Stimm-Training für Reiter Lisa Rädlein

Stimm-Training für Reiter

Überzeugende Stimme Stimm-Training für Reiter

Pferde lassen sich mit Sprache wunderbar überzeugen, motivieren und fokussieren – wenn man seine Stimme im Griff hat. Hört, hört!

Seit ein paar Minuten habe ich das dringende Bedürfnis, das Fenster zuzumachen. Ich bin im Homeoffice, vor meinem Laptop, in einer Videokonferenz. Und ich schreie gerade ziemlich laut. "Halt!", muss ich rufen. Es war noch nicht kräftig genug. "HALT!"

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Sprachkommandos Pferde mit der Stimme richtig lenken
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Was ich da gerade mache? Ich nehme an einem Stimm-Kurs teil. Vorerst online. Nächste Woche wird es ernst: Ich werde ausprobieren, wie das Pferd auf mein Stimm-Upgrade reagiert.

Die Vorübungen helfen mir und meiner Trainerin Carolin Binder, meine stimmlichen Schwachstellen herauszufinden. Sind sie der Grund dafür, dass mein Pferd mir manchmal nicht so gut zuhört, wie ich das gerne hätte?

Präsenz und Körperhaltung färben auf die Stimme ab

Carolin Binder ist Radiosprecherin und Stimmtrainerin (www.carolinbinder.de). Sie weiß, welche Macht die Stimme hat. "Mit unserer Stimme können wir andere einladen, uns zuzuhören. Sie bestimmt, wie authentisch, überzeugend oder sympathisch wir wahrgenommen werden", erklärt sie.

Auch in der Kommunikation mit Pferden spielt unsere Stimme eine wichtige Rolle – wir haben sogar einen Namen dafür: Stimmhilfen! Deshalb verbindet Carolin Binder ihren Job als Stimmtrainerin mit ihrer Leidenschaft, den Pferden. "Die Stimmkraft hängt eng mit Körperhaltung und Präsenz zusammen, die wir durch Übungen verbessern können. Wie gut das gelingt, zeigen uns die Pferde deutlich. Entweder sie hören zu – oder nicht."

Carolin Binders Stute Rhianna ist deshalb zur Co-Trainerin geworden und zeigt den Schülern ihrer Besitzerin ganz direkt und unverblümt, ob nachgestimmt werden muss. Auch mir. Eine Woche nach dem ersten Stimm-Coaching stehe ich Rhianna gegenüber. 1,75 Meter Stockmaß hat die Fuchs-Stute – die ist auf jeden Fall präsent.

Und ich? Ich darf vorerst wieder Aufwärm-Übungen machen. Aber heute stehe ich nicht alleine auf dem doch etwas peinlichen Präsentierteller. Sabine Protschka tritt mit mir gemeinsam zum Stimm-Upgrade an. Die 57-Jährige spricht sehr leise, und so fällt es ihr manchmal schwer, vor Publikum die Stimme zu erheben.

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Laaaaah: In den Ton fallen lassen: Diese Übung hilft, die individuelle ideale Stimmlage (Indifferenzlage) zu finden: Arme über den Kopf nehmen und mit dem Oberkörper nach unten fallen lassen, dabei die Laute „la“, „mü“ oder „ma“ sprechen. Der Ton entwickelt sich dabei automatisch in die Tiefe.

Erste Übung: Wir sollen aus einem stabilen Stand heraus sprechen und hüpfen dafür beide in die Luft. So wie wir landen, stehen unsere Füße perfekt. "Drück deine Knie nicht durch", mahnt die Trainerin. Nun sollen wir uns kurz vorstellen, sobald Carolin Binder in die Hände klatscht – und dabei vom Offline-Modus in einen "angeknipsten" Zustand wechseln.

Das geht bei mir gar nicht gut: Ich bin zu langsam, um spontan abzuliefern. Anstatt, wie gewünscht, in eine positive Spannung überzugehen, fühle ich mich gestresst. "Du kannst dich auch erst mal kurz sammeln, bis drei zählen und dann anfangen", rät die Trainerin.

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Eins, Zwei, Drei: Armdrücken für mehr Stimmkraft: Zählen Sie bis zehn. Bei jeder geraden Zahl drücken Sie die Hände fest zusammen. Sie merken, dass Ihre Stimme dann automatisch kräftiger wird.

Leichter fallen mir die Atemübungen: Tief in den Bauch atmen geht nach ein paar Anläufen wunderbar; und auch beim Zwerchfelltraining mit vielen "psst" und "kscht" hintereinander spüre ich, wie sich mein Bauch so im Takt bewegt, wie ich Luft hole. So langsam werde ich entspannter.

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Kssscht: „Hühner scheuchen“ für eine volltönende Stimme aus dem Bauch heraus: Schnell hintereinander kräftig „kscht“ mit Betonung auf dem „t“ sprechen und dabei darauf achten, dass der Bauch sich im Rhythmus des Ein- und Ausatmens bewegt. Diese Übung stärkt das Zwerchfell.

Das Atmen beim Sprechen ist nicht zu unterschätzen: Wer etwa aufgeregt ist und deshalb zu schnell oder zu hoch spricht, atmet nicht tief in den Bauch hinein. Deshalb helfen Atemübungen, die teilweise aus dem Yoga stammen, wieder ruhiger zu werden. Zum Beispiel in Stress-Situationen kurz vor einem Vortrag – oder beim Verladen.

Beim langgezogenen "Brrr", bei dem wir unsere Lippen beim Ausatmen so richtig schön flattern lassen sollen, versage ich allerdings auf der ganzen Linie. Nach zwei Sekunden hat es sich ausgeflattert. Neidisch schaue ich rüber zu Sabine, bei deren schier endlosem "Brrr" das Pferd schon längst rückwärtsgehen würde.

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Brrrrr: Das Lippenflattern wie beim „brr“ ist im Sprechtraining eine Lockerungsübung für besseres Artikulieren. Beim Pferd wirkt’s prima, weil Sie dabei schön lang und locker ausatmen.

Viel leichter fallen mir die Übungen zur Indifferenzlage, mit der die ideale Sprechstimmlage bezeichnet wird. Vielleicht, weil ich gerne esse. Leider serviert Carolin Binder nichts Leckeres, sondern möchte, dass wir "mmh" und "mjaam" einfach nur so sagen und dabei das "m" und das "a" besonders lange halten.

So stimmen wir uns auf unsere eigene perfekte Stimmlage ein. "Frauen sprechen oft zu hoch. Das wird nicht ernstgenommen und klingt selten so angenehm, dass wir dabei gern die Ohren spitzen", erklärt die Trainerin schmunzelnd.

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Mjaaaam: Summen und Kauen mit ausgedehnten Lauten „mmh“, „mjom“ oder „mjam“ verhilft zur idealen Sprechstimmlage. Wenn Sie sich dabei an die Wangen fassen, spüren Sie, wie diese durch Ihre Stimme vibrieren.

Was sagt das Pferd zu den Stimmkommandos?

Apropos Ohren spitzen. Da war doch noch jemand. Rhianna wartet auf uns im Roundpen. Ich darf anfangen und die Stute an der Longe im Schritt antreten lassen. Das funktioniert auch ohne Stimme gut.

Also gleich Level zwei: Antraben, mit Kommando "Teeerab". Ich mache mich groß und gehe auf die Stute zu. "Langsam", mahnt mich Carolin Binder. "Vergleiche es mit Moderieren vor Publikum: Große, ruhige Gesten kommt viel besser an." Auch im Galopp mache ich mit meiner Stimme wenig Eindruck und wedele stattdessen mit der Peitsche. Das wird direkt kommentiert: "Nicht so herumfuchteln!"

Ertappt. Ich bin kein Mensch der großen Worte. Auch mit meinem eigenen Pferd kommuniziere ich meistens stumm. Nur wenn mein Callando mich gar nicht verstehen möchte, werde ich auch mal laut – ohne dass es ihn interessieren würde. So kommen wir klar, aber noch klarer wäre es bestimmt, wenn ich die Stimme viel bewusster einsetzen würde. Denn vor allem beim Loben kommt meine Stimme bei Callando richtig gut an. Das vergesse ich manchmal.

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Gaaaalopp: So kommt das Stimmkommando perfekt beim Pferd an: Ziehen Sie den Vokal lang und betonen die letzte Silbe. Sprechen Sie aus dem Bauch heraus und achten Sie auf Körperhaltung und Präsenz: Schauen Sie nicht Richtung Boden, sondern zeigen Sie dem Pferd Ihre Stirn.

Sabine wiederum kann noch nicht einschätzen, wie ihre Stimme beim Pferd ankommt. Als Kind ist sie voltigiert. Seitdem hat es sich nicht mehr ergeben, dass sie mit Pferden in Kontakt kam. So ist Sabine anfangs vorsichtig und ihre Kommandos "Scheeeritt" und "Galopp" klingen wie freundliche Fragen.

Die Stute fühlt sich weder belästigt noch aufgefordert, etwas zu tun. Doch plötzlich geschieht etwas mit Sabine: Sie wird laut! Und es wirkt gar nicht fremd, sondern so, als hätte sie das immer schon getan. Rhianna galoppiert auf Kommando an – und das ziemlich prompt. Sabine merkt gar nicht, wie laut sie plötzlich rufen kann. Eben im Stimmtraining hätte sie sich noch vor sich selbst erschrocken.

Ein scharfer Ton klingt nicht unbedingt überzeugend

Vielleicht fällt es der pferdeunerfahrenen Sabine leichter, sich dem Pferd nur mit der Stimme verständlich zu machen. Ich setzte Stimmhilfen ein, um andere Hilfen zu verstärken. Was kann ich besser machen?

Zu viel Grundspannung im Körper verleitet mich manchmal dazu, zu schnell zu sprechen und nicht aus dem Bauch heraus zu atmen – was sich ebenfalls in meiner Stimme widerspiegelt: Die wird dann eher zu scharf als fest und überzeugend. Tatsächlich habe ich zum Beispiel bei der Arbeit an der Hand manchmal das Gefühl, dass ich einerseits zu schnell zu viel erwarte und andererseits nicht schnell genug wieder tief durchatme, um Stress-Situationen zu lösen.

Carolin Binders Tipp: auf einen festen Stand achten, bei mir sein, in den Bauch atmen. Und vielleicht auch einfach mal bis drei zählen, damit ich ganz sicher bin, was ich meinem Pferd sagen möchte.

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Hepp hepp: Bei diesem Kommando hebt Rhianna die Beine zum Spanischen Schritt: Sprechen Sie kurz, rhythmisch, kräftig und aus dem Bauch heraus.

Übrigens: Das "Brrr" brauche ich gar nicht zu üben. Callando pariert beim Longieren schon durch, wenn ich kurz auf die Uhr schaue oder überlege, was ich noch einkaufen muss. So viel zum Thema Präsenz.

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