CAV Entscheidungen treffen Rädlein

11 Tipps, wie Sie Ihrem Pferd bei Entscheidungen helfen

Wege zu pferdegerechten Freiräumen

Je besser das Pferd die Regeln kennt, desto mehr Entscheidungen können Sie ihm überlassen.

Annäherung und Rückzug

„Wenn Sie Ihr Pferd wegschicken und aus seiner dadurch gewonnenen Freiheit willig wiederherholen können, sind Vertrauen und Respekt ausgeglichen“, sagt Silvia Mathoi. Das Wegschicken übt sie zunächst am Führseil, später frei. „Ich stelle mir vor, wie das Pferd sich entfernt. Das verändert automatisch meine Körperhaltung.

Diese Energie schicke ich durchs Seil, indem ich es in unterschiedlicher Stärke bewege.“ Sobald das Pferd reagiert, ruht das Seil. Um das Pferd herzubitten, lächeln und den Bauchnabel einziehen. Dann die Seillänge schrittweise verkürzen, indem Sie die Finger langsam schließen und sofort wieder öffnen, sobald das Pferd einen Schritt auf Sie zumacht. „Steht das Pferd vor Ihnen, loben Sie es aus vollem Herzen.“

Freiheit in der Fremde

„Wenn das Pferd mir vertrauensvoll in jeder Situation folgt, kann es sich frei bewegen“, sagt Wolfgang Marlie. Ob ein Pferd seine Regeln verstanden hat und akzeptiert, testet der Ausbilder, indem er es nach und nach auch in fremder Umgebung vom Seil lässt und schaut, ob es freiwillig an seiner Seite bleibt.

„Wenn es sich in der Halle auf die Kommunikation mit mir einlassen kann, gehe ich zum Beispiel auf den Außenplatz, dann auf die kleine Geländestrecke meines Hofs, danach in den Wald und schließlich an den Strand. Klappt das nicht, dann hat unsere Beziehung ein Leck, welches ich stopfen muss.“

Wie Pferdetypen mit Freiräumen umgehen

Männlein & Weiblein: Bis zum dritten Lebensjahr entwickeln sich die Geschlechter ähnlich: Sie wachsen und spielen um die Wette. Dann aber haben Stuten keine Lust mehr auf spielerische Freiräume. Während Wallache und Hengste ein Leben lang in Scheinkämpfen miteinander über die Weide purzeln, um fit zu bleiben, „empfinden Stuten es als Stress, wenn andere Pferde oder Reiter ständig mit ihnen spielen wollen“, sagt Peter Kreinberg. „Etwa in der Freiarbeit.“ Da Stuten anders als männliche Pferde keineswegs immer vorwarnen, wenn sie stinkig werden, eskaliert die Situation im Nu – das Pferd tritt oder beißt. Kreinbergs Tipp: „Beobachten Sie speziell Stuten genau, ob sie spielerische Freiräume als Abwechslung oder Stress empfinden.“

Denker oder Choleriker: Wie ein Pferd mit Freiräumen und Entscheidungen umgeht, ist auch eine Frage des Temperaments, sprich seiner Grundstimmung und Einstellung gegenüber Veränderungen. Nachdenkliche Tiere etwa brauchen immer eine Weile, bevor sie sich für eine Aktion entscheiden. Wer ihnen diese Freiheit im Training nicht gibt oder sie mit einer Aufgabe überrumpelt, überfordert und verängstigt sie.

Cholerische Pferdetypen hingegen nehmen ihren Job am liebsten selbst in die Hufe – und entscheiden sich liebend gerne gegen Reiterhilfen und Regeln. Unbekanntem etwa begegnen sie häufig mit Hysterie und Flucht. Solche Feuerstühle brauchen erfahrene Hände, die ihnen in Ruhe zeigen, dass es im Zweifel angenehmer ist, sich für die Zusammenarbeit mit dem Menschen zu entscheiden statt dagegen.

Magst Du zu mir kommen?

Klassiker: Sie betreten Stall oder Koppel mit Halfter in der Hand. Das Pferd denkt: „Och nee, Arbeit!“ – und dreht sich weg. Kein gutes Zeichen für Ihre Beziehung, oder? „Ihr Pferd muss lernen, dass Ihre Ankunft etwas Schönes bedeutet“, sagt Silvia Mathoi.

Ihr Tipp: „Setzen Sie sich etwa drei Wochen lang möglichst jeden Tag völlig passiv auf die Koppel. Das Halfter nehmen Sie mit.“ Ihr Pferd darf machen, was es will. Kommt es her, freuen Sie sich riesig, loben es, lassen es aber wieder gehen. „Nutzen Sie die Zeit, um es zu beobachten und besser kennenzulernen.“ Das Pferd lernt: Auch wenn mein Mensch mit Halfter kommt, ist das richtig nett! „Entscheidet sich das Pferd aktiv für Sie, dann hält diese Beziehung felsenfest.“

Lass uns reden!

Das Gespräch mit einem Pferd startet Wolfgang Marlie gerne damit, dass er sich parallel um dessen Freundschaft bewirbt und das Tier zu einer Entscheidung anregt. Und so geht’s: Stellen Sie Ihr Pferd frei in die Bahn. Nun schicken Sie es ohne Halfter und Strick an einen bestimmten Ort, laden es dort in eine Pause ein und prüfen, ob es sich berühren lässt.

„Bei Pferden führt derjenige, der dem anderen Raum zuweisen kann, das verspricht Sicherheit“, erklärt Marlie. „Ihr Pferd hat die Wahl, Ihre Signale auszuhalten, abzuwehren oder zu gehen.“ Ähnlich funktioniert freies Putzen oder Satteln. „Zieht es das Pferd vor wegzugehen, dann ist das ein Zeichen dafür, dass mein Pferd und ich noch nicht die gleichen Wünsche und Bedürfnisse haben“, sagt Marlie – und sucht nach neuen Wegen, um das Pferd weiter für seine Wünsche zu begeistern.

Eine Möglichkeit: Das gemeinsame Tänzchen.

Möchtest Du mit mir tanzen?

„Ich möchte zu jedem Pferd in Beziehung treten“, erklärt Wolfgang Marlie. „Ähnlich wie bei einer Dame, mit der ich tanzen möchte.“ Zeigt man Dame oder Pferd indes nur stur die eigenen Interessen, werden sich beide gegen den Tanz entscheiden. Besser: „Ich versuche meinem Partner die Nähe so angenehm wie möglich zu machen. Er soll mir vertrauen lernen und das nächste Mal freiwillig mittanzen.“

Und so geht’s: Den Pferdekopf am Stallhalfter vorsichtig wenige Zentimeter zur Seite nehmen. Sanft drücken. Das schränkt das Pferd in der Bequemlichkeit ein, macht ihm aber keine Angst. Sobald es nachgibt, Pause. Jetzt den Kopf umfassen und sachte herumziehen, bis Sie ihn im Arm haben. Loben, die Umarmung langsam lösen. Kommt kein Gegendruck, vertraut sich das Pferd Ihnen an. Daraufhin den Kopf sanft in alle Richtungen und mit leichtem Druck auf das Genick auch nach unten drücken. Pausen belohnen und motivieren zur Mitarbeit.

Nutzen Sie Vertrauen und Aufmerksamkeit nun, um das Pferd zu größeren Bewegungen aufzufordern. Bedrängen Sie es an der Schulter, bis es seitwärts geht. Pause, danach sanft zum nächsten Schritt auffordern. Die Pausen nach und nach verkürzen, bis sich das Pferd fließender bewegt, als würden Sie mit ihm tanzen.

Selbstbewusst eine Entscheidung treffen

Lange Leine: Pferden, die nur am kurzen Zügel oder Strick unterwegs sind, wird jeder Schritt vorgegeben. So wird Ihr Pferd selbstständiger und -bewusster: Laufen Sie beim Führen auf Höhe der Sattellage nebenher. Stockt das Pferd anfangs, treiben Sie es mit der Stimme oder der Gerte an der Schenkellage weiter. „Ihr Pferd lernt, besser auf den Weg zu achten und notfalls einen anderen zu wählen, wenn ihm dieser sicherer erscheint“, sagt Herdis Hiller. Übertragen Sie das Prinzip in den Sattel, indem Sie die Zügel hingeben. Eine weitere Übung: Das Pferd läuft am längeren Seil hinter Ihnen, darf wie es will links oder rechts von Ihnen gehen. Achten Sie nur darauf, dass Sie sich nicht im Strick verheddern. Hiller: „So entwickelt sich ein lockeres Wechselspiel aus Freiheit und Kooperation.“ Das motiviert und schafft Vertrauen.

Mach was draus! Selbstbewusstsein können Sie einem Pferd auch so beibringen: Legen Sie eine Stange auf den Boden. Reiten Sie entspannt am langen Zügel darauf zu – zunächst im Schritt, später in Trab und Galopp. Bleiben Sie sonst aber passiv. „Das Pferd soll selbst auf die Idee kommen, über die Stange zu laufen und entscheiden, wie das am besten klappt“, sagt Herdis Hiller. „Damit wird Ihre Idee zu seiner, ohne dass Sie die Kontrolle verlieren.“

Ans Pferd glauben: „Auf einem gut ausgebildeten Pferd kann ich auch mal los- und es einfach machen lassen“, sagt Wolfgang Marlie. Beispiel Ausritt: Ihr Pferd läuft balanciert über Stock und Stein, doch Sie fürchten sich vor unbekannten Wegen? Ihr Partner macht das schon! „Pferde sind von Natur aus auf Sicherheit bedacht. Sie stolpern niemals blind drauf los.“

Weniger ist mehr!

Pferde brauchen keine großen Gesten. „Versuchen Sie stets, mit so wenig wie nötig so viel wie möglich zu erreichen“, rät Sonja Weber. Entscheidend für den Erfolg ist die Bereitschaft, das Pferd genau zu beobachten und die eigene Einwirkung ständig zu reflektieren. „Hilfen und Körpersprache müssen immer wieder überprüft und verfeinert werden“, sagt Weber.

„Bis das Zusammenspiel so fein ist, dass Sie quasi nur noch denken müssen, was das Pferd tun soll und es schon reagiert.“ Beispiel: Sie longieren Ihr Pferd, es soll angaloppieren. „Zählen Sie bis zehn, dann rufen Sie das Kommando ab, ohne ein Wort zu sagen oder die Peitsche zu schwingen.“ Sie werden sehen: Ihr Pferd galoppiert wie von selbst an. Freier geht’s wohl nicht!

Optische Hilfen

Mit eindeutigen Aufgaben lernen Pferde am besten. Peter Kreinbergs Tipp: „Arbeiten Sie regelmäßig mit optischen Hilfen wie Tonnen, Pylonen, Stangen oder Hindernisständern.“ Denken Sie sich eine Art Parcours mit Etappenzielen, Ruhezonen und kleinen Hindernissen aus.

„Durch einen sinnvollen Einsatz von Orientierungspunkten ergeben sich Situationen, die Sie und Ihr Pferd gemeinsam bewältigen müssen: Beide laufen um etwas herum oder darüber, entscheiden sich für rechts oder links.“ Wie von selbst festigen Sie Aufmerksamkeit und Gelassenheit. „Dadurch gelingt es auch leichter, das Pferd mitentscheiden zu lassen.“

Neue Muster

Pferden mehr Freiraum geben bedeutet auch, die Hilfen auf ein Minimum zu reduzieren. „Das Timing von Reiz, Reaktion und Belohnung entscheidet darüber, wie effektiv Ihr Pferd Ihre Wünsche versteht“, sagt Peter Kreinberg und rät: „Geben Sie ihm die Chance, zu entspannen, wenn es auch nur im Ansatz tut, was Sie wollten.“

Das Prinzip eignet sich ideal, um Pferden neue Denkmuster beizubringen. Beispiel: Das Pferd wird im Trab eilig und verliert das Gleichgewicht. Tipp von Sonja Weber: „Traben Sie nur kurze Strecken, kombinieren Sie das mit Halten und Rückwärtsrichten. Das verbessert die Balance.“

Lässt sich die Trabstrecke etwas verlängern und das Pferd strebt das Rückwärts fast von alleine an, geben Sie ihm eine Pause im Schritt am langen Zügel. „Dieser Anfangsmoment lässt sich im Lauf der Zeit ausdehnen“, so Sonja Weber. Wichtig ist, dass der Reiter richtige Reaktionen des Pferds mit Pausen belohnt; das hebt die Motivation. Zugleich wird der Reiter achtsamer: Er merkt schneller, wann er etwas verändert hat.

Klare Signale

Egal, was Sie mit Ihrem Pferd vorhaben: Sie müssen sich klar ausdrücken. Sonst hat es keine Chance, sich für eine bestimmte Handlung zu entscheiden, weil es ständig rätseln muss. Das Problem: „Wir Menschen denken nicht so einfach wie Pferde, tun meist zig Dinge auf einmal, aus denen sich das Pferd die jeweils geltende Anweisung herausfiltern soll“, sagt Wolfang Marlie.

Beispiel: Schnalzen gilt, Husten nicht. Hand Richtung Pferdekopf heißt: „Nimm deinen Kopf da weg“; sich selbst die Frisur richten, gilt nicht. Kurzum: „Bauen Sie eine solide Grund-Kommunikation mit klaren Gesten und Signalen auf.“

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