Richter-Urteil: Warum bekommen schlecht gerittene Pferde gute Noten?

Studie zu Turnierrichtern von Inga Wolfram

Turnierrichter fixieren die Vorhand des Pferds, schauen Genick, Kruppe und den Reiter aber kaum an. Das stellte Dr. Inga Wolframm fest, die den Blicken folgte.
Foto: privat CAVALLO Studie Richter Dressurreiten

Inga Wolframm ist Dozentin an der Fachhochschule Van Hall Larenstein im niederländischen Wageningen.

Die Vorhand liegt vorne. Nicht nur am Pferd, sondern auch in der Gunst der Richterblicke. Das beweist eine Studie der niederländischen Sportpsychologin Dr. Inga Wolframm. Die Forscherin von der Fachhochschule Van Hall Larenstein wollte wissen, warum Richter Dressurprüfungen oft unterschiedlich bewerten.

Deshalb zeigte sie 17 erfahrenen Dressurrichtern einen Grand-Prix-Ritt auf Video. Eine spezielle Brille, der Eye-Tracker, maß die Augenbewegungen der Juroren und zeichnete auf, wie oft die Richter welche Körperteile von Pferd und Reiter fixierten. Die Auswertung ergab, dass Richter auf ganz unterschiedliche Dinge achteten, jeder hatte seinen persönlichen Fokus. Die Teilnehmer zeigten sich andererseits überraschend einig: Alle Richter schenkten einigen wenigen Bereichen deutlich mehr Aufmerksamkeit als anderen.

Besonders oft blieben ihre Augen an der Vorhand hängen, vor allem an den Vorderbeinen. Genick, Hals und Kopf sahen sie seltener an. An der Hinterhand zog nur das Röhrbein viele Blicke auf sich: Kruppe und Schweif fixierten die Juroren kaum. Auch der Reiter stand selten im Fokus, lediglich die Schenkellage wurde ab und zu gecheckt. Dass die Richter auf verschiedene Dinge achten, liegt für die Forscherin am zu großen Umfang der Bewertungsrichtlinien.

„Richter können sich in der kurzen Zeit des Ritts nicht auf alles konzentrieren. Sie müssen sich die wichtigsten Infos herauspicken“, sagt Wolframm. Bei allein sechs Seiten mit Kriterien für die Passage sei es kaum möglich, alle zu beachten. Kleinere Listen mit wenigen, klaren Punkten könnten die Aufmerksamkeit der Juroren gezielter lenken. Man dürfe die Richter aufgrund der Messergebnisse nicht vorschnell verurteilen, betont Inga Wolframm.

„Vielleicht liefert ihnen die Vorhand mehr Infos über die Rittigkeit des Pferds als die Hinterhand.“ Denn die Studie habe nur untersucht, wo die Richter hinschauen, aber nicht, wie sie das Gesehene bewerten. „Allerdings“, meint die Forscherin, „ist das Fixierte auch das, was wahrgenommen wird und am Ende die Beurteilung beeinflusst.“ Um genauer zu klären, wie Blick und Bewertung zusammenhängen, plant Wolframm weitere Studien.

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26.03.2012
Autor: Redaktion CAVALLO/Michael Putz
© CAVALLO
Ausgabe 03/2012