100-Tage-Projekt "Die Drei": Drei Pferde gleichzeitig anreiten

3 Pferde, 3 Wege anzureiten

Foto: Nora Smith CAVALLO 3 Pferde, 3 Methoden anzureiten

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Jedes Pferd ist anders. Das zeigte Ausbilderin Yvonne Gutsche beim 100-Tage-Projekt „Die Drei“, in dem sie drei Pferde gleichzeitig anritt. Hier sind ihre Erfahrungen.

Freibergermix Unique steht in der Reithalle und hat eine Fahne im Maul. „Ich kann nicht mehr“, lacht Yvonne Gutsche. „Unique ist so ein witziges Kerlchen.“ Dann nimmt die Pferdetrainerin die Fahne selbst in die Hand und schwenkt sie vor dem Wallach sachte hin und her. Diese Übung ist Teil ihres Gelassenheitstrainings, das sie mit Pferden vorm Anreiten macht.

Gelassenheitstraining mit Unique

Plötzlich weicht Unique zurück. „Er ist zwar grundsätzlich cool, kann aber von einem auf den anderen Moment auf total besorgt umschalten und lässt dann die kleine Drama-Queen raushängen“, sagt die Trainerin aus Bad Wimpfen, Baden-Württemberg.

Yvonne Gutsche vergrößert den Abstand zwischen Pferd und Fahne. Langsam beruhigt sich Unique und zeigt wieder Interesse an der Fahne. „Bei ihm ist der Schlüssel zum Erfolg, seine Ängste ernst zu nehmen und darauf einzugehen“, erklärt Yvonne Gutsche. „So bekommt er immer mehr Vertrauen in neue Dinge und letztendlich auch in mich.“

CAVALLO ist heute live beim Training mit „Die Drei“ dabei. In diesem Projekt zeigt Yvonne Gutsche in 100 Tagen mit drei unterschiedlichen Pferden und im direkten Vergleich, welche verschiedenen Wege man beim Anreiten von Pferden gehen kann. Schema F gibt es nicht. Damit junge Pferde gut ins Reitpferdeleben starten können, braucht jedes Tier seinen individuellen Trainingsplan, der sich an Körperbau und Charakter sowie an den Bedürfnissen und Talenten des Pferds orientiert.

Fürs Anreiten gibt es kein fixes Schema F

Freibergermix Unique galoppierte zwei Wochen vor dem CAVALLO-Termin noch über die weiten Wiesen der Thüringeti. In der savannenartigen Weidelandschaft am Nordrand des Thüringer Walds leben mehrere hundert Pferde das ganze Jahr unter freiem Himmel. Das Projekt von Heinz Bley ist einzigartig in Deutschland. Nirgendwo wachsen hierzulande Pferde so naturnah auf wie in der Thüringeti.

Das zweite Pferd ist die Mustangstute Princess by Choice. Sie wuchs in freier Wildbahn in den USA auf. Princess ist das Eventpferd vom Mustang Makeover, bei dem Yvonne Gutsche in diesem Jahr ebenfalls mitgemacht hat.

Das dritte Pferd im Bunde ist kein Wildfang, kann aber auch aufdrehen: Araberstute Emmy vom Gestüt Ismer in Ströhen, Niedersachsen.

Der Startschuss für die 100 Tage Training fiel am 23. April 2018. Mustang Princess war zu Trainingsbeginn dünn und schlecht bemuskelt. „Möglicherweise ist sie nicht so gut durch den Winter in den USA gekommen“, sagt Yvonne Gutsche. Hinzu kamen zwei weitere Herausforderungen: Princess hatte Balanceprobleme und extreme Mühe mit Menschen. Die Stute war sehr skeptisch und reserviert. Sie zeigte kein Interesse, wenn die Trainerin die Box betrat. Im Gegenteil: Princess wich zurück. „Meine Annäherungsversuche liefen fast komplett ins Leere“, berichtet Yvonne Gutsche.

Princess: Mustang Makeover wird zweitrangig

Aufgrund dieser Herausforderungen traf die Ausbilderin in Absprache mit ihrem Tierarzt bereits in der ersten Trainingswoche eine wichtige Entscheidung: „Ich stellte das Mustang-Makeover-Finale, bei dem Princess zeigen sollte, was sie in den 100 Tagen gelernt hat, hinten an“, sagt Yvonne Gutsche. „Dieses Pferd musste körperlich und vom Kopf her so aufgebaut werden, dass sein künftiger Besitzer einen echten verlässlichen Partner bekommt. Das war mir am allerwichtigsten.“

Nur was macht man mit einem Pferd, das kein Interesse am Menschen zeigt? Yvonne Gutsche änderte ihre Strategie. Anstatt weiter darauf zu warten, dass Princess ihre Kontakt-Angebote irgendwann von sich aus annimmt, holte sie die Stute aus ihrer Box, ging mit ihr in die Reithalle, machte Führtraining und gab ihr kleine Aufgaben, etwa über eine Plane zu laufen.

Das tat der Partnerschaft gut. Von Tag zu Tag schenkte Princess der Trainerin immer mehr Beachtung und spitzte sogar mal kurz die Öhrchen, wenn Yvonne Gutsche an ihrer Box vorbeilief. „Das war ein riesengroßer Fortschritt“, freut sich die Trainerin und resümiert: „Ich glaube, dass Princess grundsätzlich nichts gegen mich oder Menschen im Allgemeinen hatte. Sie hatte einfach Mühe mit der Gesamtsituation. Und das lag sicherlich nicht nur an der neuen Umgebung, sondern auch am Alter. Princess ist bereits sieben oder acht Jahre alt: eine ‚alte deutsche Eiche‘, wie ich gerne dazu sage. Sie verfügte also bereits über eine gewisse Lebenserfahrung. So ein Pferd von sich zu überzeugen ist schwieriger als bei jungen Pferden wie Emmy oder Unique.“

Die Teenager lernten schneller

Die Araberstute und der Freibergermix waren tatsächlich vom ersten Tag an aufgeschlossen, neugierig und fit fürs Training. Emmy absolvierte die Bodenschule mit Bravour und extrem schnell. Viele Dinge musste Yvonne Gutsche der cleveren Stute nur ein einziges Mal erklären und schon hatte sie es verinnerlicht. „Emmy sog alles wie ein Schwamm in sich auf. Das Training machte einfach nur megaviel Spaß“, erinnert sich Yvonne Gutsche.

Unique zeigte sich bei der Bodenarbeit vorwitzig und frech – ein echter Teenager! Ob beim Führtraining, Longieren oder der Arbeit an der Doppellonge, der Wallach testete die Trainerin permanent. Yvonne Gutsche blieb ruhig und konsequent dran. Das überzeugte ihn, und das Gelernte setzte sich tief im Kopf fest. „Unique ist einfach blitzgescheit“, sagt die Trainerin.

Beim Anreiten wählte sie unterschiedliche Wege

Das erste Aufsitzen und Reiten verlief bei allen drei Pferden unspektakulär. „Man stellt sich das immer so aufregend vor, wenn man es noch nie gemacht hat. Aber wenn Pferde gut vorbereitet sind, gibt es da keine wilde Rodeo-Show oder Ähnliches“, berichtet Gutsche.

Dennoch gab es unterschiedliche Trainingswege: Da sich Unique bei der Bodenarbeit stark an der Körpersprache des Menschen orientierte, blieb die Expertin am Boden und führte den Wallach, während ihre Co-Trainerin im Sattel saß. „So konnte ich Unique über meine Körpersprache mitsteuern“, sagt Yvonne Gutsche. Schritt für Schritt lernte der Wallach so, dem Reiter zu vertrauen und sich auch an ihm zu orientieren.

Bei Princess wählte die Trainerin einen anderen Weg. Sie ritt die Mustangstute ohne Hilfe an. „Princess orientierte sich so sehr an mir; alle Personen am Boden hätten sie nur irritiert“, berichtet die Trainerin. Aufgrund ihres muskulären Zustands arbeitete sie mit Princess stets nur in sehr kurzen Einheiten. „Das tat ihr gut. Sie baute langsam auf“, erzählt Yvonne Gutsche.

Emmy: Ein Hufgeschwür bremste den Fortschritt kaum

Mit Araberstute Emmy war Yvonne Gutsche schon sehr weit unterm Sattel, als ein Hufgeschwür den beiden zwischenzeitlich einen Strich durch die Rechnung machte. Der Tierarzt erlaubte nur, Schritt zu gehen. „Da musste ich mir einen Plan B für dieses hochintelligente und temperamentvolle Pferd überlegen“, sagt Gutsche.

Die Trainerin machte leichte gymnastizierende Übungen wie Schulterherein mit Emmy. Die forderten vor allem den Kopf der Araberstute. Emmy nahm das Alternativprogramm sehr gut an, murrte oder meckerte nicht. „Und nach überstandener Krankheit konnte ich exakt da wieder ansetzen, wo wir aufgehört hatten“, erinnert sich die Trainerin.

Jedoch tauchten andere Herausforderungen auf: Die Araberstute war in die Pubertät gekommen. Sie fing an zu testen, wie authentisch die Trainerin ist, und nahm die Schenkelhilfen des Reiters nicht an. „Da hatten wir zwischendurch auch gestandene Diskussionen“, erzählt Yvonne Gutsche. „Aber selbst in solchen Situationen war Emmy einfach nur ein Genuss für jeden Trainer. Sie ließ sich schnell korrigieren.“ Die Gegenwehr und Ignoranz am Bein bekam die Ausbilderin letztendlich mit Seitwärts-Lektionen wie Schenkelweichen in den Griff.

Unique passte immer auf seinen Reiter auf

Freibergermix Unique entwickelte beim Reiten einen richtigen Kämpfergeist. Anatomisch bedingt fiel es ihm schwer, Kopf und Hals fallen zu lassen. „Aber er strengte sich total an, das trotzdem zu schaffen“, sagt die Trainerin. Und er wurde ein richtiger Team-Player: Beim Reiten passte er auf seinen Menschen auf. Er wollte ihn nicht verlieren und bewegte sich dementsprechend vorsichtig.

Nachdem die Basics in der Reithalle saßen, ging es für die drei Pferde raus ins Gelände. „Mir ist es superwichtig, dass junge Tiere auch viele Dinge aus dem menschlichen Alltag wie Autos, Straßenlärm und neue Situationen kennenlernen“, so Gutsche. Princess entpuppte sich im Gelände als ein mutiges, erkundungsfreudiges Pferd. Sie hatte überhaupt keinen Stress mit Autos oder Straßenüberquerungen. „Aber wehe, wir begegneten Spaziergängern“, berichtet die Trainerin. „Dann war die Stute wie ausgewechselt und hatte große Sorgen.“

Das änderte sich erst eine Woche vor Ablauf der 100 Tage. Yvonne Gutsche war mit Princess zur Messe Eurocheval in Offenburg eingeladen. „Meine Erwartungen waren gleich null wegen der vielen Menschen“, sagt die Trainerin. Überraschenderweise meisterte die Stute die Messe gut. Die Menschenmengen bereiteten ihr keine Probleme. „Ich vermute, sie hat in der fremden Umgebung realisiert, dass mein Versprechen – ‚Ich bin immer bei dir und passe auf dich auf‘ – keine leere Worthülse war, sondern absolut ernst gemeint“, überlegt Yvonne Gutsche.

Prüfungsritt zur Eisdiele

Eine Woche später ging’s zum Finale vom Mustang Makeover in Aachen. Auch hier war Princess ganz gelassen – selbst im großen Stadion mit mehreren tausend Zuschauern. „Nur bei den Prüfungen haben wir nicht so gut abgeschnitten, weil wir die geforderten Sachen im Training nicht geübt hatten. Ich war mit Princess ja auf einem absoluten Basic-Level unterwegs. Also habe ich mir keinen Stress gemacht und habe die Prüfungen eher als eine Art Lehrstunde für uns angesehen. Und dafür hat es Princess richtig gut gemacht“, sagt Gutsche. „Ich bin sehr stolz auf sie.“

Auch für Unique und Emmy gab es eine Art Prüfung am Ende der 100 Tage. Yvonne Gutsche machte mit den beiden einen Ausflug in die Innenstadt von Bad Wimpfen – der Super-GAU für junge Pferde im Hinblick auf neue Eindrücke. „Aber ich hatte bei den beiden ein gutes Bauchgefühl. Sie waren gut vorbereitet“, so Gutsche.

Gesagt, getan: rein in den Anhänger, auf dem Parkplatz in der Stadt ausladen und satteln, durch die Straßen reiten, ein Stopp an der Eisdiele und zum Schluss am Bahnhof vorbei – alles kein Problem für die beiden Pferde. Es gab keinen einzigen kritischen Moment. Die beiden Pferde haben komplett die Nerven behalten. „Ich bin megahappy“, freut sich Yvonne Gutsche.

Was wird aus den Pferden nach 100 Tagen?

Yvonne Gutsche hat es geschafft, ihr Ziel zu erreichen: Aus den drei rohen Pferden wurden in 100 Tagen echte verlässliche Partner, mit denen man viel Spaß haben kann. „Die Basis für ein gutes Reitpferdeleben ist gelegt“, sagt die Expertin.

Und wie geht es mit den Pferden weiter? Princess bleibt in unmittelbarer Nähe der Trainerin. „Meine Wunschbesitzer haben sie in Aachen ersteigert“, freut sich Yvonne Gutsche. Unique wechselt ebenfalls den Besitzer und geht an den Bodensee. Araberstute Emmy bleibt bei Yvonne Gutsche: „Emmy ist schon jetzt total rittig. Danach wird man richtig süchtig. Ich freue mich riesig, dass ich sie weiter trainieren und als Sponsorenpferd behalten darf.“

28.11.2018
Autor: Christiane Wehnert
© CAVALLO
Ausgabe 11/2018