder die Lektion. Solange, bis er friedlich ist.“

Bei aller Liebe zu Pferden hütet Audrey sich vor Gefühlsduselei. Und geht nie zum Hengst, wenn sie schlecht drauf ist. Das unterscheidet sie von manch anderen Frauen, die bei ihrem Pferd gern Trost und Entspannung suchen. „Pferde spüren das; es ist nicht gut.“ Zu viel Strenge bekommt der Beziehung so schlecht wie zu viel weibliche Schwäche.

Hengste sind halt auch nur Männer. Und erstaunlich eifersüchtig: „Einer brach mal durch den Paddockzaun, weil ich mit dem anderen übte. Seither trenne ich sie beim Training.“

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Robin Hasta Luego
Sabio ist eine Lebensaufgabe – weil auch Audrey nie genau weiß, was der wilde Krieger im Schild führt.
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12 / 2022

Erscheinungsdatum 23.11.2022

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