In welchem Stall fühlt sich mein Pferd wohl?

So bitte nicht: Horror-Storys aus Ställen

Foto: Lisa Rädlein

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In manchen Ställen erleben Pferdebesitzer ihr blaues Wunder. Über Horrorherden, Gammelheu und die Hofpolizei.

Sie können von Ihrem Stall ein Liedchen singen? Ich auch! Als ich noch Reitbeteiligung war, bin ich ein bisschen rumgekommen. In jedem Stall lernte ich zuerst die „Zehn Gebote“ (manchmal waren es auch mehr), gegen die ich nie wieder verstoßen durfte, ohne mindestens böse Blicke zu ernten.

Nach der Pflicht kam die Kür – die Stallphilosophie: Tragen die Pferde Gamaschen oder Bandagen, reitet man mit Stiefeln oder Chaps, longiert man mit oder ohne Ausbinder? Hier merkte ich dann schnell, ob’s passt oder nicht.

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60 Kilometer einfache Strecke bis zum Stall

Wenn es passt, bleiben Sie bitte, wo Sie sind! Autorin und Pferde-Verhaltenstherapeutin Regina Rheinwald hat für ihr Buch „Servicewüste Pensionsstall?“ unter anderem Stall-Erfahrungen vieler Pferdebesitzer gesammelt – und bekam eine Flut von Zuschriften verzweifelter Menschen.

„Viele Pferdebesitzer werden zu regelrechten Stall-Nomaden“, sagt Rheinwald. „Für einen tollen Stall fahren manche bis zu 60 Kilometer einfache Strecke.“

Artgerecht, das geht auch schlecht

„Die Ställe werden mit viel mehr Pferden vollgestopft, als ursprünglich abgemacht wurde“, schreibt ein Pferdebesitzer der Autorin Regina Rheinwald. „Da sind Rangkämpfe um Schlafplätze und Futter vorprogrammiert. Unser Pferd ist dabei immer wieder unter die Hufe gekommen.“

Kenne ich. Ein Pferd, das ich ritt, stand mit Vorliebe in einem der Futterständer – auch wenn der Trog leer war. Es war eben der einzige Ort, wo das arme Tier seine Ruhe vor der Herde hatte.

Fütterung auf „schwäbische Art“

In vielen Ställen gibt’s zum Frühstück und dann erst wieder zum Abendessen Heu. So wie im alten Stall meiner Freundin. Ihr Wallach wurde im neuen Zuhause zunächst kugelrund. Als er plötzlich ständig Heu vor der Nase hatte, lebte er anfangs nach dem Motto „All you can eat“, als ob es nie wieder etwas geben würde.

Haben Sie auch schon mal beim Heunetz-Füllen eine Staublunge bekommen? Oder wie Aschenputtel – nur ohne Hilfe der Tauben – Pflanzenteile aussortiert, die im Heu nichts zu suchen haben? Die Aussage, die ich bei der Stallsuche mit meiner Freundin am häufigsten gehört habe: „Wenn Ihr Pferd Herbstzeitlose frisst, ist das halt blöd. Unsere lassen die liegen.“

Wer das Zepter in der Hand hält

Manchmal hat der Stallbetreiber eher Scheine als Service im Kopf. Regina Rheinwald wundert sich: „Da muss eine Einstellerin dafür bezahlen, dass sie selbst ihre Box mistet. Einer anderen wird gekündigt, weil sie ihr Pferd aus einem Eimer tränkt.“

Ich selbst habe früher immer abends heimlich Heu aus der Scheune geholt, weil das Abendessen für die Pferde so mager ausfiel. Mir schlug jedes Mal mein Herz bis zum Hals, bis ich die letzten verräterischen Hälmchen von der Stallgasse gefegt hatte.

Erwischt worden bin ich bei einem anderen Fehltritt: Wie jeden Tag brachte ich zwei Pferde auf die Koppel. Die Stallbesitzerin fing mich ab: „Das geht heute nicht! Es ist gefroren! Die Grashalme brechen ab!“ Ihre eigenen Ponys standen allerdings schon auf der Wiese. „Das ist ja was anderes“, fand die Stallbesitzerin.

Die „zehn Gebote“ sind ganz wichtig in einem Reitstall, und seien sie noch so unsinnig. Jedes Schwarze Brett hängt voll von Regeln. Oft sind es gerade die Einsteller, die wie die Polizei darüber wachen. Schnell werde ich zum öffentlichen Ärgernis, wenn ich mal vergessen habe zu kehren oder etwas einfach nur anders mache als alle anderen. Wissen Sie, was ich nicht mehr hören kann? Diesen Satz: „Das haben wir schon immer so gemacht.“ Mit dieser Einstellung wird das Zuhause unserer Pferde bestimmt nicht besser.

14.05.2019
Autor: Nadine Szymanski
© CAVALLO
Ausgabe 4/2019