Mustang Makeover: Das wurde aus den 3 Pferden

Ein Jahr mit den Mustangs

Foto: Vogelsang In Bildern: Ein Jahr nach dem Mustang Makeover

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Wie war das erste Jahr mit einem Wildpferd? CAVALLO besuchte drei Pferde vom Mustang Makeover 2017 – ein spannendes Wiedersehen!

Was wurde aus den Wildfängen vom Mustang Makeover 2017? Die Pferde kamen 90 Tage zu einem Trainer, der sie für einen Wettbewerb zähmte und ausbildete. Am Finaltag versteigerten die Event-Organisatoren die Mustangs. Einige Ausbilder kauften ihre Schützlinge selbst, die meisten Mustangs leben jetzt aber bei Freizeitreitern. Eignen sich die jungen Wilden für den Bund des Lebens? Wie verhalten sie sich im Alltag und beim Training? Und welche Herausforderungen und Höhenflüge erlebten die neuen Besitzer im ersten Jahr mit ihrem wild aufgewachsenen Pferd?

CAVALLO besuchte die Mustangs Taipa, Emmi und Goldeneye in ihrem neuen Zuhause. Die drei Stuten sind bereits gute Bekannte für uns. Wir verfolgten von Beginn an ihre Ausbildung und machten uns im letzten Jahr persönlich ein Bild davon, wie Trainerin Maja Hegge (Taipa), Dressurcrack Andrea Bethge (Emmi) und Verhaltensforscherin Dr. Vivian Gabor (Goldeneye) die Wildpferde gezähmt haben. Einen Bericht dazu gab es in der August-Ausgabe 2017. Jetzt fand das große Wiedersehen statt, und es war spannend! Die drei Pferdedamen sind unterschiedliche Charaktertypen, aber es zeigte sich: In manchen Bereichen ticken sie ganz ähnlich.

Um das Verhalten besser einordnen zu können, kurz etwas zum gemeinsamen Hintergrund der Pferde: Die Mustangs sind im Westen der USA geboren und in freier Wildbahn im Herdenverband aufgewachsen. Laut US-Regierung sind die Prärieflächen zu klein für den großen Bestand an Mustangs. Der Staat lässt jährlich Tiere einfangen und bringt sie in Auffangstationen unter. Dort leben tausende Pferde. Sie sollen eigentlich vermittelt werden, doch die Nachfrage ist zu gering. Auch Emmi, Taipa und Goldeneye verbrachten zwei Jahre in einer Auffangstation in Oregon.

Sie bekamen Heu und eine tierärztliche Grundversorgung – hatten dabei jedoch kaum Kontakt zum Menschen.

Taipa klettert im Gelände wie eine Bergziege

Schimmelstute Taipa ist nun fünf Jahre alt. Sie lebt seit einem Jahr auf dem Klosterhof Wenau in Langerwehe/NRW. Einen Tag vorm CAVALLO-Besuch absolvierte sie mit ihrer Besitzerin Silvia Stettinus ihren ersten Wanderritt. Der Reiterin ist die Begeisterung deutlich ins Gesicht geschrieben: „Ich war so positiv überrascht von ihr.“

25 Kilometer ritt sie mit drei anderen Reitern durch Wälder, Dörfer und auf eine Staumauer zum Picknick. Je steiler und schwieriger der Weg, desto mehr war Taipa in ihrem Element. Ihre Besitzerin ließ die Zügel einfach lang – und das Pferd machen.

„Taipa ist wie eine Bergziege“, meint sie. Die Freizeitreiterin hatte seit dem Tod ihrer 32-jährigen Stute fünf Jahre kein eigenes Pferd besessen. Dann sah sie eines Tages den Film „Ungezähmt“. In dem Dokumentarfilm reiten vier Männer mit wilden Mustangs von Mexiko nach Kanada. „Danach war der Traum vom eigenen Mustang geweckt“, erzählt sie.

Silvia Stettinus erfuhr vom Mustang Makeover und verliebte sich auf Anhieb in Taipa. Sie besuchte die Stute bei Ausbilderin Maja Hegge. „Danach hatte ich keine Bedenken mehr wegen eines Wildpferds.“ Der Mustang hat sich vom scheuen Wildpferd zur menschenbezogenen Schmusemaus entwickelt. Dass Taipa dabei aber keine Schlaftablette ist, beweist sie beim CAVALLO-Fototermin. Nach der Freiarbeit fetzt Taipa buckelnd über den Reitplatz. Fotografin Lisa Rädlein hat sich für eine gute Perspektive auf den Boden gelegt. „Pass auf! Sie könnte dich auch als Sprung nehmen, so unerschrocken wie sie ist“, meint Stallchefin Jutta Obst lachend.

Wie ist es denn für die Stallbetreiberin, ein Wildpferd in Pension zu haben? „Wenn alle Pferde so gut zu händeln wären, hätte ich ein leichtes Leben“, meint sie. Taipa ließ sich super in die Herde integrieren. Solange sie nicht in die Enge getrieben wird, ist alles gut. Aber: Wehe, ihr kommt ein anderes Pferd ungebeten zu nahe. Bei einem Spaziergang etwa rückte ihr Wallach Little zu sehr auf die Pelle. Ohne Vorwarnung bekam er die Hinterhufe der Mustangdame zu spüren. Der Wallach war so verblüfft, dass er ohne Diskussion Distanz hielt. Dabei ließ sich der Herdenchef bisher nicht von anderen vertreiben – bis Taipa kam.

Die wild geborenen Mustangs reagieren blitzschnell – das berichteten CAVALLO schon die Profitrainer bei den ersten Besuchen. „Taipa zeigt genau, wenn ihr etwas nicht passt“, sagt Silvia Stettinus. Dann scharrt der Schimmel mit dem Huf oder stampft auf. Die Stute ist zudem sehr neugierig. „Manchmal erschrickt sie vor einem Gegenstand, geht dann aber direkt hin, um ihn zu beschnuppern“, erzählt die Reiterin. Die Mustangstute verfügt über ein ausgeprägtes Erkundungsverhalten.

Geht ihre Reiterin vor, macht Emmi alles mit

Zu einer neugierigen und mutigen Stute hat sich auch M gemausert, genannt Emmi. Die Falbstute war unter der Obhut von Dressurreiterin Andrea Bethge gewesen. Lange Zeit ließ sich der Mustang nicht anfassen und war ängstlich. Die begnadete Dressurreiterin stieg nicht in den Sattel, sondern ließ dem Pferd mit dessen zartem Wesen viel Zeit anzukommen. Ohne Druck. „Ich bin Andrea sehr dankbar. Emmi hat dadurch ein unglaubliches Vertrauen zum Menschen entwickelt“, sagt ihre neue Besitzerin Stefanie Panreck.

Das wird beim Gelassenheitstraining sichtbar. Die Reiterin führt uns ein paar Sachen vor: Sie schwingt eine Fahne über Emmi, lässt sie über Matratzen am Boden gehen und durch Tonnen mit Poolnudeln laufen. Die bunten Schaumstoffnudeln sind dem Mustang sichtbar unheimlich. Emmi verharrt zunächst davor. Aber als ihre Besitzerin vorweggeht, folgt sie ihr. „Emmi lässt sich eigentlich zu allem überreden. Sie zeigt aber auch deutlich, wenn ihr etwas nicht passt“, sagt Stefanie Panreck. Aha, das kommt uns doch bekannt vor. Die wild aufgewachsenen Pferde wissen scheinbar genau, was sie wollen – und was nicht.

Wie reagiert die Reiterin darauf? „Ich vermeide es, unnötigen Druck aufzubauen“, sagt sie. Anfangs wollte Emmi an der Longe etwa nicht antraben. „Wildpferde überlegen sich ihren Energieverbrauch genau.“ Manche Bekannte rieten ihr, eine richtige Ansage zu machen und sich durchzusetzen. „Ich wollte Emmi aber nicht zwingen. Sie sollte es für mich tun“, sagt Stefanie Panreck.

Um Emmi aus der Reserve zu locken, lässt sie sich stets Neues einfallen. Die Strategie fruchtet: Das Pferd macht gute Fortschritte. Stefanie Panreck reitet die Stute seit etwa vier Monaten. „Das Einreiten ging so nebenbei. Ich habe mich immer mal wieder beim Spaziergang auf sie drauf gesetzt“, erzählt sie. Neulich starteten die zwei sogar bei ihrem ersten Turnier und absolvierten eine Trail-Prüfung.

Stefanie Panreck besitzt ein weiteres Pferd, das halb wild aufgewachsen ist: einen Konikwallach. Was schätzt sie an den Wildlingen? „Die Pferde sind unheimlich klar im Kopf – und selbstständig.“ Das beweisen sie etwa beim Podest. Ihrem Araber-Mix muss die Reiterin den Weg runter genau vorgeben. „Beim Konik und beim Mustang lasse ich einfach den Strick lang. Die wissen genau, wie sie ihre Hufe setzen müssen.“

Apropos, Hufe: Prügelt die Stute sich mit den Herdenkollegen? An ihrem Fell sind einige Macken zu sehen. „Emmi ist sehr sozial. Aber wenn ihr wer blöd kommt, setzt sie sich durch“, sagt Stefanie Panreck.

Goldeneye ist eine sehr selbstbewusste Stute

Von dem ausgeprägten Selbstbewusstsein der wild aufgewachsenen Pferde können tatsächlich alle Mustangbesitzer ein Lied singen – auch Andrea Becher. Sie ist die neue Besitzerin von Stute Goldeneye, die Verhaltensforscherin Dr. Vivian Gabor ausgebildet hat.

Die Betreiberin eines Pensionsstalls hat mit ihrem „Isi-Mustang“, wie sie die Fuchsstute mit der Plüschmähne gerne nennt, häufig Diskussionen: etwa darüber, ob man auf dem Weg von der Weide jetzt wirklich zum Stall muss oder nicht noch mal ins Gelände abbiegen kann. „Sie schaut dann demonstrativ Richtung Feld. Und so etwas diskutieren wir nicht nur ein Mal, sondern jedes Mal wieder“, erzählt Andrea Becher.

Wie sieht das denn aus, wenn ein selbstbewusster Mustang diskutiert? „Sie legt dann die Ohren an, droht und spielt manchmal Schnappi das Krokodil“, so die Reiterin. Laut Andrea Becher bleibt es aber bei der Drohung. Wenn die Stute schnappt, berührt sie zwar manchmal den Arm, beißt aber nie wirklich zu. „Danach schaut sie auch sofort weg, weil sie weiß, dass das nicht erlaubt ist.“

Einmal holte die Reiterin sich Ausbilderin Vivian Gabor zu Hilfe. Das Problem: Goldeneye kam beim Longieren immer wieder in den Kreis, kürzte ab und drohte. Vivian Gabor schickte die Stute dann seitwärts und auf Distanz. Bei der Ausbilderin klappte das, dank ihrer klaren Körpersprache, auf Anhieb. Andrea Becher übte fleißig. Die Trainerin riet ihr: „Du hattest doch mal einen Hengst. Stell dir bei Goldeneye auch vor, du hättest es mit einem Hengst zu tun.“ Das Bild half der Reiterin, noch klarer zu kommunizieren.

Macht Goldeneye alles fein, belohnt die Reiterin sie mit Lob und Pausen. Wie Vivian Gabor nutzt sie auch das Kopfsenken als Technik, um das Pferd zu entspannen. „Das funktioniert super“, meint Andrea Becher.

Ein amerikanischer Traum mit Zug zum Menschen

Sie ist trotz der Herausforderungen happy mit ihrem Wildfang. Eigentlich hatte Andrea Becher gar kein eigenes Pferd mehr gewollt. Alleinerziehend, mit Halbtagsjob und eigenem Hof war sie ausgelastet. Auch bei ihr weckte dann der Film „Ungezähmt“ das Interesse am Mustang. Und sie dachte sich: Jetzt, wo die Kinder bald ausziehen, kann auch ein Mustang einziehen.

Sie verbrachte von Anfang an viel Zeit bei Goldeneye: So manche Abende saß sie mit einem Stuhl in der Box und war einfach bei ihr. „Meine Schnecke hatte damit kein Problem, sie fraß einfach um mich rum.“ Der Mustang bewies schon bei Ausbilderin Vivian Gabor einen starken Zug zum Menschen. Das zeigt sich auch bei der neuen Besitzerin. Die Stute lässt Andrea Becher beim CAVALLO-Besuch nicht aus den Augen. Egal wo die Besitzerin gerade hingeht: Goldeneye schaut ihr stets hinterher.

Und wie ist der Mustang beim Reiten? „Toll“, schwärmt Andrea Becher. Sie reitet mit Goldeneye am liebsten aus. Für ihren amerikanischen Traum ist sie extra auf einen Westernsattel umgestiegen. Darin galoppiert sie mit dem Mustang fürs CAVALLO-Fotoshooting übers Stoppelfeld. Ein Anblick, der fast Prärie-Feeling aufkommen lässt.

Nach dem Ritt geht es zurück auf die Weide. Goldeneye bleibt stets noch einen Moment bei ihrer Besitzerin stehen zum Schmusen. „Und das, obwohl frisches Grün für sie eigentlich das Größte ist“, meint Andrea Becher lachend. Tja, aber wenn der Reiter die richtige Kraulstelle gefunden hat, zeigt ein ehemals wilder Mustang eben auch gerne seine ganz zahme Seite.

26.09.2018
Autor: Alena Brandt
© CAVALLO
Ausgabe 09/2018