Lernen wie von selbst Lisa Rädlein
Lernen wie von selbst
Lernen wie von selbst
Lernen wie von selbst
Lernen wie von selbst 19 Bilder

Wie Pferde ganz nebenbei Neues lernen

Lernen wie von selbst Wie Pferde ganz nebenbei Neues lernen

Mal eben über Planen oder am Regenschirm vorbei: Vivian Gabor und Yvonne Gutsche zeigen, wie Sie Neues ganz nebenbei in den Pferde-Alltag integrieren.

Plopp! Der Schirm spannt sich auf. Genau in dem Moment, als Yvonne Gutsche mit ihrem Schimmel vorbeireitet. Wie gemein? Nein: Lernforscherin Dr. Vivian Gabor prüft das Verhalten des Pferds fürs CAVALLO-Experiment. Amour spitzt die Ohren.

Kompletten Artikel kaufen
Lernen wie von selbst
Pferde-Psychologie Wie lernen Pferde von allein?
Sie erhalten den kompletten Artikel (7 Seiten) als PDF

Sonst passiert nichts. Der Wallach weiß: Der Schirm ist kein Gespenst – und die Signale seiner Reiterin sind wichtiger. "Feeein, Amour", ertönt es sogleich. Yvonne Gutsche sorgt sich eher um ihren Lieblings-Schirm mit dem Aufdruck ihrer Heimatstadt Bad Wimpfen als um die Reaktion des Wallachs. Schließlich kennt Amour bewegliche Gegenstände. Damit hat die Trainerin ihn ganz nebenbei vertraut gemacht.

Die Pferde lernen viele verschiedene Reize kennen

Yvonne Gutsche gestaltet Ställe und Umgebung so, dass die Tiere möglichst viele Reize kennenlernen. "Das kostet gar nicht viel Zeit, sondern ist eher eine Sache geschickter Planung", meint die Ausbilderin. Ihre Ideen stellen wir auf den nächsten Seiten vor.

"Verändern Sie ab und an die Übungsorte, damit die Gewöhnung nicht nur an einem bestimmten Platz stattfindet." Und wie überprüfen Reiter den Lernerfolg? Das zeigt Verhaltens-Expertin Dr. Vivian Gabor. Tipps zum Transfer ins Training gibt’s obendrauf.

Bewegliche Gegenstände kennenlernen

Nebenbei lernen: Gestalten Sie Stall, Reitplatz und Weiden auf clevere Art. Mit diesen Ideen bringt Yvonne Gutsche Bewegung in die Umgebung der Pferde: Flatterband im Stall aufhängen, Luftballons am Weidezaun anbringen, den Wassersprenkler auf den Reitplatz stellen beim Training, Fahnen aufhängen. "So gewöhnen sich Pferde an bewegliche Gegenstände und auch Geräusche", sagt die Ausbilderin.

Lernen wie von selbst
Lisa Rädlein
Hallo! Im Offenstall ist der Liegebereich hinter einem Flatterband. Das hält zugleich Insekten fern.

Lernerfolg prüfen: Vom "Nebenbei" zur Konfrontation: Yvonne Gutsche reitet Wallach Amour auf den Wassersprenkler zu. "Sie lobt ihn bereits, wenn er sich mit dem Reiz beschäftigt. Diese positive Verstärkung motiviert und macht Pferde mutig", so Vivian Gabor.

Amour darf sich selbständig mit dem Wasser auseinandersetzen und Lösungen suchen. Zugleich bekommt er einen Anreiz, sich bewusst für das Reiter-Signal zu entscheiden, hier also: Du darfst erkunden.

Das Gegenteil davon ist Flooding, also Reizüberflutung. "Das passiert, wenn Pferde ständig mit Angst konfrontiert sind. Könnten sie etwa dem beweglichen Gegenstand gar nicht aus dem Weg gehen, fehlt die Wahl – und die Tiere sind überfordert", erklärt die Verhaltensforscherin. Pferde können davon depressiv werden.

Ein klassisches Beispiel: Das Pferd ist innerlich angespannt, äußerlich aber ruhig – dann explodiert es ohne Vorwarnung.

Gezielt weiter üben: Den "will to please" fair fördern: "Viele Pferde tun ganz viel für den Reiter und wollen gefallen", erklärt Dr. Vivian Gabor. Das können Reiter nutzen. Sie wollen schließlich spannender sein als Ablenkung von außen.

Loben Sie schon kleine Erfolge: Ein Blick zum Sprenkler, ein Schritt darauf zu – Yvonne Gutsche zeigt darüber überschwängliche Freude: "Zurückhaltung ist nicht gefragt. Man darf ausflippen vor Begeisterung." Das erhält den Fleiß, und die Pferde ziehen regelrecht zu Neuem, statt zu fliehen.

Lernen wie von selbst
Lisa Rädlein
Spritzige Sache: Auf dem Reitplatz steht ein Wassersprenkler.

Verladetraining

Nebenbei lernen: Stellen Sie einen Anhänger auf die Weide. Die Pferde können diesen dann nach Lust und Laune erkunden.

Tipp: Futter weckt die Neugier. "Meinen Anhänger mit Frontausstieg parke ich zwischen Stall und Weide. Oder so, dass die Pferde durchlaufen müssen, wenn sie zum Wasserfass wollen", erzählt Gutsche.

Wichtig für die Sicherheit: Polstern Sie die Deichsel mit Malerflies oder Plane ab. Oder stellen Sie Strohballen drumherum. Unterbauen Sie den Hänger hinten, damit er nicht wippt. Achten Sie darauf, dass an der Rampe nichts absteht, worauf die Tiere treten können.

Lernen wie von selbst
Lisa Rädlein
Beetlejuice läuft auf dem Weg vom Stall zur Weide durch den Hänger.

Lernerfolg prüfen: Umgebung verändern und Anhänger wechseln: "Ein anderer Standort oder ein fremder Hänger – sowas kann Pferde erneut erschrecken", erklärt Dr. Vivian Gabor.

Lernen wie von selbst
Lisa Rädlein
Test: Wie reagiert er auf einen fremden Hänger? Er schnuppert an Rampe...

Sie konfrontiert Jährling Beetlejuice mit einem anderen Hänger. Der Jährling erkundet diesen, schnuppert an den Wänden und an der Rampe. Die Lernforscherin gibt ihm Zeit dafür. Beetlejuice folgt ihr schließlich hinein. "Er ist neugierig, aber nicht ängstlich. Ich merke, dass er den Ablauf bereits kennt. Das erleichtert das Verladetraining."

Lernen wie von selbst
Lisa Rädlein
...und Wänden

Gezielt weiter üben: Einrahmen und Rückwärtsrichten: Vivian Gabor trägt beim Verladen Handschuhe und nimmt eine Gerte mit. "Damit kann ich meinen Arm verlängern und das Pferd seitlich begrenzen, wenn es ausweichen will", sagt sie.

Ein Knackpunkt beim Ausladen ist das ruhige Rückwärtsgehen von der Rampe. Das bereitet Yvonne Gutsche am Boden vor: Sie übt mit Beetlejuice die Schaukel und schickt ihn vor und zurück. Damit der Jährling zurücktritt, bewegt sie sich auf ihn zu und hebt den Strick leicht an. "Reagiert er nicht, zucke ich mit den Schultern – das ist wie Ohrenanlegen." Danach lässt sie ihn wieder vortreten.

Lernen wie von selbst
Lisa Rädlein
Yvonne Gutsche bereitet mit Führübungen das Verladen vor.

Die Pferdetrainerin übt später auch das Einsteigen auf Appell: Klopft sie mit der Gerte auf die Rampe, heißt das für ihre Stunt-Pferde: Hinein, bitte! "Aber zuerst lernen die Tiere, auf meine Körpersprache zu reagieren. Der Appell kommt danach."

Lernen durch Abschauen

Nebenbei lernen: Die Rangniedrigen spicken bei den erfahrenen Tieren. Bei Yvonne Gutsche wachsen die Youngsters im Herdenverband auf. "Da sind immer ein paar alte Hasen dabei, von denen die Jungpferde lernen", erzählt die Ausbilderin.

Im Offenstall nutzt sie das für die Wassergewöhnung. Zwischen Stall und Weide legt sie einen "Pool" auf den Boden. Den hat sie mit LKW-Plane und Pool-Nudeln gebaut.

Lernen wie von selbst
Lisa Rädlein
Wassergewöhnung auf der Weide: Der erfahrene Rappe läuft vorweg, der Jährling läuft ihm nach...

Zudem können die Pferde von der Box in die Reithalle schauen. "Kommen traumatisierte Pferde zu mir, stehen diese zuerst in einer Box. Das ist ihr Sicherheitsbereich."

Absolviert Yvonne Gutsche dann mit einem erfahrenen Pferd Gelassenheitstraining, geht sie dafür zunächst in den hinteren Teil der Halle. Nach und nach bewegt sie sich schließlich näher in Richtung der Boxen. "So lernen die Tiere Geräusche, Flatterband und Co. entspannt kennen."

Lernerfolg prüfen: Weichen die Pferde aus oder gehen sie durchs Wasser? Verhaltensforscherin Dr. Vivian Gabor beobachtet die Herde im Offenstall: Ein älteres Pferd geht ohne zu zögern über die Wasserplane. Jährling Beetlejuice folgt ihm – und schlägt genau den gleichen Weg ein. "Gut abgeschaut", kommentiert Dr. Gabor.

Später planscht der Jährling mit dem Huf im Wasser. Zwei andere Pferde laufen auch über die Plane. "Ich beobachte Verhaltenssynchronisation", sagt Vivian Gabor. "Das ist oft so in Herden: Planscht einer, planschen bald mehrere."

Lernen wie von selbst
Lisa Rädlein
...und findet das Nass zum Planschen gut.

Gezielt weiter üben: Der Menschen als Initiator: In der Natur gibt es das Nachahmungsverhalten. Pferde lernen von der Mutter und Sozialpartnern. "Studien von Verhaltensforscherin Konstanze Krüger zeigen: Pferde spicken vor allem bei ranghöheren Tieren, die älter und erfahrener sind – und sogar beim Menschen", weiß Dr. Gabor.

Zieht der Mensch an einer Schnur, um eine Futterbox zu öffnen, machen Pferde das nach. "Was wir tun, hat Signalwert." Wichtig fürs weitere Training: Testen Sie, ob das Pferd auch mit Ihnen über das Wasser geht.

Vivian Gabor probiert’s aus: Sie führt und bestimmt das Tempo. Der Rappe darf erst über den trockenen Planenteil gehen, dann muss er durchs Wasser. So steigert die Trainerin die Anforderungen schrittweise.

Lernen wie von selbst
Lisa Rädlein
Der Mensch als Initiator: Dr. Vivian Gabor führt den Rappen über die Plane. Dafür geht sie als Ranghöhere vorweg.

Führung klären & Raum gewinnen

Nebenbei lernen: Der Mensch klärt seinen Platzanspruch: Wenn sie ein Pferd von der Weide holt oder im Laufstall abäpfelt, nutzt Yvonne Gutsche die Gelegenheit fürs Training. Sie stärkt ihre Führungsrolle und lässt die Pferde ausweichen.

"Als Chefin bestimme ich, wie nah die Pferde mir kommen dürfen. Genauso agiert auch der Ranghöhere in der Herde." Dafür setzt die Ausbilderin ihre Körperspannung und Mimik gezielt ein.

Lernen wie von selbst
Lisa Rädlein
Platz da! Yvonne Gutsche fährt mit der Karre durch den Offenstall. Die Pferde weichen.

Lernerfolg prüfen: Wer bewegt wen? Verhaltensprofi Dr. Vivian Gabor schickt das Pferd am Halfter vorwärts, zurück und lässt es seitlich weichen. Soll das Pferd rückwärtsgehen, schaut sie auf die Pferdebrust und geht auf das Pferd zu.

Reagiert es nicht, verstärkt sie das Signal mit der Gerte. Diese braucht sie beim Testpferd aus Yvonne Gutsches Offenstall nicht – das Tier reagiert fein.

Lernen wie von selbst
Lisa Rädlein
Vivian Gabor schickt das Pferd mit Körpersignalen rückwärts.

Gezielt weiter üben: Bodenarbeit aufs Reiten übertragen: Soll das Pferd bei der Bodenarbeit weichen, berührt Yvonne Gutsche es mit der Hand – und zwar dort, wo auch der Schenkel liegen würde.

Weicht das Pferd, nimmt sie sofort den Druck raus. Reagiert es nicht, verstärkt sie die Hilfe. "Das Pferd lernt, dass eine schnelle Reaktion angenehmer ist. Das verbessert später beim Reiten die Schenkelakzeptanz", weiß sie.

Das Prinzip funktioniert reitweisenübergreifend. Seitengänge eignen sich als Anschluss-Übung.

Lernen wie von selbst
Lisa Rädlein
Seitengänge sind die Königsdisziplin des Weichens.

Gabor und Gutsche empfehlen zudem Zirkel verkleinern und vergrößern – am besten im Roundpen oder auf einem abgeteilten Platz. Auch hier können Sie die Übung am Boden vorbereiten und später das Gelernte aufs Reiten übertragen.

Untergründe kennenlernen

Nebenbei lernen: Wege unterschiedlich gestalten: Legen Sie zwischen Box und Anbindeplatz, am Weidetor oder beim Eingang zum Reitplatz eine Plane auf den Boden. Auch ein ausgedienter Teppich ist ein gutes Hilfsmittel.

"So lernen Pferde unterschiedliche Böden kennen. Davon profitiert der Reiter etwa im Gelände", sagt Yvonne Gutsche. Bodenwechsel schulen die Propriozeption des Pferds, also die Bewegungssicherheit.

Lernen wie von selbst
Lisa Rädlein
Am Eingang zur Weide liegt eine Plane. Wallach Amour kennt sie und geht lässig drüber.

Lernerfolg prüfen: Das Pferd soll die Aufgabe nicht vorwegnehmen. Vivian Gabor führt Schimmel Amour über die Plane. "Haben Pferde etwas selbstständig gelernt, besteht die Gefahr, dass sie die Aufgabe von allein abspulen und nicht mehr auf den Reiter achten", erklärt Vivian Gabor.

Die Lernforscherin stoppt das Pferd nun also gezielt vor der Plane – und lässt es dann wieder losgehen. Amour macht auch das prima mit. Die Signale des Menschen sind für ihn interessanter als die Plane selbst.

Lernen wie von selbst
Lisa Rädlein
Vivian Gabor testet beim Führen, ob das Pferd auf den Menschen achtet.

Und was wäre, wenn er an der Plane vorbeilaufen würde? "Dann hätte er ein Vermeidungsverhalten etabliert", meint Gabor. In dem Fall hilft laut der Trainerin folgendes Vorgehen: Agieren Sie dynamischer und führen das Pferd auf den Schreckreiz zu.

Das Pferd muss nicht direkt über die Plane gehen. Auch hier gilt: Ein Schritt in die gewünschte Richtung ist bereits ein kleiner Erfolg. "Der beste Lohn dafür ist eine Pause", rät Vivian Gabor.

Lernen wie von selbst
Lisa Rädlein
Beim Heranführen von Pferden an neue Untergründe...

Gezielt weiter üben: Wann muss das Pferd Druck nachgeben? "Der Mensch zeigt dem Pferd als guterAnführer den Weg. Beachtet das Pferd die Hilfen nicht, sende ich auch stärkere Signale und baue höheren Druck auf", sagt Yvonne Gutsche.

Den Druck löst sie sofort, wenn ein Zeichen des Nachgebens kommt, etwa Schlecken und Kauen. "Konsequenz ist auch ein Zeichen von Liebe", sagt sie. "So bleibe ich verlässlich fürs Tier."

Lernen wie von selbst
Lisa Rädlein
...sind Pausen wichtig; in diesen verarbeitet das Pferd Gelerntes.

Dynamik und Entspannung sind wichtige Gegenspieler. Ist das Pferd mutig über die Plane gelaufen, darf es danach relaxen. Dafür üben beide Trainerinnen mit ihren Pferden das Kopfsenken: Gutsche über ein Signal vom Bein, Gabor über einen Griff in die Nackenmuskeln.

Tipp: Bei großen Pferden kann der Reiter einen Strick übers Genick legen und darüber leichte Impulse geben. Senkt das Pferd den Kopf, schüttet der Körper Glückshormone aus.

CAV CEWE Fotowettbewerb 2013 Leserfotos Yvonne Dähmlow - Lesertext: Klein, aber oho!
Shetty Power und Herdenchef Donnerdoni lieben es, zusammen auf der Weide zu toben. neu
Verhalten
CAV Stimmung Horsemanship Florian Oberparleiter 1
Reiten
Dieser Artikel kann Links zu Anbietern enthalten, von denen cavallo eine Provision erhält. Diese Links sind mit folgendem Icon gekennzeichnet:
Zur Startseite
Mehr zum Thema Training
TSP Tierschutz
Reiterwelt
Dressurkurs mit Christine Stückelberger
Reiterwelt
Experiment Zügel nachfassen
Reiten
So trainieren Sie das Hinterteil Ihres Pferdes
Training
Mehr anzeigen