Mit hauchfeinen Hilfen reiten

Weniger Hilfen, mehr Harmonie

Foto: Lisa Rädlein CAVALLO hauchfeine Hilfen
Zwei wie eins: Innige Paare verschmelzen regelrecht miteinander. Was Reiter und Pferd dazu brauchen? Hauchfeine Hilfen. So schafft das jeder!

Die Außenwelt verschwindet sanft im Hintergrund, alles dreht sich nur noch um Reiter und Pferd – die sich aufeinander einschwingen, als wären sie eins. Das Beste daran: Wir alle können Pferde so harmonisch reiten, mit hauchfeinen Hilfen auf jedem Niveau. Wir zeigen, wie Sie Ihre Signale reduzieren und effektiv miteinander kombinieren – als wären sie unsichtbar.

Sich spüren lernen

Schärfen Sie als erstes Ihre Wahrnehmung für den eigenen Körper. Im Sattel bedeutet das vor allem: Wie bewege ich mich, wie sitze ich, wie fühlt sich das an? „Aus diesem Körpergefühl entwickelt sich ein Reitgefühl“, sagt Ausbilderin und Autorin Isabelle von Neumann-Cosel aus Mannheim. „Also das Gefühl fürs Pferd und meine Bewegungen auf seinem Rücken.“

Korrekte Bewegungsketten können Reiter dann bereits im Kopf auslösen. Stellen Sie sich etwa vor, Ihre Körperteile seien beim Reiten mit Wasser gefüllt, so der Tipp von Ausbilderin Hannah Engler (www.gesundepferde.de). „Auf welcher Seite schwappt es über?“ Oder Sie stellen sich vor, wie es sich anfühlen würde, wenn Ihre Körperteile mit Gummibändern verbunden wären. Gibt es Ungleichgewichte? „Überlegen Sie sich nun, wie es sich gut anfühlen könnte“, sagt Engler. Im Gehirn entsteht so ein Bild von einem elastischen, ausbalancierten Sitz. Gleichzeitig werden auch die Muskeln aktiv, die für so eine Leistung nötig sind, selbst wenn wir uns diese auf dem Sofa vorstellen.

Im Kopf reiten

Auch Lektionen verbessern Sie bereits durch reines Hirnjogging: Reiten Sie zum Beispiel das Schulterherein oder eine Volte zunächst im Kopf, bevor Sie diese im Sattel umsetzen. Wiederholen Sie das Kopf-Kino mehrmals, um das Bild und die dazugehörigen Bewegungen dauerhaft abzuspeichern. Nach einer gewissen Zeit läuft die Hilfengebung automatisch ab.

Schlüsselwörter nutzen

Manchmal reicht auch bloß ein Wort, um ein komplett neues Bewegungsmuster für mehr Feingefühl in Gang zu setzen. Wer etwa den Rücken eines jungen Pferds entlasten möchte, kann sich wie Dressurausbilderin Kathrin Roida (www.kathrinroida.de) leicht wie eine „Feder“ machen. Die Zügel liegen bei ihr so fein in der Hand, als wolle sie ein „Vögelchen“ halten, das sie nicht zerdrücken darf. Das Pferdemaul ist Kathrin Roidas „Heiligtum“.

Ungewöhnlich: „Bei sehr hektischen Pferden denke ich an Fieber“, verrät die Trainerin. „Das nimmt mir jegliche Anspannung, um Hektiker über den Sitz zu beruhigen und mit dem eigenen Körper nicht zu viel Druck auszuüben.“ Hannah Engler rät ihren Schülern gar, sich beim Leichttraben eine „kalte Toilettenbrille“ vorzustellen, um weniger schwer einzusitzen. Reiter, die Oberschenkel oder Schultern hochziehen, sollen sich mit einer „Siebdruckkanne“ vergleichen. Engler: „Der Oberkörper ist der Behälter, in dem der Filter langsam runterdrückt.“ Und schon sackt alles locker ab.

Aufeinander einfühlen

Sie merken: Alles, was Sie denken, drücken Sie mit Ihrem Körper aus. Entsprechend feinfühlig reagiert wiederum Ihr Pferd auf Sie – vom ersten Moment an. Hannah Engler nutzt daher bereits Putzen oder Warmreiten, um sich aufeinander einzustimmen. „Reagiert das Tier beim Berühren einer Körperstelle anders als sonst? Wirkt es müde, pendelt der Hals am langen Zügel nicht wie gewünscht von der Mitte nach unten? Und wie fühlt sich mein Körper beim Warmreiten an?“

Je achtsamer Sie mit sich und dem Pferd umgehen, um so weniger großer Gesten bedarf es – auch beim Lob. Anstatt Pferde nach einer gelungenen Lektion wie einen staubigen Teppich abzuklopfen, verlässt sich Engler auf zarte Signale. „Ich lege beim Reiten den Zeigefinger alle 10 bis 15 Sekunden an den Widerrist.“

Leuchtpunkte mitnehmen

Loben Sie sich zudem unbedingt öfter selbst! Carla Bauchmüller, Centered-Riding-Trainerin aus Kalifornien, nimmt sich dazu imaginäre Leuchtpunkte aus jedem Training mit. „Egal, wie klein diese sind. Und seien es nur drei gute Schritte auf einer langen Seite“, sagt sie. „Darüber freue ich mich bewusst und sage – laut oder im Kopf – ja, das ist es!“ Je mehr Highlights Bauchmüller aneinander reihen kann, „umso leichter fühlt sich das Reiten an, und umso mehr fühle ich mich meinem Pferd verbunden“.

Nehmen Sie die Leichtigkeit aus der Kopfarbeit nun mit in die Reitpraxis. Dabei helfen Ihnen die folgenden Tipps:

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30.05.2018
Autor: Regina Kühr
© CAVALLO
Ausgabe 04/2018